11.06.2021 - 13:44 Uhr
KirchenthumbachOberpfalz

Berggasthof Kirchenthumbach: Tanzen und Schlägern

Aus der Musikbox erklangen Lieder wie "Junge Leute brauchen Liebe", und die Kirchenthumbacher Jugend, geboren in den 30er Jahren, tanzte dazu eng umschlungen. Plötzlich wurde es aber unruhig im kleinen Tanzsaal des Berggasthofes.

Desöfteren war der Tanzsaal im ehemaligen Berggasthof in Kirchenthumbach Schauplatz größerer Raufereien zwischen US-Soldaten und Einheimischen.
von Fritz FürkProfil

Zum Tanz traf man sich früher, vor 60 Jahren, noch im Kirchenthumbacher Berggasthof auf der Kreuzleite. Doch einigen US-Soldaten, die dort mit Dollars um sich warfen, missfiel das engumschlungene Tanzen der "German-Girls" mit ihren deutschen Partnern. Und so wurde oft nicht lange gefackelt, und nach ein paar Wortwechseln wurden die ersten Kinnhaken verteilt. Dazu muss man wissen, dass nach dem Krieg, die deutsch-amerikanische Freundschaft noch nicht so vertieft war.

Bei derartigen Raufereien zwischen Deutschen und US-Soldaten flüchteten die Mädchen meist ins Freie. Drinnen wurde aber weiter kräftig geschlägert. Der Wirt, der "Seigner Gustl", seine Frau Lydia und der Bruder des Wirts, der "Luk", setzten dann bei der Polizei in Eschenbach einen Notruf ab, die wiederum die Militärpolizei "MP" informierte. Es dauerte nicht lange, da bretterte ein Jeep, besetzt mit drei Militärpolizisten an. Zwei stürmten sofort in den Gasthof, einer wartete draußen vor der Türe. Die MPler packten ihre Schlagstöcke, auch Speckwürste genannt, aus und prügelten die GIs windelweich. Nur kurze Zeit später ging das Fenster auf und einer nach dem anderen flog aus dem Tanzsaal. Wer von den GIs immer noch nicht genug hatte, den zog der MPler, der draußen wartete, eine über die Rübe. Nach wenigen Minuten rollte ein Truck, auch Rio genannt, an. Auf dem wurden die mit Gummiknüppel versohlten Soldaten mehr unsanft als sanft verladen und abtransportiert Richtung Hospital und Arrestzellen.

Die damalige Landpolizei verhörte die Deutschen, während sich die Sanitäter, die Hausärzte und die Krankenhäuser in Eschenbach und Auerbach um die zerschundenen Köpfe und Wunden kümmerten. Die Deutschen gaben stets an, die Amerikaner hätten die Schlägereien angezettelt. Doch unabhängige Beobachter berichteten, dass auch die Kirchenthumbacher keine Heiligen waren.

70. Geburtstag des Gebäudes

Gäbe es ihn noch, der Berggasthof könnte heuer seinen 70. Geburtstag feiern. Erbaut hatte das stattliche Gebäude der Versicherungskaufmann Michael Pusl. Seine Frau Katharina, eine geborene Kellner, betrieb am Marktplatz im Trollnhaus einen Gemüse- und Obstladen. Gebaut wurde die Immobilie mit Backsteinen. Diese stammten von abgerissenen Häusern aus dem Truppenübungsplatz. Doch die Versicherungsagentur Pusl bestand nicht lange. Die Familie baute sich in Nürnberg eine neue Existenz auf. Das Haus wurde an die Brauerei Glenk in Bayreuth verkauft, die das Gebäude zu einem tollen Gasthof umbaute. Saal wie Gaststube sowie Stammtischnische waren mit bunten Malereien versehen. Im Saal stand an der Wand mit großen Lettern zu lesen: "Ein guter Trunk ist jedem Recht, dem Herrn, dem Bauer und dem Knecht." Vor dem Wirtshaus war ein terrassenförmiger Biergarten angelegt. In der Mitte stand eine mächtige schattenspendende Eiche.

1 Mark für 15 Minuten fernsehen

Eine Blütezeit erlebte der Gasthof als sich in Kirchenthumbach Feriengäste aus Berlin einquartierten. Der Berggasthof verfügte über einige Fremdenzimmer. Wirtin Lydia Seigner bot täglich einen Mittagstisch und am Abend warme und kalte Speisen an. Die Sommerfrischler nahmen das Speisenangebot gerne an. Apropos Sommerfrischler: Die Berliner wurden mit Bussen in die Oberpfalz gebracht und in die Gasthöfe und in Privatzimmer verteilt. Samstag, Sonntag und Mittwoch war im Berggasthof Tanz angesagt. Die Live-Tanzmusik erklang aus dem Schifferklavier der "Hofmann Anni" und der Gitarre vom "Zeitler Hermann." Lieder wie "Pack die Badehose ein", "Rote Rosen, rote Lippen, roter Wein", "Ganz Paris träumt von der Liebe" und "Es hängt ein Pferdehalfter an der Wand" waren die Ohrwürmer in der damaligen Zeit. Hermann Zeitler erinnert sich noch: Die Gage pro Abend betrug zehn Mark. In den Tanzpausen erklang Musik aus der Wurlitzer-Maschine. Für ein Lied musste man 20 Pfennige in die Box einwerfen.

Noch eine technische Besonderheit hatte der Berggasthof. In einer Ecke in der Wirtsstube stand ein Fernsehgerät. Der Flimmerkasten, der mehr einem Hasenstall glich, war ausgestattet mit einem Münzautomaten. Für eine Mark konnte man 15 Minuten fernsehen. Hochbetrieb herrschte bei der Fußballweltmeisterschaft 1958 in Schweden. Unter dem Gerät lag der Schäferhund des Wirts. Er wachte über Gerät und Geld.

Der Fremdenverkehrsboom war aber nur von kurzer Dauer. Das Donnern der Panzerkanonen, die Detonationen der Artillerie und die Panzer, die täglich durch Kirchenthumbach mit Karacho fuhren, vertrieben die Feriengäste aus Kirchenthumbach, dem Tor "Zur Fränkischen Schweiz", wie der damalige Bürgermeister Alois Lotter in einem Werbeprospekt schrieb. Nach nur fünf Jahren wurde im Berggasthof das letzte Seidel Bier getrunken. Neuer Eigentümer wurde Ernst Folker, der den Gasthof zu einer Apotheke umbaute. Von 1983 bis 2013 hieß der Pächter der Apotheke Dr. Bernd Schäfer. Vor Bernd Schäfer hießen die anderen Apotheker Karl Ponfick und Helmut Steinhauser. Die letzte Pillenpackung wurde schließlich am 31. Dezember 2013 über den Ladentisch geschoben. Dann war die Ära Marktapotheke Kirchenthumbach beendet. Einige Jahre später wurde die Immobilie zu einer Wohnung umgebaut.

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"Ein guter Trunk ist jedem Recht, dem Herrn, dem Bauer und dem Knecht."

Spruch im Tanzsaal des Berggasthofes

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