23.04.2020 - 15:37 Uhr
Kastl bei KemnathOberpfalz

Auch in Kastler Revier: Fürs Rebhuhn zu wenig Rückzugsbereiche

Rebhühner sind zwar Tarnungskünstler, doch in unserer ausgeräumten Landschaft haben sie es trotzdem nicht leicht. Seit 2015 stehen sie in Deutschland auf der Roten Liste. Mit dem Vermerk: stark gefährdet.

Am Kastler Berg hält Bruno Ponnath Ausschau nach Rebhühnern. Wenn sie sich wohlfühlen sollen, sind Heckenstrukturen, offene Sandwege zum Hudern und Altgrasstreifen wichtig.
von Christa VoglProfil

Bruno Ponnath ist Jäger und in dieser Funktion zugleich "Anwalt der Natur". Zu den gefährdeten Mandanten in seinem Revier zählen die Rebhühner. Sie bereiten ihm große Sorgen. Doch das war nicht immer so.

"Seit ich zurückdenken kann, gab es im Jagdrevier Kastl Rebhühner. Aber im Zuge der Flurbereinigung Anfang der 1970er Jahre reduzierte sich ihre Anzahl dauerhaft auf ungefähr drei Pärchen. Obwohl sie regelmäßig brüteten, blieb es konstant bei diesem sehr kleinen lokalen Bestand", erklärt Bruno Ponnath, Jagdpächter und auch Leiter der Hegegemeinschaft Kemnath. "Die Situation war sehr unbefriedigend, ich wollte den Rebhühnern helfen."

Als Jäger weiß er natürlich, woran es hapert und was die Rebhühner daran hindert, sich zu vermehren und eine überlebensfähige Population zu bilden. Also beginnt er mit einigen Nachbarrevieren, die Ursachen zu bekämpfen. Unterstützung erhalten sie von der Unteren Naturschutzbehörde und vom Jagdverband. Ponnath holt einige Bauern, die in seinem Revier Felder bewirtschaften, mit ins Boot. Über das Bayerische Kulturlandschaftsprogramm (Kulap) setzt er Maßnahmen wie zum Beispiel das Wiesenbrüterprogramm um, ohne dass dabei für die Landwirte finanzielle Verluste entstehen.

Areale angepasst

Zeitgleich verschafft sich Ponnath einen Überblick über öffentliche Flächen in seinem Revier. "Meist handelt es sich dabei wirklich um sehr kleine Areale, die aber trotzdem überlebenswichtig sind, weil sie als Rückzugsgebiet dienen können", erklärt er. Er holt sich die Zustimmung des Bürgermeisters, hält Rücksprache mit den Landwirten, denen die angrenzenden Felder gehören, und beginnt diese kleinen Bereiche zusammen mit einigen Mitstreitern Schritt für Schritt umzugestalten, um sie den Bedürfnissen der Rebhühner anzupassen. Denn es ist kein Geheimnis, was in der Vergangenheit zur Dezimierung des Rebhuhnbestands führte: der Verlust von Brutplätzen durch die großflächige Zerstörung von Brachen, Hecken und Feldrainen, der Insektenmangel auf den Feldern durch Pestizideinsatz und auch die angestiegene Bedrohung durch natürliche Feinde und den Menschen.

Von drei auf sieben

Das Projekt entwickelt sich gut. Eigentlich sogar sehr gut. Innerhalb von acht Jahren wächst die Population von drei Rebhuhn-Brutpaaren auf sieben Ketten (Eltern mit den dazugehörigen Jungvögeln). Eine Erfolgsgeschichte? Nicht ganz. Nach einigen Jahren werden vom Landwirtschaftsministerium bestimmte Kulap-Maßnahmen abgeändert, auch fest eingeplante Förderungen entfallen. Die Folge: Innerhalb von nur zwei Jahren verschwinden die Ketten. 2019 sind im Jagdrevier Kastl schließlich nur noch ein oder zwei Rebhuhnpärchen vorhanden. Wieder zurück auf Anfang. "Es ist grundfalsch, den Landwirten für diese Entwicklung den Schwarzen Peter zuzuschieben", betont Ponnath. Denn sie seien Gefangene des bestehenden Subventionssystems. Dann führt er ein weiteres Beispiel-Projekt an, das allenthalben begeisterte Unterstützung erfuhr, dem aber der Wind aus den Segeln genommen wurde: "Ich vereinbarte mit den Landwirten das Belassen der Stoppelbrachen, um für die Rebhühner notwendige Strukturen während der Wintermonate zu schaffen. Für diese Maßnahme gab es durch Förderprogramme auch finanzielle Unterstützung." Ergebnis: Die Stoppeln blieben zwar wie vereinbart während der Wintermonate stehen, doch das dafür vorgesehene Geld für die Landwirte wurde erst ungefähr drei Jahre später ausbezahlt.

