03.09.2019 - 14:21 Uhr
Kaibitz bei KemnathOberpfalz

"Sex and Crime"

Die Geschichte des Ortes Kaibitz und seiner Bewohner ist vielseitig, facettenreich und vor allem wie das Leben selbst bunt.

von Arnold KochProfil

Die Vorsitzende der Freien Wählerinnen aktiv Manuela von Podewils und Hausherr Ely Eibisch begrüßten mit den Kaibitzer Schlossbläsern die vielen Zuhörer, besonders die beiden Referentinnen. Helene Eibisch und Dr. Uta Wigger informierten mit einem bebilderten Streifzug über die Geschichte des Ortes und seiner Bewohner, Schloss- und Gutsbesitzer. Die Gruppe "Malwas" hatte zum Tag des offenen Denkmals 2014 in der Kunstmühle ein vielfarbiges Gesamtkunstwerk in zwölf Grundfarben geschaffen. Anhand dieser abstrakt modernen Bilder heimischer Künstlerinnen beleuchteten beide die ereignisreiche Ortsgeschichte und meist tragische Begebenheiten. In mehreren Episoden durchwanderten die beiden Erzählerinnen Wissenswertes und Einmaliges über Kaibitz, dessen Bewohner von grauer Urzeit bis zum 20. Jahrhundert.

Eibisch betonte, dass Hans Bäte mit seinen steinzeitlichen Funden das Grau der Vorzeit durchstieß. Diese bewiesen, dass bereits vor rund 20 000 Jahren das Gebiet um Kaibitz Menschen beherbergte. Die Geschichten zu den Bildern waren aus verschiedenen Quellen zusammengetragen worden.

Ein "Hammer" in Kaibitz wurde erstmals 1387 urkundlich erwähnt. Der bis heute bestehende Wassergraben zum Antrieb eines Wasserrades am Hammerwerk ist wohl im 15. Jahrhundert gebaut worden.

Nahezu 300 Jahre lang betrieb man in Kaibitz ein eisenverarbeitendes Hammerwerk, bis der Dreißigjährige Krieg dem blühenden Eisengewerbe in der Oberpfalz ein jähes Ende brachte. 1689 erfolgte für einige Zeit eine Wiederbelebung der Eisenverarbeitung in Form eines Schleif- und Bohrwerkes für die Handfeuerwaffenproduktion, die in Kemnath/Fortschau ihren Hauptsitz hatte. Ab 1710 produzierte in Kaibitz für etwa 160 Jahre eine Papiermühle zeitweise 360 000 Blatt Schreibpapier und 500 000 Seiten Druckpapier im Jahr. Wichtig dafür war das sogenannte "Hadernprivileg". Später wurde eine Glas- und Spiegelschleiferei im alten Hammerwerksgebäude eingerichtet.

1882 erwarb Karl Friedrich Eibisch neben dem Schloss auch das Schlossgut mit allen Ökonomiegebäuden und der ehemaligen Glasschleif. 1927 baute der Großvater des heutigen Eigentümers Ely Eibisch das alte Hammerwerksgebäude zu einer Getreidemühle um und war damit sehr erfolgreich. So erhielt der anliefernde Landwirt ein Drittel des gewonnenen Weißmehls als Entgelt. Bis 1962 war diese Mühle in Betrieb, die bis heute erhalten ist. Auch heute noch treibt das Wasser des Hammergrabens einen Stromgenerator an.

"Kaibitz' Geschichte ist bunt wie ein Regenbogen. Modern beschrieben: 'Sex and Crime' über die Jahrhunderte sind die nötige Würze für ein bewegtes Leben. Aus zwölf Geschichten entstanden gleichviel illustrierende Bilder. Von Liebe, Erotik, Mord, Religion bis hin zur Weltliteratur ist alles dabei. Kleiner Ort große Welt", berichteten die Erzählerinnen.

Die Exponate erzählen Geschichten vom Hammerwerk bis zum Mühlgraben, eine Liebesepisode und Skandal in der Reformationszeit, der Kurzbesuch des literarischen Nachlasses von Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann bis hin zur ersten Radioübertragung im Ort. Sommerliche Badefreuden am Hammerweiher und das dortige Holzkreuz galt es ebenso zu bewundern wie das Bild vom Großbrand in 1843, den Diebstahl von Ross und Harnisch, Details eines Mordes im Jahr 1922 und die Geschichte der Kaibitzer Kapelle.

