19.11.2018 - 13:52 Uhr
KemnathOberpfalz

Von Sauerkraut, Erdäpfeln und der ersten Pizza

Was kommt nach dem Zweiten Weltkrieg auf den Teller? Wo wird die erste Pizza gegessen? Beim Erzählabend des Frauenbundes geht es um die Lebensmittel der vergangenen 100 Jahre. Zudem gibt es sechs besondere Kostproben.

Theresia Denz erzählt über ihre Kindheit nach dem Zweiten Weltkrieg
von Katrin Zapf (kaz)Profil

"Kartoffeln in der Früh, zu Mittag in der Brüh, des Abends mitsamt dem Kleid, Kartoffeln in Ewigkeit!", mit diesem Spruch aus dem 16. Jahrhundert begrüßte Rita Ponnath alle Anwesenden und Pater Josef. Im Saal des Pfarrheims hatten sich rund 40 Frauen eingefunden, um über die Lebensmittel und Essgewohnheiten der vergangenen Jahrzehnte zu berichten.

Regina Frank stellte fest, dass die Kartoffel in der Oberpfalz am besten gewachsen, somit zum Leibgericht geworden und aus dem Leben nicht mehr wegzudenken sei. Das bewies ein Speiseplan aus dem Jahr 1910. Demnach kam die Kartoffel jeden Tag auf den Tisch.

Hedwig Flachs (94 Jahre) erzählte aus ihrer Kindheit. Besonders gern habe sie das "Kohlrabikraut" gegessen. Dieses koche sie auch noch heute für ihre Enkelin. Besonders gerne mag sie auch den "Datscher" - Kartoffelstampf, der im Ofen oder der Pfanne herausgebacken wird. Nun wurde es laut an den Tischen. Jeder rief, wie das Gericht bei sich zu Hause heißt. Am Ende fanden sich acht weitere Bezeichnung wie "Krampas" oder "Erdäpfelbalbera".

Als erste kulinarische Kostprobe aus den 1920er Jahren gab es für jeden eine würzige Brotsuppe. Danach ging es um die Zeit um 1930, die von einer schlechten Wirtschaftslage geprägt war. Die Landbevölkerung konnte jedoch vieles selbst anbauen. Steckrüben, Griesbrei mit Wasser oder gebackenes Blut kamen auf den Teller. Während des Zweiten Weltkriegs wurden Lebensmittel rationiert und konnten nur durch Marken erworben werden.

Nach dem Krieg machten sich mit Toast- und Weißbrot oder Bacon amerikanische Einflüsse in den Küchen bemerkbar. Auch ein inzwischen "normales" Gericht kam nach dem Krieg groß raus: Ein Koch aus Nordrhein-Westfalen erfand die Currywurst. Aus dieser Zeit erzählte Theresia Denz. In ihrer Familie gab es alles, was das Feld und die kleine Landwirtschaft hergaben. Auf dem Feld, auf dem heute die Mittelschule steht, habe sie Pflanzen und Kräuter gesammelt. Bratwürste habe es nur am Heiligen Abend und an Silvester gegeben. Zum Abschluss dieser Erzählrunde servierte der Frauenbund eine Portion Steckrübengemüse.

Ende der 1950er Jahre standen die ersten Kühltruhen in den Häusern. Wer seinen Gästen etwas Gutes tun wollte, servierte einen Käse-Igel und Hawaii-Toast, wusste Regina Frank. Das Gasthaus Busch in Kötzersdorf sei damals das erste Wirtshaus in der Region mit einer Fritteuse gewesen, erzählte eine Besucherin. Bei Elsa Hautmann gab es nur sonntags echten Bohnenkaffee. Mit dem Auto der Familie sei für besondere Lebensmittel bis nach Tirschenreuth gefahren worden. Ihren ersten Hawaii-Toast habe sie mit 16 Jahren probiert.

In den 1970er Jahren grassierte in Deutschland zunehmend das "Reisefieber". Mit Karpern und Oliven wollte man das Mittelmeer nach Hause holen. Durch Gastarbeiter aus der Türkei und aus Italien kamen deren Gerichte in die Oberpfalz. Regina Frank und Monika Herr schwärmten von ihrer ersten Pizza. Herr kam durch eine Tante aus München auf den "italienischen Kuchen". Auch heute wird in ihrer Familie Pizza der Marke Eigenbau gegessen: "Selbst gemacht schmeckt es einfach viel besser." Frank und Herr waren sich einig: "Die Pizza in der Santana war einfach etwas besonderes". Da nun so viel über das runde Gebäck gesprochen wurde, gab es eine Blätterteig-Pizzaschnecke.

Mit den 1990er Jahren kamen die ersten "Internetrezepte", Fingerfood, alkoholfreies Bier und erste Lebensmittelskandale. Es entstanden die ersten Bioläden und der Thermomix kam auf den Markt. Auch wenn Veronika Kreuzers Leibspeise als Kind Vanillepudding und Milchreis waren, zauberte sie mit der Küchenmaschine einen leckeren Brotaufstrich für die Anwesenden.

Über die letzten zehn Jahre sprach Katrin Zapf. Exotische Gerichte seien nach und nach zum Trend geworden. Dank Internet ließen viele Rezepte aus anderen Erdteilen ausprobieren, die Zutaten gebe es meist in Städten oder in Spezialgeschäften zu kaufen. Wegen Intoleranzen, vegetarischen oder veganen Lebensstil gebe es auch immer mehr Ersatzprodukte. Als Beispiel hatte sie einen Avocadodip (Guacamole) und Kichererbsenpüree (Hummus) mit Fladenbrot dabei. Zur Nachspeise (Spekulatius-Schoko- und Eierlikörcreme) gab es noch eine Überraschung. Mariele Schönberger erzählte in "Monika-Gruber-Manier" Schwänke über die Angst vor Kohlenhydraten und den ganz speziellen Essgewohnheiten vieler Menschen.

Erster Gang: eine Brotsuppe
In den Sitzgruppen schwelgen die Frauen in Erinnerungen.
40 Frauen und Pater Joseph finden sich zum Erzählabend im Pfarrheim ein.
Zweiter Gang: Steckrüben Gemüse
Trend der 1950er Jahre: Der Käseigel darf damals bei keiner Feier fehlen.
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