Vernetzte Flächen wichtig

Es sei verständlich, so Ponnath, dass solche Verzögerungen nicht unbedingt förderlich seien für die Zustimmung der Landwirte zu bestimmten Maßnahmen. Rückblickend ist er überzeugt, dass die Einzelmaßnahmen, so wie sie in seinem Revier in Kastl erfolgten, "ohnehin nur Kosmetik sind", also am grundsätzlichen Dilemma nichts ändern. Denn: "Solange in der Landwirtschaft nach dem Grundsatz ,Je größer, desto besser' gearbeitet wird, haben wir keine Chance. Wir haben erst eine Chance, wenn eine gewisse Menge an Flächen vorhanden ist, die miteinander vernetzt sind. Und dazu brauchen wir die Bauern." Doch die Landwirtschaft müsse sich nach den Subventionen richten, nach der EU-Agrarpolitik. Und diese stehe nicht immer mit der Naturschutzpolitik im Einklang.

Kann man diesen Teufelskreis durchbrechen? Ja, ist sich Bruno Ponnath sicher: "Die übergeordnete Agrarpolitik muss festlegen, dass ein Teil der Fläche eines jeden Landwirts nicht mehr bewirtschaftet wird." Der Landwirt fungiere dabei als Arten- und Naturschützer und erhalte als solcher finanzielle Unterstützung. Und: "Die Lösung des Problems liegt in den Rückzugsgebieten für die Natur. Denn auch wenn es auf den intensiv bewirtschafteten Flächen Verluste, zum Beispiel durch Pestizideinsatz, gibt, kann das mit diesen Naturinseln zum Teil wieder ausgeglichen werden." Außerdem, bekräftigt Ponnath, lernten Tiere sehr schnell, wo sie Sicherheit finden und wohin sie bei Gefahr flüchten können.

Und noch etwas sei enorm wichtig: Förderungen müssten langfristig und zuverlässig ausgelegt sein, damit sich die Landwirte und die Natur darauf verlassen und damit rechnen könnten. Denn an den Landwirten liege es nicht: "Man muss ein bisschen mehr mit den Leuten draußen reden. Sie sind bereit, etwas für die Natur zu tun, wenn sie nur ehrlich behandelt werden. Ehrlichkeit beginnt schon damit, dem Landwirt einen gerechten Preis für seine Produkte zu bezahlen. Das würde auch einen erheblichen Teil der Subventionen einsparen."

Doch auch auf lokaler Ebene gibt es seiner Meinung nach Maßnahmen, mit denen die Wiederansiedlung von Rebhühnern unterstützt werden kann. Beispielsweise in Zusammenarbeit mit dem jeweiligen Revierpächter. Egal, ob es um die richtige Pflege der Hecken, die Identifizierung öffentlicher Flächen, ein angepasstes Mähkonzept, Anlegen von Ackerrandstreifen und Magerrasenstreifen, die Aussaat von passenden Saatmischungen, Schaffung offener Stellen zum Hudern, das Belassen von Stoppelfeldern oder auch das Anlegen von Strukturen für den Winter geht.

Erfolg ungewiss

Für die Rückkehr des Rebhuhns ist laut Ponnath erfahrungsgemäß ein langer Atem notwendig. Wenn er vom Rebhuhn spricht, dann meint er damit generell die Population der Offenlandschaft, wozu auch beispielsweise die Goldammer und der Kiebitz gehören. Ob die Bemühungen überhaupt erfolgreich sind, ist dabei ungewiss. Aber man dürfe nicht nur die Rückkehr des Rebhuhns als alleiniges Ziel im Visier haben. Denn: "Durch die Maßnahmen auf lokaler Ebene werden sich auch wieder andere Tiere, wie Blindschleichen, Frösche und Vögel neu ansiedeln." Und das wäre doch auch schon ein durchaus beachtliches und wertvolles Etappenziel auf dem langen Weg - zur Rückkehr des Rebhuhns und seiner Artgenossen.

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