19.10.2018 - 19:32 Uhr

Jürgen Schmidhuber, der Hohepriester der Künstlichen Intelligenz

Die Tage des Menschen als Krone der Schöpfung sind gezählt. Die Zukunft gehört der Künstlichen Intelligenz. Ein beängstigende Vorstellung? Nicht für Jürgen Schmidhuber.

Wenn die Künstliche Intelligenz erwachsen ist, schrieb die amerikanische Zeitung „New York Times“ einst, werde sie zum deutschen KI-Forscher Jürgen Schmidhuber Papa sagen. Bild: R.Farrell/ITU Genf
Wenn die Künstliche Intelligenz erwachsen ist, schrieb die amerikanische Zeitung „New York Times“ einst, werde sie zum deutschen KI-Forscher Jürgen Schmidhuber Papa sagen.

Mit seinem schwarzen Kollar wirkt Jürgen Schmidhuber wie ein Priester, ein Hoherpriester der Künstlichen Intelligenz (KI). Tatsächlich ist er Informatiker und einer der führenden Fachleute für KI auf der Welt. Die Theologen und Pfarrer sitzen im Publikum. Das was er sagt, könnte die Zuhörer arbeitslos machen. Denn für Gott ist in der schönen neuen Welt der KI-Ökologie, die Schmidhuber ausmalt, kein Platz. In dieser Welt ist der Mensch "natürlich nicht mehr die Krone der Schöpfung", sondern die KI-Maschinen. Trotzdem bekräftigt Schmidhuber mehrfach: "Alles wird wunderbar."

Schmidhuber sprach beim evangelischen Medienkongress in München. Unter dem unter dem Titel "Mensch oder Maschine: Wer programmiert wen?" diskutierten zwei Tagen rund 250 Teilnehmer aus Medien, Kirchen und Wissenschaft. In seinem Labor, erzählt der Direktor des Forschungsinstituts für Künstliche Intelligenz (IDSIA) in der Schweiz, gebe es bereits "selbstlernende" Systeme: Diese brauchen keinen Lehrer. Sie treibt aus sich heraus der Wunsch, die Welt zu erkunden. Sie haben niemanden, der etwas eingibt oder gar vorgibt. Es sind Systeme, die sich ihre eigenen Ziele suchen, sagt Schmidhuber. Sie lernen über ein Belohnungs- und Bestrafungssystem. Bald sollen diese KI so schlau sein wie Kapuzineräffchen. Am Ende, so ist Schmidhuber überzeugt, werden die KI der Menschheit in allen Belangen überlegen sein. Dann, so schwärmt Schmidhuber, werden die KI auf der Suche nach Resourcen, um sich weiterzuentwickeln, die Erde verlassen, das Weltall erobern und es schließlich transformieren. Der gesamte Kosmos werde von Sender überzogen sein, mit deren Hilfe die KI reisen würden. Am Ende, so ist er zu verstehen, sei alles nur Information, nur Denken und Lernen.

Schmidhubers Antrieb ist der Wunsch, eine Maschine zu bauen, die mehr kann als er selbst, so dass er sich zur Ruhe setzen kann. Er ist sowohl ein Vertreter des Konzepts einer "starken KI", einer Intelligenz die dem Menschen ebenbürtig ist, als auch ein Verfechter einer "Künstlichen Superintelligenz", einer dem Menschen überlegenen Intelligenz.

Manche tun beides als Science-Fiction ab. Andere glauben, dass es in wenigen Jahrzehnten zumindest gelingen wird, starke KI herzustellen. Die derzeit eingesetzte KI wird als "schwach" bezeichnet, weil sie nur eine einzige Aufgabe lösen kann, etwa die Gesichtserkennung.

Für den Einsatz dieser Technologie sieht Schmidhuber "keinen Markt besser aufgestellt als Zentraleuropa". Vor allem Deutschland sei bestens gerüstet, betont Schmidhuber, der einst an der Technischen Universität München begonnen hat. Er verweist darauf, dass mehr als die Hälfte aller Patente rund um das autonome Fahren in Deutschland lägen. Und: Es sei ein Deutscher gewesen, Ernst Dickmanns, der schon Mitte der 1990er mit einem autonomen Fahrzeug mit bis zu 180 Stundenkilometern über die Autobahnen fuhr - im fließenden Verkehr. Aber, so klagt Schmidhuber, die Amerikaner verstünden sich eben besser auf Werbung. Er fordert von Deutschland massive Investitionen in die KI-Forschung, um mit den USA und China mitzuhalten.

Für Schmidhuber geht die größte Gefahr noch immer von anderen Menschen aus. "Künstliche Intelligenz wird in den Händen von manchen Menschen zum Kampfwerkzeug." Das von ihm, seinem bayerischen und Schweizer Team entwickelte Kompressionsverfahren "Long Short-Term Memory" (LSTM, "langes Kurzzeitgedächtnis") werde nicht nur auf drei Milliarden Smartphones weltweit verwendet, um Sprachen zu übersetzen, sondern auch, um Drohnen des Militärs zu steuern.

 
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