07.04.2020 - 17:25 Uhr
KemnathOberpfalz

Das Beste aus der Coronakrise machen

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Sozialpädagogin Jessika Wöhrl-Neuber vom Kemnather Familienzentrum Mittendrin gibt Tipps für Familien in Corona-Zeit.

Ein Bäcker hat Muffins mit Nase-Mund-Schutz gebacken. So etwas können Familien auch zu Hause nachmachen, rät Jessika Wöhrl-Neuber.
von Elisabeth Schätzler Kontakt Profil

Ausgangsbeschränkungen, geschlossene Spielplätze, Arbeit von zu Hause aus – die Auswirkungen des Coronavirus bekommen derzeit vor allem Familien zu spüren. Wenn die Kinder normalerweise im Kindergarten oder in der Schule sind, die Eltern in die Arbeit gehen und Oma und Opa babysitten, ist der Alltag normalerweise strukturiert und ausgeglichen. Doch gerade jetzt kommen viele an ihre Grenzen. Jessika Wöhrl-Neuber hat Tipps, was Eltern mit ihren Kinder während der verordneten Ausgangsbeschränkungen unternehmen können beziehungsweise, wie Familien diese oft schwierige Zeit überstehen.

Jessika Wöhrl-Neuber vom Familienzentrum Mittendrin.

Zunächst einmal sollten die Ängste der Kinder ernst genommen werden. Eltern sollten laut der Sozialpädagogin versuchen, kindgerecht zu erklären, wieso gerade alle zu Hause bleiben müssen. „Je nach Alter sollten Eltern dem Kind nahebringen, was Worte wie „Pandemie“ bedeuten, die jeden Tag aus dem Fernseher und dem Radio kommen“, sagt die Leiterin des Familienzentrums Mittendrin in Kemnath.

„Eltern müssen nicht immer stark und allwissend sein“, betont sie. „Wenn man sich selber verunsichert fühlt und nicht mehr weiter weiß, kann man das dem Kind auch sagen.“ Kinder hätten demnach sehr gute Antennen und ein hohes Einfühlungsvermögen. „Sie spüren sowieso, dass etwas nicht stimmt.“ Eltern sollten ihren Töchtern und Söhnen wieder kindgerecht erklären, dass sie gerade auch keine Antwort auf die Frage haben, wie lange zum Beispiel keine Freunde zu Besuch kommen dürfen.

„Dabei ist aber wichtig, dass Eltern den Kindern das Gefühl vermitteln, dass alles wieder gut wird und alle gemeinsam die Situation zusammen bewältigen werden“, sagt Jessika Wöhrl-Neuber weiter. „Lassen Sie sich nicht von Panikmache anstecken, sondern vermitteln Sie Hoffnung und die Aussicht darauf, dass sich die Lage wieder ändert.“

Auftauchende Ängste oder auch Wut könnten gut mit kreativen Techniken bewältigt werden. Kinder können ihre negativen Gefühle auch dem Papier schenken und beispielsweise malen oder aufschreiben, was sie gerade bedrückt. „Wenn man möchte, kann man aus dem Papier dann einen Flieger falten und aus dem Fenster segeln lassen“, rät die Sozialpädagogin. „Was auf dem Papier ist, ist schon nicht mehr nur im Kopf.“

Gemeinsam kann außerdem ein Bild gestaltet werden, wie zum Beispiel Superhelden das Coronavirus bekämpfen und dabei ihre Spezialkräfte einsetzen. „Besonders Jungs sind hier bestimmt mit Feuereifer bei der Sache.“ Mit älteren Kindern können gemeinsam Corona-Muffins gebacken werden – oder vielleicht sogar ein Klopapier-Kuchen mit weißem Fondant.

„Wichtig ist es, den Kindern genug Raum zu geben, ihre Energie loszuwerden.“ Dazu sei es optimal, gemeinsam als Familie in die Natur zu gehen. „Auch, wenn die Spielplätze gesperrt sind, findet sich zum Beispiel im Wald immer ein Flecken, wo man keinen stört und die Kinder sich frei bewegen und austoben können.“ Tipp für ein Spiel im Wald: Wer schafft es, die meisten Fichtenzapfen in der schmalen Lücke zwischen zwei Bäumen durchzuwerfen? „Aus Naturmaterialien wie Zapfen, die gesammelt werden, kann auch später daheim etwas Kreatives gestaltet werden“, sagte Jessika Wöhrl-Neuber weiter. Hier komme es nicht darauf an, etwas „Schönes“ in den Augen von Erwachsenen zu schaffen, sondern dass Kinder ihr Seelenleben und ihre Freude am Gestalten mit den Materialien ausdrücken können.

Auch in der Wohnung kann ein Bewegungsparcours aufgebaut werden, bei dem beispielsweise der Boden nicht berührt werden darf oder es verschiedene Spielstationen gibt, an denen unterschiedliche, kleine Aufgaben erledigt werden sollen. „Vielleicht baut sich die ganze Familie im Wohnzimmer am Wochenende sogar eine Höhle, in der gemeinsam übernachtet wird“, schlägt sie vor.

