18.12.2020 - 16:12 Uhr
KemnathOberpfalz

Lücken bei der Arztversorgung: "Es hilft keinem weiter, wenn auf dem Papier alles in Ordnung ist"

In Teilen des Landkreises Tirschenreuth ist die Versorgung mit Hausärzten langfristig nicht gewährleistet. Bei Kinderärzten tun sich Lücken auf. Höchste Zeit, dagegenzusteuern, findet Dr. Peter Deinlein aus Kemnath im Interview.

Dr. Peter Deinlein ist stellvertretender Bezirksvorsitzender des Bayerischen Hausärzteverbands und ärztlicher Koordinator der KVB.
von Michaela Kraus Kontakt Profil

Nicht erst seit gestern bekannt ist das Problem des Ärztemangels auf dem Land. Corona hat die Situation zuletzt im Frühjahr 2020 massiv verschärft. "Das taucht in keiner Statistik auf", sagt Dr. Peter Deinlein. Der stellvertretende Bezirksvorsitzende des Bayerischen Hausärzteverbands und ärztliche Koordinator der KVB fordert ein Umdenken: "Es hilft keinem weiter, wenn auf dem Papier alles in Ordnung ist."

ONETZ: Wie beurteilen Sie den Vorschlag der KVB-Sprechers, mehr kinderärztliche Untersuchungen in Hausarztpraxen zu ermöglichen?

Dr. Peter Deinlein: Die Aussage, dass viele kleinere Krankheiten auch in Hausarztpraxen behandelt werden könnten, hat mich schon sehr erstaunt. Im Bereich Kemnath wurde in den letzten fünf Jahren ein nicht unerheblicher Teil der Versorgung von Kindern durch die Hausarztpraxen erbracht. Auch in allen anderen Bereichen des Landkreises werden Kinder mitversorgt. Und wie Dr. Florian Hage in seinem Leserbrief betont hat, geschieht dies teilweise schon seit mehreren Generationen.

ONETZ: Wie einheitlich ist die Meinung der Kollegen?

Dr. Peter Deinlein: Die Situation ist vielschichtig zu betrachten. Es gibt einige Hausärzte, die signalisiert haben, dass sie nicht noch zusätzliche Aufgaben übernehmen können, ohne ihren Patientenstamm zu vernachlässigen. Dies wurde durch die Belastungen im Rahmen der Corona-Pandemie noch verschärft. Meine persönliche Meinung ist, dass die Stärke der Hausarztpraxen die Betreuung der gesamten Familie und ein sich über Jahre entwickelndes Arzt-Patienten-Verhältnis ist. Deshalb erachte ich die anlassbezogene Betreuung unbekannter Kinder durch Hausärzte nur als Notlösung.

ONETZ: Wie brisant war die Lage während der ersten Corona-Welle?

Dr. Peter Deinlein: Im Frühjahr 2020 waren bayernweit etwa zwei Prozent der Praxen krankheits- oder quarantänebedingt geschlossen. In unserem Landkreis, speziell im Stiftland, war die Versorgung jedoch mehr als angespannt und zeitweise nur noch eine Handvoll hausärztlich tätige Praxen aktiv. Die ambulante Versorgung war im März nicht mehr flächendeckend sichergestellt. Dies taucht bisher in keiner offiziellen Statistik auf. Die Leistung der Kolleginnen und Kollegen und insbesondere auch der medizinischen Fachangestellten, deren Einsatz noch mehr gewürdigt werden sollte, war enorm.

ONETZ: Wie angespannt ist die Situation im Landkreis auch ohne Corona?

Dr. Peter Deinlein: Im Planungsbereich Kemnath sind zwar noch genügend Hausärzte vorhanden, jedoch liegt das Durchschnittsalter mit 59 Jahren deutlich über dem bayerischen Durchschnitt von 55 Jahren. Über den Bereich Tirschenreuth schreibt die KVB auf ihrer Homepage in der Rubrik „Region sucht Arzt“: „In Tirschenreuth stehen nicht mehr ausreichend Hausärzte zur Verfügung, um die Versorgungssituation langfristig zu stabilisieren.“

ONETZ: Was bildet der Versorgungsatlas der KVB nicht ab?

Dr. Peter Deinlein: Die Zahlen der KVB werden halbjährlich aktualisiert. Es hilft keinem weiter, wenn auf dem Papier alles in Ordnung ist. Aktiv eingreifen kann die Kassenärztliche Vereinigung sowieso erst, wenn alles zu spät ist. Man muss das Gesamtbild aus der Anzahl der Ärzte, dem Durchschnittsalter, der Verfügbarkeit anderer Facharztgruppen und der Versorgung in den Nachbarregionen betrachten. Auch die Versorgungstiefe ist zu analysieren.

ONETZ: Was bedeutet Versorgungstiefe?

Dr. Peter Deinlein: Welche Art von Problemen werden in den Hausarztpraxen gelöst und wie viele Arztpatientenkontakte erfolgen hierbei? Da ist das Anforderungsspektrum im Vergleich zu überversorgten Gebieten sicherlich ein anderes. Letztendlich ist doch entscheidend, wie die Versorgungssituation bei der Bevölkerung empfunden wird. Und im Gegensatz zu Ballungsräumen, in denen es durchaus auch eine ungleiche Verteilung von Arztgruppen gibt, bedeutet das Aufsuchen eines Arztes in 40 Kilometern Entfernung für Personen ohne eigenen Pkw eine Tagesreise. Wir haben nun mal kein U-Bahn- oder S-Bahn-Netz.

ONETZ: Was muss sich ändern?

Dr. Peter Deinlein: Die Politik und die Kassenärztliche Vereinigung müssen die Rahmenbedingungen so ändern, dass der Stellenwert der Versorgung der Patienten aufgewertet wird. Die Konzepte, mit denen man vor zehn Jahren meinte, die Versorgung gewährleisten zu können, sind nicht aufgegangen. Es gibt in vielen Fachgebieten lukrative Teilbereiche, und dies sind häufig technische Untersuchungen oder operative Eingriffe. Die bedarfsgerechte Behandlung der Bevölkerung rechnet sich nicht immer. Der Umbau der Gesundheitsversorgung ist gerade in vollem Gange und Kapitalinvestoren nutzen in lukrativen Bereichen ihre Chance für einen Einstieg. Ich erachte diese Tendenz als sehr ungünstig.

ONETZ: Was sollte sich schon im Studium tun?

Dr. Peter Deinlein: Zusätzliche Medizinstudienplätze sind ein Schritt in die richtige Richtung. Man muss aber darauf achten, dass die zukünftigen Ärzte nicht in der Überversorgung landen. Eine Maßnahme hierfür sind die Studienplätze, welche über die Landarztquote zur Verfügung gestellt werden. Wer die Versorgung verbessern will, muss auch die Überversorgung thematisieren, denn diese entzieht der Versorgung personelle und finanzielle Ressourcen.

ONETZ: Was ist mit der Mehrbelastung durch die anstehenden Corona-Impfungen?

Dr. Peter Deinlein: Viele niedergelassene Ärzte haben Interesse bekundet, sich an der Covid-Impfung zu beteiligen. Wobei der Großteil daran interessiert ist, in den jeweils betreuten Altenheimen und später in der eigenen Praxis zu impfen. Der Betrieb des Impfzentrums wäre ohne weitere ärztliche Kollegen, die sich erfreulicherweise zahlreich gemeldet haben, bei uns nicht zu bewältigen.

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