07.10.2021 - 11:56 Uhr
KohlbergOberpfalz

#gehenstattessen: Mein Gegner – die Angst

Nach einem Sturz und einer Operation ist der Körper wieder geheilt, aber die Angst sitzt im Kopf. Die Angst vor einer erneuten Verletzung, erneuten Schmerzen. Doch die ersten Schritte Richtung Zuversicht sind getan.

Kurze Fotopause auf einer der Holzbrücken, die quer über den Myrabach südwestlich von Wien laufen.
von Peter MüllerProfil

Manche Wege beginnen mit kleinen, mutigen Schritten. So war es bei mir, als ich vor 1,5 Jahren eine der wichtigsten und besten Entscheidungen meines Lebens getroffen habe. In dem Moment, in dem ich im Kopf eine Grenze überschritten habe, bin ich auch in der echten Welt über ein Hindernis gelaufen. Ein schmaler Stahlträger über einen kleinen Wasserlauf. Ich hatte Mut gefasst und ich hatte durch tägliches Gehen gelernt, immer mehr Vertrauen in meine beiden Beine zu haben. Ein Vertrauen, dass bis zu einem Sturz im Mai immer mehr gewachsen war. Trotz kleiner Rückschläge und Ausrutscher.

Im vergangenen Jahr bin ich hunderte Kilometer auf diesen Beinen gelaufen. Und habe dadurch (zusammen mit anderer Ernährung und generell mehr Sport) über 90 Kilo abgenommen. Dass dieses Vertrauen in meine eigenen Beine wieder verschwinden könnte, hätte ich nicht gedacht. Aber die vergangenen Wochen haben mir gezeigt, dass ich neben dem Gewicht einen neuen Gegner habe: Angst! Angst vor den Folgen eines Sturzes. Angst vor Schmerzen. Angst, weil ich meinen eigenen Beinen nicht mehr vertraue.

Fast drei Monate Schmerzen

Nach dem Sturz im Mai war dieses Vertrauen noch da. Zwar etwas weniger, schließlich schmerzte die Hüfte doch eine ganz Weile, aber es war da. Auch auf unsicherem Untergrund habe ich mich einigermaßen sicher bewegt und sicher gefühlt. Als die Hüfte so weit gut war, wollte ich gleich wieder loslegen. Ich hatte nicht wirklich den Eindruck, dass ich unsicherer geworden wäre. Vielleicht ein kleines bisschen vorsichtiger. Dann kamen fast drei Monate Schmerzen, Krücken und eingeschränkt sein. Ein paar Knochensplitter hatten sich unter dem Kreuzband verklemmt. Im September endlich die Operation.

Anschließend ging es mir schnell besser. Ich konnte das Bein endlich wieder durchdrücken und wieder ohne Krücken gehen. Keine weiten Strecken, aber das war nach Monaten ohne Training klar. Mir ging es genau rechtzeitig für einen Kurzurlaub wieder besser - der perfekte Ansporn für Bewegung und Training. Neues entdecken, eine neue Stadt erkunden, schöne Dinge sehen. Auf den eigenen Beinen stehen und nicht nur vom Autositz aus.

Vertrauen in die eigenen Beine

Das lange Wochenende in Wien war super. Natürlich waren die Strecken noch sehr beschränkt und jeden Abend taten mir die Beine weh. Die Fehlhaltung der vergangenen Monate hat alle Gelenke belastet – überlastet. Der Muskelkater hatte es auch in sich. Aber es hat sich gut angefühlt. Ein Ausblick darauf, schnell wieder mehr unterwegs sein zu können. Wie im vergangenen Winter und Frühjahr durch die Berge zu wandern und entspannt wie nie vorher über Felsen und Wurzeln zu steigen. Sicher und mit Vertrauen in meine Beine.

Auf dem Rückweg stand noch ein Ausflug auf dem Plan: ein Abstecher zu den Myrafällen. Ein Stück südwestlich von Wien fließt der Myrabach über ein paar Stufen durch eine Klamm. 40 Höhenmeter und gerade einmal 400 Meter Strecke. Nur ein kleiner Spaziergang. Selbst wenige Tage nach der Operation nicht schlimm. Der Tag war perfekt für diesen Ausflug. Es hatte ein kleines bisschen geregnet. Die Natur war frisch gewaschen. Der Staub der vorherigen trockenen Tage war abgeduscht. Der Himmel war wolkig. So, wie er sein soll, wenn man einen Wasserfall fotografieren möchte. Für Langzeitbelichtungen von fließendem Wasser sollte es nicht zu sonnig sein.

Nasse Bretter mit Herbstlaub

Vor Ort haben wir noch einen Schauer abgewartet. Dann sind wir losgegangen. Mit dem Kamerarucksack auf dem Rücken und den Wanderstöcken in der Hand. Auf dem Weg zum Eingang ging es über eine kleine Holzbrücke. Nasse Bretter, mit ein bisschen Herbstlaub drauf. „Das Schlimmste wäre jetzt, wenn der ganze Weg so aussehen würde.“ Das war mein Gedanke in dem Moment. Ich sagte es auch zu meiner Freundin. „Wird schon. Schauen wir einfach.“

Ticket gelöst, durch den Eingang. Holzstege. Holztreppen. Nass. Glatt. Herbstlaub. Rutschig. Dazwischen immer mal wieder ein paar Wegstücke mit Felsen. Teils genauso glatt. Ich hab' meine guten Wanderschuhe an und die Stöcke in der Hand. Fast überall gibt es Geländer. „Was soll da schon sein?“, denke ich mir.

