04.07.2019 - 08:00 Uhr
KonnersreuthOberpfalz

Alexa, mach die Heizung an!

Mit der Digitalisierung und Technisierung wandeln sich die Wünsche der Kunden. Das verändert auch das Selbstverständnis im Handwerk, wie das Beispiel eines Oberpfälzer Installationsbetriebs zeigt.

Über Handy und Touch-Screen lässt sich die Haustechnik zentral steuern.
von Reiner Wittmann Kontakt Profil

Heizung und Raumtemperatur lassen sich aus der Ferne steuern, zum Beispiel auf der Rückfahrt vom Skiausflug. Schließlich soll es bei der Ankunft kuschelig warm sein. Zieht im Sommer ein Sturm auf, fährt die Markise auf der Terrasse automatisch ein. Kommt Papi nach der Arbeit heim, öffnet sich die Garage ohne eigenes Zutun und eine Videokamera an der Haustür hält fest, wer um 14.37 Uhr geklingelt hat. Ein Smart-Home hat viele Gesichter.

"Smart-Home-Lösungen sind heute nichts mehr Ungewöhnliches", sagt Peter Andritzky, der im nordoberpfälzischen Konnersreuth (Kreis Tirschenreuth) einen erfolgreichen Installationsbetrieb führt. Vor 20 Jahren hatte er die Firma der Eltern mit 3 Mitarbeitern übernommen, heute beschäftigt Andritzky 45 Mitarbeiter. Andritzky setzt auf die Karte Smart-Home. "Darin liegt die Zukunft", ist er überzeugt. "Viele meine Kollegen belächeln mich und machen so weiter wie bisher. Das muss jeder für sich selbst entscheiden, schließlich sind die Märkte unterschiedlich. Doch für mich gehören Zukunft und Digitalisierung zusammen."

Peter Andritzky: Smart-Home-Lösungen sind heute nicht mehr Ungewöhnliches.

Auch größere Projekte

Was sich an digitalen Lösungen bei einem Neubau realisieren lässt, hängt vom individuellen Budget ab, gibt Andritzky zu. Doch wer neu baut, sollte zumindest die Option schaffen, später nachzurüsten und den Betrieb durchweg zu digitalisieren. Digitalisierung sei dabei natürlich auch bei größeren Projekten, wie Industrie-, Gewerbe- oder Bürogebäuden möglich (zum Beispiel über sogenannte MSR-Anlagen, was für messen, steuern, regeln stehe).

Der Trend zum Smart-Home gehe im Sanitärbereich mit einer zunehmenden Technisierung Hand in Hand. Zwei Erscheinungen, die sich selbst hochschaukeln. Er installiere heute in vielen Neubauten beispielsweise Wärmepumpen, zum Heizen und Kühlen, kombiniert mit einer Lüftungsanlage. "Das können Sie dann im ,Smart Home' so steuern, dass die Anlage zum Beispiel bei 10 Grad Außentemperatur eine Stunde Stoß lüftet."

Wer sich für ein Smart-Home entscheide, müsse sich fundiert beraten lassen: "Die Geräte haben bei den Schnittstellen unter Umständen unterschiedliche Standards. Das muss zusammenpassen." Andererseits sei es in seinen Augen aber auch wichtig, bei den unterschiedlichen Geräten im Haus nicht allein auf einen Anbieter zu setzen. Vernetzte Lösungen seien darüber hinaus komplex: "Wir haben Kunden, die echte Technikfreaks sind und sich gut auskennen, ja vielleicht sogar selbst programmieren." Normalanwendern rate er aber unbedingt zu einem Wartungsvertrag.

Azubi Christian Müller reizt der hohe Technikanteil seiner Ausbildung.

Handwerk verändert sich

Smart-Home, Digitalisierung und Technisierung führen nicht nur zu neuen Möglichkeiten für den Kunden, sie verändern auch das Anforderungsprofil des Handwerkers. "Früher wurde man Heizungs- oder Gas-Wasser-Installateur, heute lernen Sie den Beruf des Anlagenmechanikers für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik, der nebenbei auch viel von Elektrik, Vernetzung und Elektronik verstehen muss", beobachtet Andritzky und stellt seinen Auszubildenden Christian Müller vor, angehender Anlagenmechaniker im ersten Lehrjahr. Der 17-jährige Wiesauer scheint seinen Traumberuf gefunden zu haben. "Ich finde meine Tätigkeit ist unglaublich interessant", sagt er, "weil sich soviel tut." Christians Ausbildung dauert dreieinhalb Jahre, ein- bis zweimal in der Woche besucht er die Berufsschule in Weiden.

"Es ist einfach sehr abwechslungsreich. Ich bin jeden Tag auf einer anderen Baustelle, lerne viel von meinen Kollegen", begeistert er sich für einen Beruf, der nicht stehen bleibt. Christian hat sich nach seinem "Quali" mit dem Anlagenmechaniker für einen der beliebtesten Handwerksberufe überhaupt entschieden. Er muss noch richtig zupacken, so wie man sich das "auf dem Bau" vorstellt. "Da muss man schon mal ein altes Rohr aus der Wand klopfen oder überlegen, wie man am besten ein Neues verlegt."

Man muss aber auch verstehen, wie etwa eine Wärmepumpe oder ein Blockheizkraftwerk arbeiten, sie warten können und im "Smart Home" wissen, wie das Zusammenspiel mit der Steuerungsanlage funktioniert. Der Anlagenmechaniker ist damit auch ein Elektriker, der mit komplexen technischen Systemen konfrontiert ist. (Die Steuerung selbst ist aber Angelegenheit des "IT-Systemelektronikers". Der eine benötigt ein grundlegendes Verständnis für die Arbeit des anderen, dennoch sind die Zuständigkeitsbereiche letztlich getrennt.) Eines zeigt sich ganz klar: Das Handwerk von gestern muss sich von überkommenen Denkmustern verabschieden und sich neu erfinden. Das freilich ist "unheimlich spannend", sind sich Lehrling und Chef einig.

Christian Müller, angehender Anlagenmechaniker: Ich bin jeden Tag auf einer anderen Baustelle und lerne viel.
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