„Da kamen auch schon die Dachziegel vom Schloss geflogen“

Karl Lehnerer erinnert sich an die letzten Kriegstage in Krichenreinbach. Frauen bilden Löschkette mit Leineneimern.

Diese Scheune der Familie Morner ging bei dem Beschuss durch die Amerikaner in Flammen auf. Das Anwesen Späth (rechts hinten) bekam einen Treffer ab, der ein großes Loch in die Hauswand riss.
von Leonhard EhrasProfil

Ende April 1945 besetzten die Amerikaner Kirchenreinbach. Karl Lehnerer erlebte diese Kriegshandlungen in seinem Heimatort als kleiner Junge. Er erinnert sich noch sehr genau an diese angstvollen Stunden.

Es war ein mit dicken Wolken bedeckter Himmel, ein Samstagmorgen. Als ich nach dem Frühstück auf die Straße ging, hörte ich von weitem abgefeuerte Panzergeschosse - Einschläge - bum - bum - bum.

Nach dem Mittagessen traf ich einem deutschen Soldaten, der vor dem Gasthaus Pickel auf der Bank saß. Gastwirt Georg Pickel fragte ihn, wo denn der Ami schon sei. Der Soldat zog eine Landkarte heraus und zeigte auf den Ort Achtel. "Hier haben wir heute Vormittag Gefechte mit der amerikanischen Armee geführt". Er hatte dies noch nicht ganz ausgesprochen, da schlug das erste Panzergeschoss in Kirchenreinbach ein. Dieser deutsche Soldat schrie mich an: "Geh sofort nach Hause, jetzt kommt er!" Diesen Schuss hatte auch mein Großvater, meine Mutter, meine zwei Geschwister vernommen. Wir rannten alle zur Scheune in den Gewölbekeller und suchten dort Schutz. Ein Geschoss nach dem anderen schlug in den Häusern ein, da kamen auch schon die Dachziegel vom Schloss vor unsere Scheune geflogen. Nach etwa einer halben Stunde zogen dichte Rauchwolken durch den Schulhof. Mein Bruder Fritz rannte ins Haus und holte einen Eimer mit Wasser und Tücher, die wir uns angefeuchtet vor den Mund hielten. Fritz war sehr erschrocken. Als er das Haus betrat, kamen ihm Amerikaner entgegen.

Dass es in Kirchenreinbach brannte, war uns klar, aber wo? Fritz ging hoch zur Schlossmauer und schaute Richtung Anger - "Die Scheune von Bürgermeister Dorn brennt!" war seine Auskunft. Nach gut einer Stunde stellten die Amerikaner ihr Feuer ein. Wir konnten den Keller verlassen. Jedoch durften wir unser Haus nicht betreten. Später stellten wir fest, dass sich die Amis Spiegeleier gemacht hatten, ebenso war ein Einmachglas mit Erdbeeren geleert. Nun sahen wir, dass das Anwesen Morner brannte. Mein Bruder und ich schauten uns im Dorf um und stellten fest, wie groß der Schaden war, den die Amerikaner angerichtet hatten. Ein großes Loch beim Schmied (Späth) oberhalb der Haustür. Man konnte in ein ganzes Zimmer sehen. Der Dachstuhl vom Schloss war durchgeschossen. Der Kasten (Scheune mit Schrothäuschen), Milchhäuschen, sowie Wohnhaus und Stallungen der Familie Morner brannten. Das Kirchendach war ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen und beim Metzger (Sperber) war der Giebel zum Bach beschädigt. Die Kühe der Familie Morner konnten gerettet werden, aber die Schweine verbrannten alle.

Um das Schötzerhaus vor dem Übergreifen der Flammen zu schützen, waren ein paar alte Männer und Frauen mit der alten Feuerwehrspritze (Handpumpe) zur Stelle und bespritzen den Westgiebel. Kommandant war zu dieser Zeit Hans Sperber. Frauen handelten in langen Schlangen mit Wasser gefüllte Leinen-Eimer, die von der Feuerwehr gestellt wurden, um das Haus vom Bürgermeister zu schützen. An allen Ecken und Enden standen Panzer und Jeeps der Amerikaner. Wo heute das Bushäuschen steht, war die Scheune der Familie Rost, vor dem Tor standen zwischen 30 und 40 gefangene deutsche Soldaten. Unter den Gefangenen war auch Hans Regler aus Kirchenreinbach, der gerade einen Heimaturlaub verbrachte. Die Gefangenen wurden von mehreren Amerikanern bewacht. Darunter war auch ein Farbiger. Das war für mich eine große Aufregung! Ich hatte zum ersten Mal in Natura einen Neger gesehen. Ich kannte ja aus dem Bilderbuch nur die zehn kleinen Negerlein. Mehrere Amerikaner entwaffneten die deutschen Lanzer und ich konnte beobachten, wie die Gewehre ins brennende Feuer bei der Familie Morner geworfen wurden. Die Gefangenen wurden auf Lastwagen verladen und weggebracht. Die Amerikaner durchsuchten alle Häuser nach versteckten deutschen Soldaten oder essbaren Sachen. So habe ich noch in Erinnerung, als beim Gemischtwarenhändler Pickel ein Ami herauskam und eine Büchse, gefüllt mit Bonbons, in Händen trug. Er verteilte diese Bonbons an uns Kinder. Die Freude war riesengroß, denn es gab ja keine zu kaufen. Für uns war es was Neues.

Abends um 20 Uhr war Ausgangssperre. So musste auch die Feuerwehr das Löschen einstellen. Zum Glück war kein Gebäude mehr von den Flammen gefährdet. Dass Kirchenreinbach nicht noch einen größeren Schaden erleiden musste, ist einem deutschen Soldaten zu verdanken. Dieser hisste am obersten Fenster von seinem Haus ein weißes Bettuch, befestigt an einer Stange, das die Kapitulation der deutschen Soldaten bekannt gab.

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