Info:

Helene Eibisch und Dr. Uta Wigger erzählen Skandalgeschichten

Liebe in der Reformationszeit

Um 1505 heiratete Jacob Löhneysen vom Sitz Kaibitz die wesentlich jüngere Margarethe Tolhopf. Sie war die Tochter eines angesehenen und durch Fernhandel vermögend gewordenen Kemnather Ratsbürgers, der auch Herr auf dem Schlackenhof und dem Hammergut Fortschau war. Jakob Löhneysen war höchster Steuerbeamter und Vertreter des Landrichters im Amt Waldeck/Kemnath. Jacob und Margarethe bekamen acht Söhne und eine Tochter. 1521 starb Jacob. Margarethe war nun eine junge Witwe mit neun unmündigen Kindern. In der Trauerzeit begann sie mit dem Kemnather Priester Gilg von Waldthurn, der unter dem Einfluss der Reformation dem geistlichen Stand entsagen wollte, ein Liebesverhältnis, das nicht verborgen blieb. „Ein Priester genannt Gilg von Waldthurn hat mit der Witwe Jacob Löhneysen seeligen ein Kind erzeugt zu merklich großem Nachteil, Schand und Laster ihriger vorigen Kinder, auch der ganzen Verwandtschaft zu einem merklichen Nachteil, Aufruhr und Empörung der ganzen Herrschaft Waldeck…“ Das Paar, das einen Sohn bekam, verließ nach diesem für Kemnath außergewöhnlichen Skandal die Stadt.

Die zwei heirateten am 7. Juni 1525 in Nürnberg, der freien Reichsstadt, in der Kirche St. Sebaldus und führten einen langen, letztlich erfolgreichen Rechtsstreit um die Herausgabe des Hochzeitgutes von Margarethe und die Rückerstattung des Vermögens, das der Vater von Gilg zum Erwerb der Kirchenpfründe geleistet hatte. Margarethe musste ihre neun unmündigen Kinder in Kemnath zurücklassen. Es wurde für diese als Hauptvormund der Bruder von Jakob Löhneysen, Georg Löhneysen, Herr auf Kaibitz, bestellt. Es ist anzunehmen, dass die in Kemnath verbliebenen Kinder in der Familie des Hauptvormunds Georg Löhneysen in Kaibitz Aufnahme fanden und bei den anderen Verwandten und Vormündern wie Wilhelm Löhneysen in Trabitz, den Berncloes in Schönreuth oder bei Thomas Tolhopf in Kemnath unterkamen. Die sieben namentlich bekannten Löhneysenkinder haben alle einen urkundlich nachweisbaren erfolgreichen Lebensweg eingeschlagen.

Literarischer NachlassEin besonderer Besitzer des Schlosses und der literarische Nachlass des Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann

1939 erwarb Dr. Erich Ebermayer, Jurist, Schriftsteller und Drehbuchautor (u.a. „Die Mädchen vom Immenhof“) aus Berlin Schloss Kaibitz und führte aufwendige Reparaturen durch. Bis zu seinem Tod 1970 kehrte er immer wieder auf seinen Besitz zurück. Ebermayer war mit vielen Künstlern und Literaten bekannt. So auch mit Gerhart Hauptmann, der 1912 den Nobelpreis für Literatur erhalten hatte. Am 28. Februar 1945 traf ein großer Teil des literarischen Archivs von Gerhart Hauptmann, in 40 Holzkisten verpackt mit zwei alten Teppichen und einem langen Läufer notdürftig geschützt, auf einem Lastwagen aus Schlesien nach abenteuerlicher Fahrt über Potsdam in Kaibitz ein. Gerhart

