22.04.2020 - 11:57 Uhr
KemnathOberpfalz

Wertewandel im Wald

Sie sind nicht immer die Schönsten, haben tote Äste und Kronen, sind schon etwas morsch. Aus ihnen kann eigentlich nur noch Brennholz werden. Doch für die Tier- und Pflanzenwelt sind sogenannte Biotop-Bäume unbezahlbar. Waldbesitzer, die alte Bäume bewusst erhalten, bekommen dafür sogar Geld vom Freistaat.

Forstamtsrat Johannes Bradtka vom Forstrevier Kemnath bei der Erfassung von Flechten. Viele gefährdete Flechtenarten sind auf das Vorkommen von Totholz und alten Biotop-Bäumen existenziell angewiesen.
von Christa VoglProfil

Ein alter Baum im Wald. Vielleicht eine Buche, eine Föhre, eine Salweide, eine Zitterpappel oder auch ein Ahorn. Die Schneelast früherer Jahre hat seine Krone beschädigt und zu einem Aufriss geführt. Auf einem starken Seitenast ruht ein beeindruckendes Vogelnest aus Strauchwerk und Ästen. Vielleicht von einem Bussard oder einem Milan.

Auch die Rinde am Stamm ist nicht überall makellos, an einigen Stellen sind Spalten zu sehen. Der Fachmann würde von Rindentaschen sprechen. In luftiger Höhe haben sich Nachmieter in die alte Spechthöhle einquartiert: Ein Dohlen-Paar fliegt geschäftig ein und aus und füttert seine Jungen. Hier steht ein ganz besonderer Baum, ein Hotspot der Biodiversität: der Biotop-Baum.

Wertvoll für Flora und Fauna

Doch was macht einen Baum zum Biotop-Baum? Meistens handelt es sich dabei um alte und dicke Bäume, die einen besonderen Wert haben für Flora und Fauna. Eine Mischung aus ganz verschiedenen Eigenschaften können einen Biotop-Baum auszeichnen: Stammverletzungen, Risse, Rindentaschen, austretender Saft, Mulmhöhlen, Zwieseln, Horste, Stammfußhöhlen, Rankenpflanzenbewuchs, Vogelhorste, Besiedlung mit Moos, Flechten und Pilze, Kronenbruch, Kronentotholz oder auch abgestorbene Äste.

"Früher", so erzählt Forstamtsrat Johannes Bradtka vom Forstrevier Kemnath, "da wurde so ein Baum mit beschädigter Krone, einfach gefällt. Auch bei den Staatsforsten." Denn in der Vergangenheit standen wirtschaftliche Kriterien im Vordergrund und es hieß dann ganz kategorisch: "Aus dem Baum wird nichts mehr, der wird gefällt." Früher, das ist in diesem Fall gar noch nicht so lange her. Früher heißt hier, noch bis vor 10 oder 20 Jahren.

Doch seitdem, so Bradtka, habe sich viel verändert. Und zwar nicht nur durch das Volksbegehren "Rettet die Bienen" im Jahr 2019, sondern auch weil es in der Gesellschaft eine grundlegende Veränderung gab. Eines sei dabei bemerkenswert. Nämlich, dass nicht nur bei der Bewirtschaftung der Wälder der Staatsforsten eine fundamentale Änderung hin zum Positiven stattgefunden habe, sondern auch im Privatwald der Bewusstseinswandel angekommen sei.

Waldbesitzer mit Gespür

Natürlich stehe die wirtschaftliche Nutzung und somit der Wald als Einkommensquelle nach wie vor im Vordergrund. Aber: "Es gibt immer mehr Waldbesitzer, die ein Gespür dafür haben und gewisse Bäume stehen lassen", sagt Bradtka, der neben seiner Tätigkeit als Revierförster im Bereich Forsten in Kemnath auch als Lehrbeauftragter an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Weihenstephan für das Wahlpflichtfach "Flechten und Waldnaturschutz" tätig ist. Allerdings müssen die Waldbesitzer inzwischen nicht mehr aus reinem Idealismus und Naturliebe tote oder beschädigte Bäume stehen lassen. Der Freistaat Bayern bietet dafür seit längerer Zeit finanzielle Unterstützung an.