Wir gehen weiter. Mein Puls steigt. Sie geht ein Stück vor mir. Wie so oft. Sie ist fit. Schnell. Wendig. Hat volles Vertrauen in ihre Füße und Beine. Trittsicher auf fast jedem Gelände. Fängt sich, wenn sie strauchelt und rutscht. Ich gehe langsam hinterher. Nach zwei, drei Absätzen und Stegen dreht sie sich wieder einmal um, um nach mir zu sehen. „Geht es?“, fragt sie. „Das ist ein purer Angst-Weg für mich. Ich habe richtig Panik“, ist meine Antwort.

Die Verletzung im Kopf

Und so ist es auch. In diesem Moment, auf diesem perfekt abgesicherten Weg, der auf puren Freizeit-Tourismus ausgelegt ist, habe ich Angst und Panik. Nicht davor zu stürzen. Ich habe Angst vor den Schmerzen, die ich gerade hinter mir habe. Mein Körper warnt mich. Mein Körper will das hier nicht. Er möchte nicht über rutschiges Holz gehen und über nasse Felsen steigen. Mein Kopf will, dass ich umkehre. Dass ich vorsichtig die Stufen wieder runtersteige und mich ins Auto setze.

Aber ich weiß auch, dass ich genau das jetzt nicht machen darf. Sie fragt: „Geht es? Willst du weiter?“ Ich muss weiter. Soweit es geht. Mindestens bis zum eigentlichen Wasserfall will ich kommen. Ich darf jetzt nicht aufgeben. Durch meinen Kopf geht ein Satz, den mir mein Physiotherapeut bei dem Gespräch nach dem Sturz im Mai gesagt hatte: „Im Kopf dauert die Verletzung am längsten.“

Er hatte darüber gesprochen, wie sehr einen diese Schmerzerfahrung lähmen kann und wie schlecht es ist, wenn man sich davon lähmen lässt. „Im Kopf dauert eine Verletzung ein Vielfaches länger als im Körper.“ Bei manchen Menschen säße sie das ganze Leben lang im Kopf. Und genau das möchte ich nicht. Wenn man alles vermeidet, wo man sich möglicherweise wieder verletzen kann, wird man nur noch unsicherer. Damit steigt dann das Verletzungsrisiko. Ich gehe weiter.

Übervorsichtige Schritte

Ein gutes Stück weiter oben, fragt sie mich noch einmal. Meine Antwort: „Der Weg ist für mich noch nicht besser.“ „Wart hier mal kurz.“ Sie verschwindet über die nächsten Stufen und kommt wenige Sekunden später zurück. „Wir sind oben. Da ist schon der Ausgang.“ Ich habe es geschafft. Ich bin ein kleines bisschen erleichtert. Aber ich weiß auch, dass ich den gleichen Weg wieder runter muss. Und runter ist auf rutschigem Untergrund schwerer als rauf. Unkontrollierter.

Wir machen auf dem Weg nach unten Fotos. Immer wieder kurze Stopps. Stativ aufbauen. Fotografieren. Weiter gehen. Ich setze jeden Schritt übervorsichtig und mit Angst. Ich rutsche ein einziges Mal ein kleines bisschen auf dem nassen Holz. Ganz unten fühle ich mich wieder besser. Zum einen, weil ich es geschafft habe, zum anderen, weil ich wieder „auf festem Boden“ stehe.

Dienstag, eine Woche später. Hinter uns liegt ein Wochenende in Berchtesgaden. Jenner, Königssee, warme Oktobersonne und viele Fotospots. Die Strecken, die ich gehen kann, werden länger, die Höhenmeter mehr. Der Muskelkater hat es noch immer in sich und die Angst ist noch immer da. Die vergangenen Tage über Schotterwege, mit Steigungen und Gefälle haben mir aber schon ein kleines bisschen mehr Sicherheit gegeben.

Die Angst wird weichen

Als letztes Ziel für dieses verlängerte Wochenende steht der Zauberwald am Hintersee auf dem Plan. Ein kleiner wilder Bachlauf mit einer Brücke drüber. Um die Szene zu fotografieren, müssen wir ein Stück die Böschung runter. Es geht über Wurzeln und nasse Felsen. Es hat wieder etwas geregnet. „Geht es?“ Die vertraute Frage. Es muss. „Sag, wenn du Hilfe brauchst.“ Es geht. Fast. Oft zögere ich, denke zu lange nach. Das Vertrauen fehlt noch. Bei einem Schritt über ein paar Felsen nach oben liege ich wieder auf der Nase. Mein operiertes Knie blutet etwas. „Scheiß drauf.“ Ich gehe weiter. Steige quer über die Felsen. Wieder rauf, quer rüber, wieder runter. Übe. Probiere aus. Es fühlt sich gut an. So muss es weiter gehen. Die Angst wird weichen. Die Sicherheit wird zurückkommen. Trotz Ausrutschern und Rückschlägen.

#gehenstattessen: Verletzungspause

Kohlberg

 

 

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