14.11.2021 - 10:39 Uhr
KemnathOberpfalz

"Innovative Hausarztschmiede" geht im Landkreis Tirschenreuth an den Start

Die "innovative Hausarztschmiede" soll die gesundheitliche Versorgung im Landkreis verbessern. Bei einem Pressegespräch informieren Landrat Roland Grillmeier, Projektkümmerin Laura Ott und Dr. Peter Deinlein über die nächsten Schritte.

Das Projekt "innovative Hausarztschmiede" kann offiziell starten. Landrat Roland Grillmeier (von links), Projektkümmerer Laura Ott und Dr. Peter Deinlein informieren über die Maßnahme, die mit 205.000 Euro auf drei Jahre von Freistaat Bayern und dem Landkreis gefördert wird.
von Lucia Brunner Kontakt Profil

Seit fast drei Jahren ist die Hausarztschmiede im Landkreis in Vorbereitung. Dabei geht es in erster Linie um die Verbesserung der ärztlichen Versorgung vor Ort. Und das ist dringend notwendig, denn in den kommenden Jahren werden voraussichtlich immer mehr Ärzte fehlen. Wie sich die Situation darstellt, erklärt Dr. Peter Deinlein anhand des "Versorgungsatlas Hausärzte" der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern (KVB).

Hier ist der Landkreis Tirschenreuth in die Versorgungsgebiete Kemnath, Tirschenreuth und Waldsassen unterteilt. Der Bereich Kemnath umfasst noch die Orte Neusorg, Immenreuth, Kulmain, Ebnath, Kastl, Erbendorf. "Hier liegt die Versorgungsquote bei 113,63", sagt Deinlein. Bei näherer Betrachtung fällt auf, dass 44 Prozent der praktizierenden Hausärzte älter als 60 Jahre sind. Im Bereich Tirschenreuth sieht es ähnlich aus. Dazu zählen neben der Kreisstadt auch Mitterteich, Pechbrunn, Wiesau, Fuchsmühl, Plößberg und Bärnau. Dort liegt die Versorgungsquote bei 84,57. Rund 47 Prozent der Ärzte sind im Alter über 60 Jahren.

Ein Arzt in Waldershof

Ein weiteres Problem: "In Waldershof gibt es gerade mal einen Arzt, obwohl die Gemeinde von der Fläche so groß wie Kemnath ist. Doch der Ort zählt zum Versorgungsgebiet Wunsiedel/Marktredwitz." Dort herrsche wie auch im Landkreis Bayreuth ebenfalls eine Unterversorgung, erklärt Deinlein. In Städten und Ballungsgebieten ist die Situation oft besser. Das Versorgungsgebiet Regensburg zum Beispiel hat einen Versorgungsgrad von 126,23 und lediglich 28,6 Prozent der Ärzte sind älter als 60.

Die Situation zwingt den Landkreis Tirschenreuth, zu handeln. Und jetzt darf er das auch offiziell: Das Projekt "innovative Hausarztschmiede" kann starten. Darüber informierten in einem Pressegespräch in der Gemeinschaftspraxis Dr. Deinlein in Kemnath Landrat Roland Grillmeier, der Initiator Deinlein und Laura Ott, die als "Kümmerer" die Koordination und Organisation übernehmen wird.

Als ursprünglicher Starttermin war der 1. Juli 2021 vorgesehen. Doch zunächst gab es keine Genehmigung bei Fördergeldern. "Es mussten Dinge nachgebessert werden", erklärt Deinlein. Auch mit Hilfe einer Änderung der Richtlinie wird die Maßnahme, die sich in den kommenden drei Jahren auf 210.000 Euro beläuft, zu 50 Prozent über das bayerische Gesundheitsministerium gefördert. Das sei auch mit der Unterstützung von Gesundheitsminister Klaus Holetschek und MdL Tobias Reiß gelungen. "Die andere Hälfe übernimmt der Landkreis", erklärt Grillmeier. Insgesamt sollen aber vom Landkreis 300.000 Euro in die Maßnahme fließen.

Landarzt als attraktiver Beruf

"Wir wollen Ansprechpartner für angehende Mediziner sein. Es soll ein Kümmerernetzwerk entstehen", holt der Landrat weiter aus. Deinlein, der seit 2015 im Hausärzteverband tätig ist, hat dort gesehen, wie andere Regionen um Personal werben. Das Rad wurde für den Landkreis Tirschenreuth nicht neu erfunden. "Wir brauchen Ärzte, die Wissen weiter geben, und junge Mediziner, die hierher kommen wollen", betont Deinlein. Aber ist es denn attraktiv für junge Mediziner, als Landarzt zu arbeiten? "Es kann sehr, sehr spannend sein. Der Hausarzt ist auf dem Land wie ein Spielmacher im Fußball", antwortet Deinlein. Der steuere umfassender die medizinische Versorgung von Patienten. Zudem seien die Bereitschaftsstunden nicht mehr so zeitraubend wie früher üblich.