Hauptmann, der sich zu dieser Zeit erkrankt in Dresden aufhielt, hatte seinem Freund Dr. Carl Friedrich Wilhelm Behl eine schriftliche Vollmacht erteilt, seine literarischen Dokumente und sein Archiv aus dem schlesischen Agnetendorf vor den herannahenden Russen in Sicherheit zu bringen. Das Ebermayer gehörende Schloss Kaibitz erschien Dr. Behl dafür geeignet. Der überraschte Ebermayer stellte die Kisten nebst weiterem ministeriellen Beipack aus Potsdam im Obergeschoss seines Schlosses ab. Kurze Zeit später traf der von Hauptmann bevollmächtigte Behl auf Kaibitz ein und begann, die Unterlagen zu ordnen. Als Ende März 1945 die Amerikaner das Schloss besetzten, wurden nicht nur der Weinkeller geleert, sondern auch die Kisten des Archivs durchwühlt. Dennoch blieb der Nachlass Hauptmanns erhalten, mit Ausnahme der Briefe an seine zweite Frau Margarete, die sich in einer aufgebrochenen Kiste befanden. Im Dezember 1945 übernahm Dr. Benvenuto Hauptmann, der jüngste Sohn des Dichters, den Nachlass. Dazu hatte er von den amerikanischen Besatzungsbehörden in Regensburg die Erlaubnis erwirkt. Vorangegangen war eine Auseinandersetzung mit Behl, der bislang unveröffentlichte Arbeiten von Hauptmann verschiedenen Theatern und beim Rundfunk angeboten haben soll. Durch diese Ereignisse waren für eine kurze Zeitspanne die Augen der literarisch Interessierten auf Kaibitz gerichtet.

Ein Mord in Kaibitz

Der 61-jährige Heinrich Hösl aus Kaibitz war bekannt für seine Diebestouren. Als er einmal wieder im Kemnather Gefängnis einsaß, lernte er den 19-jährigen Peter Michl kennen, der auch kein unbeschriebenes Blatt war. Nachdem beide auf freiem Fuß waren, machten sie sich in der Nacht auf den 26. August 1922 von Kaibitz aus nach Höflas auf den Weg, um von einem regennassen Feld Gurken und Kartoffeln zu stehlen. Dabei stand Michl das Regenwasser in seinen völlig löchrigen, verschlissenen Schuhen. Auf dem Rückweg entschloss er sich, Hösls Joppe und Stiefel zu entwenden. Gegen 4 Uhr morgens gab es eine lautstarke Auseinandersetzung, im Hause des Heinrich Hösl in deren Verlauf Michl seinen Quartiergeber mit einer Holzhacke erschlug.

Das Opfer fand man am Morgen im blutbesudelten Keller seines Schuppens, der neben dem Fallbach lag. Bekleidet war es nur mit einem nassen Unterhemd und einer nassen Unterhose. Der gesamte Körper war rußverschmiert und eine Hand verkrampft über der Brust. Der Kopf zeigte Blutspuren der Gewaltanwendung. Das Opfer muss wie der „leibhaftige Deifel“ ausgesehen haben und Man sah es als gerechte Strafe an, dass Heinrich Hösl so enden musste, weil er Jahre zuvor die Monstranz aus der Kastler Kirche gestohlen haben soll. Für das Kapitalverbrechen wurde dDer alsbald gefasste Täter Peter Michl nach einem kurzen Gerichtsverfahren wurde zum Tode verurteilt und am 30. November 1922 in Weiden durch Erschießen exekutiert. Dabei trug er noch die gestohlenen Stiefel.

Die Kaibitzer Kapelle

Sie liegt am alten Weg von Kaibitz nach Kemnath idyllisch auf einer kleinen Halbinsel eines dunkelgrün schimmernden von uralten Eichen umstandenen Weihers etwas oberhalb des alten Hammergrabens und sei nach einer schweren Viehseuche „vor langer Zeit“ erbaut worden. Es gibt aber eine Vermutung, dass sich an dieser Stelle bereits im frühen Mittelalter ein sogenannter Burgstall befand, der mit Palisaden umzäunt und von einem Wassergraben umgeben war, um den Bewohnern der Umgebung bei Angriffen Schutz zu gewähren. Die sich nun an dieser Stelle befindliche Kapelle sollte 1804 im Zuge der Säkularisation zerstört werden. Lochner, damaliger Herr auf Kaibitz, nahm das sehr hübsche nach altdeutscher Schule auf Leinwand gemalte Muttergottesbild an sich. Er wollte aber auch die Kapelle vor dem drohenden Untergang retten. Da hatte er den Einfall, dieses in einen Obstdörrofen zu verwandeln. Wieder zu einer Kapelle wurde der Dörrofen 1822. Das Gnadenbild war zwischenzeitlich renoviert worden.

In den Sommermonaten pilgern nun seit mehr als 200 Jahren Gläubige aus der Region zum Gnadenbild, und es werden Andachten gehalten. Diese Kapelle gehört zum Schlossgut der Familie Eibisch, die fortan zur inneren Einkehr einlädt.

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