31.03.2020 - 10:57 Uhr
KemnathOberpfalz

Werner Nickl auf den letzten 30 Zentimetern

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Seit gut eineinviertel Jahren steht fest: Werner Nickl hört als Bürgermeister der Stadt Kemnath auf. Ende April räumt er sein Büro im Rathaus. Wie viele Tage es bis dahin noch sind, weiß er genau. Dafür reicht ein Griff in die Hosentasche.

Als ehemaliger Soldat hat Bürgermeister Werner Nickl auch jetzt zum Ende dieser Dienstzeit ein Maßband immer am Mann.
von Hubert Lukas Kontakt Profil

"Ein Gag", meint Werner Nickl, als er ein Maßband hervorholt. Und schiebt gleich hinterher: "Ich war bei der Bundeswehr." Den Soldaten zeigt es an, in wie vielen Tagen ihre Dienstzeit endet. Bei Nickl sind es noch 30. Dick in Schwarz darauf markiert hat er den Tag der Kommunalwahlen am 15. März.

Zwiegespalten seien seine Gedanken an das baldige Ende nach 18 Jahren als Rathauschef. Zwar freue er sich auf das Mehr an Freizeit, doch mit einem "weinenden Auge" schaut er unter anderem auf den Neubau der Realschule, das Brauhaus-Areal, die Umwandlung des Lenz-Bräu-Anwesens in ein Bürgerhaus oder Entstehung eines neuen Stadtviertels an der Berndorfer Straße. Dies seien Dinge, die angefangen worden, jedoch noch nicht umgesetzt seien. Aber am Ende einer Amtsperiode sei das wohl immer so, und das wäre "auch in sechs Jahren nicht anders". Die Arbeit gehe immer weiter.

18 Jahre auf Freizeit verzichtet

Die Entscheidung, nicht noch einmal zu kandidieren, könne er auf keinen "primären Grund" zurückführen. "Irgendwann ist die Erkenntnis gereift, dass es noch etwas anderes im Leben gibt." Der 64-Jährige denkt dabei vor allem an seine Familie. Als vor drei Jahren sein erster Enkel geboren wurde, habe er sich Gedanken gemacht. "Es ist schon so, dass man in den 18 Jahren auf Freizeit verzichten musste."

Bis die Familie vollends in den Mittelpunkt rücken kann, gibt es noch "Planungen, die auf den Weg gebracht werden sollen". Bereits "aufs Gleis gestellt" sei der Neubau des Kemnather Feuerwehrgerätehauses, für das nun ein Architekt gefunden sei. Fürs neue Baugebiet "Lohäcker" steht der erste Bauabschnitt mit 12 Parzellen an. In einer zweiten Phase sollen dort 20 weitere folgen. Auch beschäftigt Nickl ein Antrag auf sozialen Wohnungsbau in der Gerhart-Hauptmann-Straße. Und wenn am 7. April die Entscheidung im Architektenwettbewerb fällt, könne das Brauhaus-Areal "auf den tatsächlichen Weg gehen".

Grundschule erstes Großprojekt

Damit würde eine Liste an Maßnahmen enden, die der scheidende Rathauschef vor 18 Jahren - auf Vorarbeit seines mittlerweile verstorbenen Vorgängers Peter Prechtl - mit dem Bau der Grundschule in Kemnath begonnen hat. Doch den Beginn im damals neuen Amt verknüpft Nickl auch mit negativen Erinnerungen. Gleich im Mai 2002 hätten sich wegen der Wasserversorgung in Köglitz Probleme mit einem Landwirt aufgetan. Dieser habe der Stadt gegenüber, als Rechtsnachfolger des Wasserzweckverbandes Köglitz, 500 000 Euro wegen Schäden am Viehbestand geltend gemacht. "Der Fall hat mich sieben Jahre lang beschäftigt", nicht nur wegen Gerichtsterminen, sondern auch wegen Anfeindungen. "Doch schließlich hat die Stadt in allen Belangen obsiegt." Nickl verhehlt auch nicht seinen "holprigen Start im Stadtrat". Als Leiter des Bauamtes habe er sich als "Außenseiter erst behaupten und etablieren müssen".

Zwar hatte sein "Traumberuf" Bürgermeister immer wieder seine Schattenseiten, doch das meiste werde mit der Zeit vergessen. Er sei ein positiver Mensch, weshalb ihm Dinge im Zusammenhang mit Personalentscheidungen stets zu schaffen gemacht hätten.

"Ich konnte nie gut Nein sagen, das hat mich immer belastet." In seinem Amt habe er Entscheidungen treffen müssen, "an denen nicht alle Freude haben" und mit denen er selbst nicht zufrieden gewesen sei. Vor allem dann sei seine Familie "immer die Rückfallebene gewesen". Seine Frau Elisabeth habe einiges aushalten müssen, seine beiden Söhne habe er immer wieder mal "in die Aufarbeitung der Dinge einbezogen". "Es ist elementar wichtig, jemanden zu haben, der einen bestärkt", aber auch sage, wenn etwas falsch sei. "Dieses Feedback ist wichtig", denn ohne stehe man ganz allein da.

Gerne denke er an die Anfänge des Städtebaulichen Entwicklungskonzeptes 2003/2004 zurück. "Die Bürger haben sich daran grandios beteiligt." Es habe sechs Arbeitskreise gegeben, erinnert er sich - und auch an die "wahnsinnige Unterstützung" durch Werner Klante, der zu dieser Zeit fürs Stadtmarketing zuständig gewesen sei. Schließlich seien aus dem Konzept weitere Maßnahmen für die Stadt entwickelt worden.

