20.01.2020 - 14:13 Uhr
KemnathOberpfalz

„Wir sind Kemnather geworden“

Sabri und Hanim Celik kamen vor 30 Jahren mit ihrer kleinen Tochter als Asylbewerber nach Deutschland. Sie verließen die Türkei auf der Suche nach einer besseren Zukunft. In Kemnath konnten sie ihren Traum verwirklichen.

Der Obst- und Gemüseladen der Familie Celik ist aus Kemnath nicht mehr wegzudenken
von Christa VoglProfil

"Meine Frau und ich kommen aus dem Osten der Türkei, dort wo auch die Kurden beheimatet sind. Wir sind Christen und unsere Muttersprache ist aramäisch, eine sehr alte Sprache", erzählt Sabri Celik in fast akzentfreiem Deutsch, während er in seinem kleinen Obst- und Gemüseladen eine Kundin bedient. "Im Südosten der Türkei liegt Nordmesopotamien mit dem Gebirge Tur Abdin, auf deutsch übersetzt 'Berg der Knechte (Gottes)' und da waren wir zu Hause."

Sabri und Hanim Celik sind 15 und 19 Jahre alt, als sie heiraten. Jung zu heiraten ist in ihrer früheren Heimat nichts Besonderes. Da die beiden Verwandte in Deutschland haben, die bereits in den 1960er Jahren ausgewandert sind, entschließen sie sich, ebenfalls einen Asylantrag zu stellen. Mit dieser Entscheidung sind sie eine Familie von vielen, die sich zu dieser Zeit auf den Weg in ein neues Leben macht. Daher ist es nicht verwunderlich, dass heute Dörfer im Südosten der Türkei oftmals wie ausgestorben wirken. Teilweise wohnen dort nur noch ein paar Alte, die Jungen sind entweder in die Stadt gezogen oder leben jetzt überall verstreut in Europa.

Der Traum vom eigenen Geschäft

Sabri und Hanim Celik kommen am 23. August 1989 mit ihrer kleinen Tochter in Kemnath an und werden mit ungefähr 50 weiteren Asylbewerbern in der ehemaligen Handschuhfabrik Richter einquartiert. "Ein Bus brachte uns von Zirndorf nach Kemnath in das Heim in der Amberger Straße, wo wir dann knapp zwei Jahre wohnten." Die Freude ist groß, als die Familie nach dieser Zeit endlich ihre Aufenthaltsgenehmigung und damit verbunden auch eine Beschäftigungserlaubnis erhält. Schnell findet der heute 50-Jährige Arbeit bei einer Baufirma in der Region und so kann sich die kleine Familie auf Wohnungssuche in Kemnath machen und das Heim verlassen.

2001, also zehn Jahre später, erhält Familie Celik, inzwischen eine Familie mit drei Kindern, die deutsche Staatsangehörigkeit. Damit ist es nach 16 Jahren erstmals wieder möglich, in die Türkei zu reisen, wo sie Eltern, Geschwister, Onkel und Tanten wieder sehen. Eine sehr lange Zeit des Wartens. "Das tut weh, aber wie", sagt Sabri Celik zurückblickend. Und fügt hinzu: "Da wo du geboren bist, da zieht es dich immer hin." Mit dem Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit ist aber plötzlich auch noch die Verwirklichung eines anderen Traums in greifbare Nähe gerückt: der Schritt in die Selbständigkeit. Auf der Suche nach geeigneten Räumlichkeiten entdeckt das Ehepaar in Kemnath einen seit acht Jahren leerstehenden Laden und beschließt, die Sache anzupacken. Im Herzen der Altstadt gründen sie ihr eigenes Geschäft, das sie nunmehr seit 17 Jahren betreiben: "Sabri Celik Obst- und Gemüsehandlung".

An erster Stelle steht die Familie

"Mein Mann ist in einer Landwirtschaft aufgewachsen und seine Familie hat schon damals vom Verkauf von Obst und Gemüse gelebt. Das war sein Beruf. Er hatte in der Türkei kein eigenes Geschäft, sondern verkaufte die Ware am Straßenrand. Angeboten wurde, was gerade auf dem Hof geerntet worden war: Weintrauben, Melonen, Mandeln, Feigen und auch Granatäpfel. Aber dort ist es üblich, dass die Kunden nicht nur ein Kilogramm oder ein Pfund kaufen, sondern immer ganze Steigen", sagt Hanim Celik und lacht dabei.

Doch das eigene Geschäft verlangt der Familie auch viel ab. Dreimal pro Woche wird auf dem Großmarkt in Nürnberg möglichst direkt vom Produzenten eingekauft, damit die Ware in der Auslage immer frisch ist. In der Nacht um drei Uhr fährt dann Sabri Celik mit dem Lieferwagen los nach Nürnberg. "Da ist die Nacht kurz. Aber das ist egal, weil die Arbeit Spaß macht. So was muss man mit Herz machen, man muss dahinter stehen." Mit den Jahren ist der Kundenstamm angewachsen, auch die regionale Gastronomie wird beliefert. Das Ehepaar beschäftigt zwei Halbtagskräfte. "Die gehören bei uns mit zur Familie" sagen die Celiks. A propos Familie. Ihre drei Kinder, eine Tochter und zwei Söhne, sind inzwischen erwachsen. Die älteren beiden sind bereits berufstätig, der jüngere ist noch in der Ausbildung. "An erster Stelle steht immer die Familie. Die kann keiner ersetzen. Die Kinder sind unser Ein und Alles", sagt Hanim Celik.

Sabri und Hanim Celik sind als junge Menschen in ein neues Leben aufgebrochen. Und es ist ihnen geglückt. Oder wie sie es selbst ausdrücken: "Wir sind sehr zufrieden und fühlen uns wohl. Wir wohnen jetzt seit 30 Jahren hier und sind inzwischen Kemnather geworden."

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