29.05.2020 - 11:34 Uhr
KönigsteinOberpfalz

Wiederaufbau mit Material aus dem Übungsplatz

Bei Kriegsende brannten am 20. April in Königstein sechs Häuser und etliche Stadel ab. Im Mai 1945 ging es an den Wiederaufbau. Da kein Baumaterial vorhanden war, holten es sich die Familien im Truppenübungsplatz in den verlassenen Dörfern.

Von allen Stadeln, die im Truppenübungsplatz abgebrochen und in Königstein aufgebaut wurden, besteht heutzutage nur noch der Stadel der Familie Ölmann.
von Autor WKUProfil

Leonhard und Jean Ölmann sowie Hans Regen liefen tagelang zu Fuß nach Zeltenreuth, über zehn Kilometer entfernt von Königstein. Dort deckten sie die Ziegel des Stadeldaches eines verlassenen Hofes ab. Sie wurden nummeriert und aufgeschichtet. Auch der Dachstuhl samt Balken wurde sorgfältig zusammengelegt. Jeden Tag gingen sie nach Zeltenreuth und kehrten abends wieder zurück. Oft kamen sie erst nachts in Königstein an.

Zur damaligen Zeit herrschte Sperrstunde, zu der die Bevölkerung das Haus nicht verlassen durfte. So mussten sie sich nachts heimlich in ihr Haus schleichen, um nicht erwischt zu werden. Als sie mit dem Abbruch fertig waren, ging es an den Abtransport nach Königstein. Zu fünft machten sie sich mit zwei Pferdegespannen auf den Weg. Es wurde eine Fahrt mit vielen Hindernissen. Als sie in Bernreuth den Truppenübungsplatz betreten wollten, wurden sie von ehemaligen Kriegsgefangenen aufgehalten und mit Gewehren bedroht. Diese durchsuchten sie nach Schmuck und raubten sie aus.

Danach konnten die Königsteiner ihren Weg durch den Übungsplatz fortsetzen. Sie kamen jedoch nur langsam voran: Die Nazis hatten vor Kriegsende die kleine Brücke bei Heringnohe gesprengt. So mussten die Pferde durch den Bach laufen, jedoch weigerten sie sich. So verband ihnen Jean's Vater die Augen und führte sie durchs Wasser. In Zeltenreuth wurden Ziegel und Balken verladen und abtransportiert.

Kurz danach sickerte in der Bevölkerung durch, dass im verlassenen Südlager bei Heringnohe Berge von Zement lagern. Dort befand sich ein kleiner Flugplatz. Der Zement war für den Bau der geplanten Startbahn für Düsenjäger gedacht. Dazu kam es jedoch nicht mehr. Jean Ölmann, sein Vater und der ehemalige Kriegsgefangene Jean fuhren dorthin, um die Zementsäcke zu holen, denn es gab ja kein Baumaterial zu kaufen. Jean musste als 14-Jähriger einstweilen auf die Pferde aufpassen. Da kamen plötzlich Ex-Kriegsgefangene. Sie spannten die Pferde aus, um sie zu stehlen. Zum Glück kamen Jeans Vater und Kriegsgefangener Jean dazu. Dieser verhandelte mit ihnen, so dass sie von den Pferden abließen. Daraufhin gelangten die Ölmanns zum Südlager und luden die Zementsäcke auf. Dort waren auch die Offizierswohnungen untergebracht, die verlassen, aber noch komplett eingerichtet waren. Da der Hof der Ölmanns völlig abgebrannt war, konnten sie auch die Einrichtung gut gebrauchen. Daher holten sie sich einen Schubkarren, eiserne Bettgestelle und Stühle vom Offizierskassino und luden sie auf ihre Gespanne auf. Ein solcher Stuhl existiert heute noch im Hause Ölmann.

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