Wenn Nickl den Blick 18 Jahre in die Zukunft richtet, dann wird Kemnath noch "erheblich an Bedeutung gewonnen haben". Die Einwohnerzahl werde deutlich steigen, auch die der Arbeitsplätze. "Einer der Schlüssel dazu ist die Familienfreundlichkeit, die noch weiter vertieft wird." Insgesamt "sind wir auf einem sehr guten Weg".

Von Mitarbeitern verabschieden

An seinem letzten Arbeitstag als Bürgermeister am 30. April möchte sich Nickl mit den Mitarbeitern der Verwaltung zusammensetzen und sich mit ihnen austauschen. Das habe er mit dem Kastler Rathauschef Josef Etterer, der ebenfalls an diesem Tag seinen Hut nehmen wird, bereits ausgemacht.

Man brauche diese Leute und deren Einsatzkraft, um die Aufgaben als Gemeindeoberhaupt bewältigen zu können: "Alleine bist du nämlich nichts." Auch wolle er in den städtischen Einrichtungen vorbeischauen und sich "vernünftig verabschieden" sowie dort seinen Nachfolger vorstellen, "wie sich das gehört".

Nickl weiß schon jetzt, dass ihm der Kontakt mit den Bürgern fehlen wird. Aber auch die "unmittelbare Kompetenz zu sagen: ,Das machen wir.' Darüber wird künftig ein anderer bestimmen."

Hintergrund:

In 18 Jahren viel "getrieben"

Als richtigen Schritt erachtet Werner Nickl die Gewerbeoffensive, die 2018 nach langen Diskussionen beschlossen worden sei. Die Entscheidung, den Hebesatz für die Gewerbesteuer von 320 auf 230 zu senken, habe sich Glücksgriff erwiesen. Das werde bei den Haushaltsberatungen deutlich zum Ausdruck kommen.

Diesen Punkt und "was wir sonst noch getrieben haben" hat Nickl für eine persönliche Bilanz stichpunktartig niedergeschrieben. Exemplarisch nennt er die Umgestaltung der Seeleite mit Ärztehaus, Sanierung des Stadtweihers, Neuanlage des Eisweihers sowie die im Vorjahr abgeschlossene Rathaussanierung für rund 5,5 Millionen Euro. Gut gelungen findet er auch die Marktsanierung in Waldeck zusammen mit den Bewohnern, die fünf Jahre in Anspruch genommen hat. Besonders hebt der Kemnather das Familienzentrum Mittendrin als "ein Alleinstellungsmerkmal in der Region" hervor. Er sei "stolz auf die tollen Akteure, die es zu dem gemacht haben, was es ist".

Gut erfüllt worden sind aus seiner Sicht die Pflichtaufgaben. Dass nicht nur "Just for Fun"-Projekte angepackt wurden, verdeutlicht Nickl mit Verweis auf die Erneuerung der Wasserversorgung, Sanierung der vier Brunnen und die Modernisierung der Abwasserbeseitigung mit Kanal.

Kemnath ist für ihn auch der beste Beweis, dass es keinen Einkaufsmarkt in einer Innenstadt braucht. Diese belebten Fachgeschäfte, Banken und das Zentrum Bayern Familie und Soziales im ehemaligen Amtsgerichtgebäude mit 25 neuen Arbeitsplätzen. Hier sei "mit den richtigen Leuten, zur richtigen Zeit das Richtige getan worden". Nickl gibt zu, das "in den 18 Jahren viel von glücklichen Umständen begleitet worden ist". So auch die Entwicklung der Einkaufsmärkte im Außenbereich. "An Discountern und Vollsortimentern ist alles vorhanden", ebenso zwei Drogeriemärkte. Dies habe den Standort deutlich herausgehoben und beschere einen Einzugsbereich mit bis zu 40.000 Menschen.

Info:

43 Jahre nicht abstreifen

Das Ende als Bürgermeister soll nicht automatisch das Aus als Kommunalpolitiker sein. So kandidierte Werner Nickl sowohl als Stadt- als auch als Kreisrat für die CSU. "Ich habe lange überlegt, ob ich einen kompletten Schnitt machen soll. Doch 43 Jahre bei der Verwaltungsgemeinschaft und für die Stadt kann man nicht einfach abstreifen." Er würde es wohl nicht aushalten, nicht zumindest ehrenamtlich mitzuwirken. Wenn es Wille der Wähler sei, wolle er als Kreisrat vor allem sein Wissen beim Neubau der Realschule in Kemnath einbringen.

Info:

Spaten statt Stift

Wenn etwas in den vergangenen 18 Jahren zu kurz gekommen ist, dann eines: "Im Garten im Dreck wühlen. Das gefällt mir." Aber nicht nur fürs grüne Wohnzimmer hat sich Werner Nickl ab Mai einiges vorgenommen. Da er "einigermaßen handwerklich begabt" sei, stehen Tätigkeiten am Haus und am Schuppen an, was bislang auf der Strecke geblieben ist. Im Gegensatz zur Politik "sieht man nach der Arbeit ein unmittelbares Ergebnis".

Öfter sehen wird man ihn auch mit seiner Honda Shadow, die er zum 50. Geburtstag bekommen hat. Wenn er die Chromteile geputzt hat, wird er mit der knapp 25 Jahre alten Maschine einen Ausritt machen. Ebenso soll es im Wonnemonat in den Urlaub gehen. Doch diesmal dann "viel befreiter, da man alles an Arbeit zurücklassen kann".

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