In der dazugehörigen Richtlinie heißt es dazu zusammenfassend: "Das Bayerische Vertragsnaturschutzprogramm Wald (VNP Wald) honoriert freiwillige Leistungen, die Eigentümer oder Nutzungsberechtigte für den Natur- und Artenschutz in Wäldern erbringen." Dazu zählen beispielsweise neben dem Erhalt von Biber-Lebensräumen oder der Schaffung lichter Waldstrukturen auch der Erhalt von Biotopbäumen und das Belassen von Totholz.

Bis zu 190 Euro

Diese Honorierung der freiwilligen Leistungen ist Bradtka und seinen Kolleginnen und Kollegen wichtig. Er erklärt die Wirkungsweise anhand eines Beispiels: "Es ist doch so, dass durch die Ernte eines solchen krummen Biotop-Baums nur ein kleiner Betrag erwirtschaftet werden kann. Der Baum wird dabei bestenfalls zu Brettern verarbeitet oder landet - bei gravierenderen Verletzungen - als Brennholz im Ofen. Dann ist allerdings der Baum weg." Verpflichte sich der Waldbesitzer dagegen, einen solchen Baum für die Dauer von zwölf Jahren stehen zu lassen, dann erhält er vom Freistaat - je nach Stammdurchmesser - insgesamt bis zu 190 Euro.

Auf der Suche nach Biotop-Bäumen wähle man natürlich nicht die schönsten und wirtschaftlich wertvollsten Bäume aus, erklärt der sehr heimatverbundene Förster mit Oberpfälzer Wurzeln und 35-jähriger Diensterfahrung. Die Wahl falle eher auf krumm gewachsene, auf schrägwüchsige Exemplare. Einen Stammdurchmesser von 40 Zentimetern müssten sie aber schon mindestens haben, betont er, lacht dann und fügt hinzu: "Halt keine Masskrugstärke."

Biotop-Bäume sind Trittsteine für die biologische Vielfalt. Für zahlreiche Tier-, aber auch Moos-, Pilz-und Flechtenarten sind sie ein wichtiger Teil ihres Lebensraums. Nach einer von Professor Jörg Müller und seinen Kollegen im Jahr 2007 im Nationalpark Bayerischer Wald durchgeführten Studie, gibt es in den bayerischen Wäldern rund 11 000 Arten bestehend aus Pflanzen, Käfern, Säugetieren, Pilzen, Moosen, Flechten. "3600 davon, das heißt ein Drittel sind auf Gedeih und Verderben auf Totholz und Biotop-Bäume angewiesen", so der Forstamtsrat. Daher sei es außerordentlich wichtig, dass ökologische Gesichtspunkte maßgeblich beim Bewirtschaften der Wälder integriert werden.

Zum Beispiel eben durch das Belassen von Biotop-Bäumen. "Mit Biotop- und Totholzbäumen kann jeder Waldbesitzer einen sehr wirksamen Beitrag zur Artenvielfalt leisten", betont Bradtka. Und fügt ermunternd hinzu: "In den letzten Jahren hat dieses Förderprogramm bereits guten Zuspruch gefunden. Trotzdem sind die Kassen dafür derzeit noch gut gefüllt."

Hintergrund:

Wie wird ein Baum zum Biotop-Baum?

Beratung und Antragstellung beim örtlich zuständigen Förster.

Vorort-Begutachtung des Baums oder der Bäume durch den zuständigen Förster.

Die Anträge werden während des Jahres gesammelt. Am Ende des Jahres werden die eingereichten Anträge überprüft und darüber zusammen mit Experten der Unteren Naturschutzbehörde entschieden.

Bei positiver Bescheidung werden die jeweiligen Bäume markiert und kartografisch mit GPS erfasst, damit sie auch für stichprobenartige Kontrollen leicht auffindbar sind.

Die Bezahlung erfolgt nach Bewilligung des Antrags. (cvl)

Gerade weil dieser Baum nicht makellos ist, kann er zum Hotspot der Biodiversität werden.
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