07.06.2019 - 17:43 Uhr
KemnathOberpfalz

Pferdenärrin fährt Rivalin um: Letzte Chance trotz Gefahr

Eine Tragödie für beide Seiten. Eine Pferdeliebhaberin (37) will sich in Köglitz bei Kemnath einen Lebenstraum erfüllen: einen Stall mit Koppel. Die Arzthelferin kauft ein Grundstück, das zufällig neben dem Stall einer früheren Klassenkameradin liegt. Sie ahnt nicht, dass ihr Traum damit zum Alptraum wird.

Eigentlich ein Paradies: Am Ortsrand von Köglitz hat eine 37-Jährige einen Stall errichtet. In Frieden leben kann sie dort nicht – weil es der Nachbarin nicht gefällt
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Die gleichaltrige Bekannte leidet an einer Persönlichkeitsstörung. Zum Krankheitsbild gehört, in anderen grundlos Feinde zu sehen. Die Grundstückskäuferin wird zu ihrer erklärten Todfeindin. Es beginnt damit, dass sie ihr im Vorbeifahren die Zunge rausstreckt. Es endet mit einer Tat, die von der Kripo anfangs sogar als Tötungsdelikt bewertet wird: Sie fährt ihre "Rivalin" mit dem Auto "über den Haufen" (O-Ton Vorsitzender Richter Gerhard Heindl), als diese die Dorfstraße entlang radelt. Die Arzthelferin liegt verletzt im Graben, Rad und Motorhaube sind verbeult. Als Abschiedsgruß lässt die Angeklagte das Fenster herunter: "Bevor ich mich umbringe, bringe ich dich um."

Das Gericht verurteilt sie am Freitagnachmittag wegen vorsätzlichen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr. Das Urteil: zwei Jahre Haft und die Unterbringung in der Forensik - beides zur Bewährung ausgesetzt. Die 37-Jährige muss dafür ein ganzes Bündel an Auflagen beachten: Sie verpflichtet sich, innerhalb der nächsten acht Wochen eine stationäre Therapie in einer Fachklinik für Persönlichkeitsstörungen anzutreten. Sie darf diese Therapie nicht abbrechen. Nach Einschätzung von Landgerichtsarzt Dr. Bruno Rieder wird der stationäre Aufenthalt üblicherweise drei bis sechs Monate dauern. Anschließend muss die Frau alle zwei Wochen zum Psychotherapeuten - fünf Jahre lang. "Wichtig ist: keine neue Straftat", ermahnt Heindl. Sonst droht der Vollzug.

"Eine Zeitbombe"

Ob das reicht, die Geschädigte künftig zu schützen? Nebenklagevertreter Dr. Burkhard Schulze hat größte Bedenken: "Die Angeklagte ist eine tickende Zeitbombe." Ihm wäre mit einer Unterbringung in einer forensischen Klinik wohler gewesen. Das Gericht habe mit der Aussetzung auf Bewährung eine große Verantwortung auf sich genommen, so Schulze. "Ich hoffe und wünsche allen Beteiligten, dass dieser Plan aufgeht."

Selbst Oberstaatsanwalt Bernhard Voit räumt ein: "Ich hätte Angst, wenn ich neben ihr wohnen würde, aktuell und unbehandelt." Er bleibt dennoch bei der Variante auf Bewährung, wie sie in langen Rechtsgesprächen am Donnerstag vereinbart wurde. Über Stunden war am ersten Verhandlungstag von allen Seiten auf die Angeklagte eingewirkt worden, Einsicht zu zeigen. "Lassen Sie sich behandeln!", appelliert Richter Matthias Bauer. Mittags folgt ein Geständnis per Verteidigererklärung und die Zusage zur freiwilligen Therapie. "Das ist für sie ein großer Schritt", betont Verteidiger Tobias Konze.

Die beiden Frauen kennen sich seit der Schulzeit. Laut Geschädigter hatte man ein ganz normales Verhältnis. Bis sich die Familie entschließt, das Grundstück zu kaufen. Am Ortsrand von Köglitz will die Arzthelferin einen Stall mit Koppel errichten. Hinter ihr liegen harte Jahre: Nach einem Motorradunfall sei sie 37 Mal operiert worden. "Jetzt wollte ich mir einen Lebenstraum erfüllen."

"Und dann ging's los." Anfangs denkt der Vater der Geschädigten noch, die Nachbarin grüße ihn. Bis er erkennt, dass es der gestreckte Mittelfinger ist, der ihm entgegengehalten wird. Als der Vermessungsbeamte und der Vorbesitzer den Grund abstecken, hält die Angeklagte mit dem Auto auf sie zu. "Wir mussten wegspringen", sagt der Landwirt. Es kommt zu Drohungen. "Ich zünd' deinen Stall an. Ich steche deine Pferde ab. Ich ruhe nicht, bis du auf dem Friedhof bist", zählt die Geschädigte auf. Die Angeklagte spritzt die Kontrahentin und ihren Freund von oben bis unten mit dem Schlauch ab, als diese eine Hecke pflanzen wollen.

Irrationaler Hass

Warum? Ein irrationaler Hass auf die ehemalige Klassenkameradin. Das Gefühl, im Leben zu kurz kommen. Schon in der Schulzeit habe sich die Angeklagte ausgegrenzt, getriezt und missverstanden gefühlt, beschreibt Psychiater Rieder. "Sie sieht sich als Opfer." Das sei Teil ihrer Erkrankung. Medikamentös lasse sich das nicht lösen. Auch die Familie dringe nicht zu ihr durch. Einziger Ansatz sei die Psychotherapie, um das Verhalten anzupassen. "Das bedarf einer sehr, sehr langen Behandlung." Er sieht die Voraussetzungen für eine Unterbringung: Weitere lebensgefährdende Taten seien zu befürchten. Eine freiwillige Therapie müsse in "konsequente Führung durch einen Bewährungshelfer eingebettet sein".

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