Deinlein geht auf die nächsten Schritte der Hausarztschmiede ein: So soll in der ersten Phase, die rund sechs Monate in Anspruch nimmt, eine Sondierung und Bestandsaufnahme stattfinden. Auf diese Weise sollen Kontakte geknüpft und die Homepage entsprechend erweitert werden. Ab April/Mai 2022 geht es dann in die konkrete Umsetzung. Dabei soll noch einmal ein Aufruf an Arztpraxen gehen, Lehrpraxen zu werden. Wichtige Bestandteile des Konzepts sind der Aufbau eines Nachwuchs-Netzwerks und die Förderung von Lehrpraxen vor Ort. Deinlein betont: "Auch als Arzt kann man das nicht nebenbei machen. Ärzte sind Versorger, die Ausbildung ist eine Zusatzaufgabe, die Unterstützung braucht." Hilfe gibt es in diesem Bereich auch von der Koordinierungsstelle Allgemeinmedizin in München, die Ärzte in Sachen Weiterbildung berät, und dem Kompetenzzentrum Weiterbildung in Erlangen, das Mediziner schult.

Unterstützung bei Ausbildung

Bei der Ausbildung von Allgemeinmedizinern gibt es verschiedene Stufen. Wie Deinlein erklärt, wird bereits in der Anfangsphase ein Praktikum zur Berufserkundung gefordert. "Im fünften oder sechsten Semester muss ein weiteres Praktikum von einem Monat gemacht werden." Solche Plätze seien durchaus gefragt bei Studenten. Im weiteren Verlauf des Studiums folgt ein Praxissemester, das auch in einer Ausbildungspraxis gemacht werden kann. Die Facharztweiterbildung zum Allgemeinmediziner dauert dann weitere fünf Jahre. Der Teil Innere Medizin könne in den Krankenhäusern in Tirschenreuth oder Kemnath absolviert werden. Hier ist laut Landrat Roland Grillmeier die Unterstützung der Kliniken Nordoberpfalz AG bereits zugesichert worden. Die weitere Ausbildung kann dann in einer Hausarztpraxis im Landkreis erfolgen. Hat der angehende Mediziner dann eine Möglichkeit, sich vor Ort niederzulassen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass er in der Region bleibt.

Laura Ott als "Kümmerer"

Als Bindeglied zwischen Landkreis, Ärzten und Studenten soll Laura Ott aus Kemnath als „Kümmerer“ eingesetzt werden. Die 26-Jährige Gesundheits-Ökonomin, die in Bayreuth studierte, bringt Erfahrung aus ihrer Tätigkeit als Controllerin am Krankenhaus in Kronach mit. „Es ist wichtig, dieses Problem anzugehen. Das ist auch für Patienten wichtig und sorgt für Vertrauen.“ Ihre Aufgabe wird es sein, Studenten dafür zu gewinnen, in den Landkreis zu kommen und für Allgemeinmedizin zu begeistern. Sie wird sich um die Organisation kümmern und versuchen, Ansprechpartner zu finden. Dabei hat sie kein festes Büro, sondern besetzt die Stelle über Mobiles Arbeiten.

Deinlein betont zum Schluss, dass die Hausarztschmiede nicht nur im Bereich Allgemeinmedizin gefragt sei, sondern auch Fachärzte gefragt seien. „Auch hier kann schnell eine Unterversorgung entstehen.“ Wer Kontakt zu den Projektinitiatoren aufnehmen möchte, kann das per E-Mail mit der Adresse info[at]hausarztschmiede[dot]de tun.

Das Projekt "innovative Hausarztschmiede" wartete im Sommer auf die Fördergenehmigung

Tirschenreuth

Im März stellten die Initiatoren die "innovative Hausarztschmied" im Kreisausschuss vor

Tirschenreuth
Hintergrund:

Die "innovative Hausarztschmiede"

  • Die Maßnahme ist für drei Jahre angesetzt.
  • Kosten: 250.000 Euro. Die Hälfte wird über den Freistaat Bayern gefördert.
  • Im Rahmen des Programms ist der Aufbau eines Nachwuchs-Netzwerks vorgesehen.
  • Hinzu kommt die Förderung von Lehrpraxen vor Ort.
  • Geplant sind auch Projektwochen auf dem Land.
  • Die klinische Weiterbildungsstruktur soll ausgebaut werden.

 

 

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