„Es tut immer gut, sich auf das Positive zu fokussieren“, weiß die Mittendrin-Leiterin. Unglaublich Freude mache es, miteinander alte Fotos anzuschauen und sich an die schönen und lustigen Momente zu erinnern. „Unser Gehirn kann nicht zwei Bilder gleichzeitig projizieren. Wenn man an etwas Positives denkt, sind zumindest für diesen Augenblick die negativen Gefühle ausgeschaltet.“

Weiter sagt Jessika Wörhl-Neuber: „Halten Sie auf jeden Fall Kontakt zu den für die Familie wichtigen Menschen.“ Wie wäre es, einen altmodischen Brief mit einem selbst gemalten Bild oder Foto an Freunde oder Verwandte zu verschicken? Oder ein Päckchen mit selbstgebackener Nervennahrung? „Für größere Kinder ist es sehr hilfreich, wenn sie durch die modernen Medien Kontakt mit ihren Freunden halten können.“

Gerade jetzt im Frühling biete sich gärtnern als sinnvoller Zeitvertreib mit Kindern an. „Auch ein paar Kressesamen in Blumentöpfen können noch schnell als Osternest angesät werden.“ Weiterhin spreche nichts dagegen, Kinder schon frühzeitig in bestimmte Aufgaben im Haushalt einzubeziehen und dies spielerisch zu gestalten. „Kinder möchten gebraucht werden und sollen ihren Teil zum Gelingen des Familienalltags beitragen“, weiß die Sozialpädagogin.

Machen Sie Pläne für die Zeit hinterher, lautet ein weiterer Rat. Wohin soll der nächste Familienurlaub gehen und was wird da gemacht? „Hier darf gern die Fantasie eine große Rolle spielen: Vielleicht möchten die Kinder ja mit einer Rakete auf den Mars fliegen? Was werden sie dort essen? Wie würde das Hotelzimmer aussehen? Vielleicht können die Kinder hier eine spannende Abenteuergeschichte erfinden.“

Und auch die Eltern dürfen gern verrückt sein: „Holen Sie die Kiste mit Faschingskostümen aus dem Keller und lassen Sie sich mit geschlossenen Augen von Ihrem Nachwuchs schminken“, rät sie. „Spätestens, wenn der Papa dann als Prinzessin mit Krönchen und rosa Lippen am Esstisch sitzt, ist der Corona-Bann gebrochen.“

„Das Wichtigste ist, miteinander im Gespräch zu bleiben und diese so herausfordernde Zeit zu nutzen. Vielleicht blickt die Familie dann später darauf zurück, weil es so eine intensive Familienzeit mit völlig neuen Spielen oder Ritualen war“, betont Jessika Wöhrl-Neuber. „Vielleicht möchten die Kinder jeden Tag einen Zettel mit einem schönen Erlebnis während dieser Zeit in eine eigens gestaltete Schachtel werfen. Dann hat man hinterher oder auch bei Tiefpunkten zwischendurch eine echte, kleine Schatzkiste.“

Besonders bei kleineren Kindern empfehle sich die Einhaltung eines festen Tagesablaufs, damit den Eltern abends nach manchmal unplanbaren und chaotischen Tagen etwas Zeit für sich bleibt. „Haben Sie kein schlechtes Gewissen, wenn Ihnen alles zu viel wird. Wechseln Sie sich ab und nutzen Sie bewusst Pausen für sich.“ Ruhe genießen und allein raus in die Frühlingssonne und Energie tanken, sind Beispiele. „Eltern müssen nicht pausenlos die Kinder bespaßen. Kinder können sich durchaus eine Zeitlang alleine beschäftigen, wenn Sie wichtige Aufgaben verrichten müssen oder eine Telefonkonferenz haben.“ Eine Kiste mit speziellen Spielzeugen biete sich an, die nur in solchen besonderen Momenten hervorgeholt wird.

Info:

Wichtige Internetadressen

Im Internet gibt es unzählige Seiten mit vielen Anregungen für die momentane Situation, zum Beispiel unter www.gesundmachtschule.de oder www.nabu.de, kindgerechte Nachrichten und Erklärungen finden Eltern unter www.zdf.de in den logo-Nachrichten.

„Machen Sie sich klar, dass es sich um eine Ausnahmesituation handelt, die wieder vorübergehen wird. Wenn Probleme auftreten, Sie Existenzsorgen haben oder sich vor anderen Herausforderungen sehen, sind die üblichen Beratungsstellen natürlich telefonisch nach wie vor erreichbar“, sagt Jessika Wöhrl-Neuber. „Auch unter der Internetadresse www.mittendrin-kemnath.de helfen wir gern bei der Suche nach der richtigen Hilfsmöglichkeit weiter.“

Das Familienministerium bietet ebenfalls online Hilfe an: www.bmfsfj.de/bmfsfj/themen/familie/notfall-kiz-hilft-familien-mit-klein....

Info:

Bunter Bilder für Bewohner

Die Bewohner des BRK-Seniorenheims in Kemnath freuen sich immer über bunte Bilder, weiß Jessika Wöhrl-Neuber. Kinder, die gerne malen, dürfen den Senioren mit ihren Werken eine Freude machen. Das Bild können sie einfach in den Briefkasten des Familienzentrums Mittendrin werfen. Jessika Wöhrl-Neuber und ihr Team werden die Bilder dann an das Seniorenheim übergeben.

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