01.01.2021 - 11:50 Uhr
KemnathOberpfalz

Yogastudio wird zum Filmset

Die Corona-Pandemie verlegt Beruf, Studium und Freizeit der Familie Prechtl aus Kemnath ins Internet. Um allen gerecht zu werden, bauen sie das Yogastudio um und stocken ihren Internetvertrag auf.

Familienkonferenz im Esszimmer: Stefan, Uschi, Marie und Peter Prechtl (von links) sind für Freizeit, Arbeit und Studium täglich online.
von Katrin Pasieka-Zapf Kontakt Profil

"Unser gesamter Alltag hat sich seit März verändert", sagt Stefan Prechtl aus Kemnath. Vor der Pandemie verbrachte die Familie viel Zeit mit Freunden, im Verein, beim Fußball- oder Yogatraining. Seit März sind Arbeit, Studium und Freizeit digital, die Prechtls fast den ganzen Tag mit dem Internet verbunden. Kein Wunder also, dass es auf der Datenautobahn zu Engpässen kommt und sich nicht jedes Zimmer für eine Videoschalte eignet.

"Ohne meinen Schwager Thomas, hätten wir das nicht hinbekommen", sagt Familienvater Stefan Prechtl. Er installierte im Haus mehrere W-Lan-Repeater und richtete ein Mesh-W-Lan ein. "Das ermöglicht, dass sich unsere Geräte, immer mit der stärkten W-Lan-Quelle im Haus verbinden", erklärt Sohn Peter. Damit jeder ohne Probleme arbeiten kann, wurde der Internetvertrag aufgestockt. Statt 50 sind es nun 100 Mega-Bit pro Sekunde.

Training mit Greuther Fürth

Diese Datenrate benötigt es vor allem am Donnerstag, wenn jeder in der Familie einen Online-Pflichttermin hat. Peter Prechtl bereitet sich am frühen Abend in Stefans Arbeitszimmer auf das Fußballtraining vor. "Hier habe ich genügend Platz", erzählt er. Der 23-Jährige studiert in Nürnberg Wirtschaftspädagogik. Sein Masterstudium findet seit Beginn der Pandemie digital statt. Seit Juli trainiert Peter die U11-Jugendmannschaft der Spielvereinigung Greuther Fürth. "Im Oktober haben wir das letzte Mal auf dem Rasen trainiert", blickt er zurück. Als im November der Teil-Lockdown beschlossen wurde, zog er wieder zurück nach Kemnath. "Weil ich jetzt alles von zu Hause aus machen kann, ist mein Lebensmittelpunkt wieder hier", erklärt er. Für das Fußballtraining stellt Peter bunte Hütchen im Arbeitszimmer auf. Die Kinder bekommen vorab ein Bild der Hütchen via Whatsapp zugesendet. "Die Hütchen müssen im Kinderzimmer in dieser Reihenfolge aufgestellt werden", erklärt er. Mit schwarzem Fußballdress, aber ohne Fußballschuhe, steht Peter so drei Mal pro Woche vor dem Notebook, das er auf der Sofalehne platziert hat. Für ausreichend Licht, sorgt ein LED-Strahler. "Die Jungs sollen die Übungen gut erkennen können." Zehn Minuten bevor das Training beginnt, startet Peter die Videokonferenz. "Jetzt lassen wir die Rasselbande mal rein", sagt er. Zehn Kinder sind bereits eingeloggt, sind im Fußballdress mit Ball und Hütchen auf dem Bildschirm zu erkennen. Nach dem kleinere Technikprobleme behoben sind, kann das Training beginnen.

Mehr über die Arbeit des Jugendtrainers aus Kemnath

Kemnath

18 Meter Ballenstoff

Zeitgleich bereitet Uschi Prechtl die Technik in ihrem Yogastudio für den Online-Kurs vor. Seit 16 Jahren arbeitet sie als Yogalehrerin, betreibt in Kemnath das „Balance“. Im großen, offenen Übungsraum fanden vor der Corona-Pandemie auch Pilates- und Meditationskurse, Ballett- und Tanztrainings statt. Als im Oktober bekannt wurde, dass alle Indoor-Sportarten wieder verboten werden, wusste Prechtl erstmal nicht, wie sie weitermacht. Auf Online-Kurse hatte sie zunächst keine Lust. „Ich versuche so wenig Technik wie möglich in meinem Studio einzusetzen“, sagt sie. „Da ist dann zu viel Energie im Raum.“ Zwei Wochen machte sie sich Gedanken, dann der Entschluss: Für Fortgeschrittene wird es einen Online-Yoga-Kurs geben. Da besonders Yoga-Neulinge viel Hilfestellung benötigen, gibt es für sie keinen.

Um ihren Kursteilnehmern trotzdem einen ansprechenden Kurs anbieten zu können, nahm sie einige Änderungen in ihrem Studio vor. „Da der Raum ohne Teilnehmer zu sehr hallt, habe ich mir 18 Meter Ballenstoff gekauft“, sagt sie. Die weißen Stoffbahnen hängen jetzt von der Decke und verkleinern den Raum. Für eine gute Bild- und Tonqualität hat sich Prechtl eine externe Kamera und ein zusätzliches Mikrofon gekauft. Beides ist mit einem neuen Notebook verbunden. Die zwölf Teilnehmerinnen wählen sich über das Programm „Zoom“ ein. „Vor Ort ist es trotzdem am schönsten“, sagen die Teilnehmer. Dennoch ist die Yoga-Stunde „ein Lichtblick in der Woche“. Alle sind froh, dass die Sportstunde nicht abgesagt wurde. „Sobald es wieder möglich ist, bin ich die erste, die die Technik wieder abschafft“, sagt Uschi Prechtl.

Sobald es wieder möglich ist, bin ich die erste, die die Technik wieder abschafft

Yogalehrerin Uschi Prechtl

Kaum persönlicher Austausch

Auf Tablet und Notebook verzichten kann Tochter Marie nicht. Die 20-Jährige begann vor einem Jahr mit ihrem Lehramtsstudium. „Im ersten Semester war alles noch normal“, blickt sie zurück. Während der Semesterferien im März schlossen dann alle Bibliotheken. Ihre Hausarbeit wurde verschoben.

Inzwischen läuft das gesamte Studium digital ab. „Es gibt Live-Vorlesungen, aber auch Videos, die die Dozenten hochladen und wir uns anschauen müssen“, sagt sie. In der Vorlesung am Donnerstag Abend hält Marie ein Referat vor ihren Kommilitonen. „Es ist schon komisch, wenn man nicht sieht, wie die anderen auf das gesagte reagieren“, sagt sie. Und auch so gibt es kaum einen persönlichen Kontakt. „Im ersten Semester war es besonders wichtig, sich mit den anderen Studenten auszutauschen. Ich vermisse sogar die Mensa“, sagt sie. Um ihre Augen zu entlasten, hat sich Marie eine neue Brille mit Blaufilter gekauft. „Die Augen sind nach teilweise zehn Stunden Bildschirmzeit deutlich entspannter“, stellt sie fest.

Stammtisch vor dem Bildschirm

Auch für Stefan Prechtl hat sich seit März einiges verändert. An drei bis vier Tagen in der Woche fuhr der Betriebswirt persönlich zu seinen Kunden. „Ich schätze einfach den persönlichen Kontakt“, sagt er. „Es berät sich einfach besser, wenn man beim Kunden ist.“ Fast alle Termine finden nun in der Videokonferenz statt. Auch ein Sonntagsritual zog kurzzeitig ins Internet um. „Im März haben wir uns zum Online-Stammtisch getroffen“, blickt der 55-Jährige zurück. „Das Miteinander ist aber ein ganz anderes“, sagt er. Während der Sommermonate traf sich der Stammtisch wieder im Wirtshaus. Ob es jetzt im Winter wieder digital weitergeht, ist noch offen.

In einem ist sich Familie Prechtl einig: Sie wünschen sich wieder ein bisschen Normalität zurück. „Auch wenn wir uns mit der Situation arrangiert haben, geht nichts über den persönlichen Kontakt“, sagt der Familienvater. Ein bisschen mehr Studentenleben wünscht sich Tochter Marie zurück. Uschi und Peter können es kaum erwarten, mit ihrer Truppe wieder auf dem Platz oder der Matte zu stehen.

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Weiden in der Oberpfalz

 

 

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