07.09.2018 - 11:02 Uhr
KümmersbruckOberpfalz

Wenn die Amberger Fischer Müll angeln

Sieht doch gar nicht so schlimm aus rund um die Sandgruben beim Haidweiher. So kann man sich täuschen: Eineinhalb Stunden später sind die großen Müllsäcke voll. "Ein voller Erfolg" bilanziert Tim Jüntgen - auch etwas ironisch.

Wie kriegt man seinen Dreck so tief hinein ins Dickicht? Die Müllsammler tragen beim Aufräumen manchen Dornen-Kratzer davon.
von Heike Unger Kontakt Profil

Es ist schwül-heiß an diesem Spätnachmittag. Die 15 Mitglieder des Fischereivereins, die sich an einer der Sandgruben beim Haidweiher treffen, könnten jetzt auch etwas anderes machen. Im Biergarten sitzen, selber entspannt am Wasser in der Sonne liegen. Oder natürlich angeln. Aber dazu ist heute keine Zeit. Saubermachen ist angesagt: Regelmäßiges Rama-dama gehört zum Vereinsprogramm. Denn die Mitglieder kümmern sich nicht nur um die von ihnen betreuten Gewässer und ihre tierischen Bewohner, sondern auch um das Drumherum. Sie sind Naturschützer - betont ihr Vorsitzender Tim Jüntgen.

Das große Aufräumen am Haidweiher

Also rüsten sich die Fischer und ihr Gast aus der AZ-Redaktion heute nicht mit Angeln und Köder aus, sondern mit großen blauen Müllsäcken und Eimern. In zwei Gruppen schwärmen sie aus: Rund um die beiden Sandgruben, die beliebte Badeweiher sind, sammeln sie Müll ein. Los geht's, erst mal runter ans Wasser. Hier genießen noch viele Sonnenanbeter den Sommerabend. Die Fischer kennen keine Berührungsängste. Und garnieren ihren Blick nach Weggeworfenem mit dem freundlichen Hinweis an die Badenden, eigenen Müll mit einzupacken, wenn sie gehen.

"Das brauch' ich noch"

Die Badegäste zeigen Verständnis, keiner meckert über die Belehrung. "Wir lassen eh nix liegen", lautet meist die Antwort. Und sie klingt glaubwürdig: Man will ja nächstes Mal wieder herkommen und einen sauberen Liegeplatz finden. Nur ein Radler, der sich etwas abseits fast häuslich einquartiert hat, mosert. Er verteidigt vehement jede der vielen Plastiktüten, Planen und weiteren Krempel, die um ihn herum liegen: "Das brauch' ich noch."

Auch die offensichtlich kaputte Luftmatratze, die einer der Müllsammler schon in seinem Abfallsack verstaut hat. Er fischt sie wieder heraus, gibt sie dem Radler, ist aber skeptisch: "Bin gespannt, ob sie noch da liegt, wenn er nachher weg ist." Weiter geht's. Im hinteren Teil der Sandgrube tummeln sich die FKK-Fans. Ganz ungeniert. Die Fischer haben mit "den Nackerten" auch keine Probleme. Mit anderen, die hier zuweilen ähnlich freizügig unterwegs sind, schon: Viel zu oft schon mussten sie wenig appetitlich Hinterlassenschaften von Freiluft-Schäferstündchen in ihre Müllsäcke packen. Heute bleibt ihnen das erspart, ebenso wie die gebrauchten Spritzen, die der Aufräum-Trupp sonst regelmäßig findet. Dafür warten heute noch andere Überraschungen.

Eine davon kommt den Saubermachern als seltsamer Fahrzeug-Corso entgegen: Ein ins Zivile ausgemusterter Bundeswehr-Jeep und drei Quads, unterwegs zum Badeweiher. Das ist verboten: Das Gelände ist Landschaftsschutzgebiet, hier dürfen nur wenige Berechtigte fahren. Die Fischer weisen den Anführer der kleinen Kolonne darauf hin. Der winkt ab. "Wo soll das stehen?" verlangt er einen Nachweis in Form eines Schildes. Die gibt es, aber sie werden gerne gestohlen. Oder auch mit schwarzer Farbe übersprüht. "Dann gilt es nicht mehr", kommentiert einer der Fischer sarkastisch. Natürlich ist das nicht so. Das Fahrverbot gilt für alle, die keinen Berechtigungsschein haben, wie die Fischer. Und die dürfen ihn auch nur nutzen, wenn sie hier für den Naturschutz unterwegs sind. Zum Angeln müssen sie auch zu Fuß kommen. Die Polizei kontrolliert öfter: Wer erwischt wird, zahlt 30 Euro.

PS-Rabauken ohne Einsicht

So gesehen haben die Quad-Fahrer Glück, dass sie nur den Fischern begegnet sind. Die können nicht mehr machen, als sich auf ein Wortgefecht einzulassen. Es endet ohne Einsicht. Die PS-Rabauken fahren einfach weiter. Wenigstens konnten Jüntgen und seine Mitstreiter die Unbelehrbaren davon abhalten, mit ihren Quads querfeldein abwärts bis ans Wasser zu heizen.

Wenn die Fischer Müll angeln

Das ganz dicke Ende kommt, wie so oft, am Schluss. Im Gestrüpp beiderseits des Fußpfads zur Zufahrt der B 85 türmen sich Hinterlassenschaften diverser Fress- und Saufgelage: Plastikverpackungen von Käse und Wurst, Joghurt-Becher, Blechbüchsen, Schnaps-, Bier- und Salatdressing-Flaschen, Folien, Chipstüten, mit Undefinierbarem vollgestopfte Einkaufstüten, Fast-Food-Verpackungen und allerlei nicht nur zum Schneuzen benutzte Papiertücher. Hier braucht's einige Unverfrorenheit. Zuerst bei denen, die ihren Müll tief ins Dickicht hinein entsorgt haben - und danach bei denen, die den Dreck mühsam zwischen Geäst und Dornen wieder herauspuhlen.

Zerkratzte Arme und mehrere volle Müllsäcke dokumentieren die Sauerei eindrucksvoll. Der AZ-Gast staunt. Die Fischer nicht. Natürlich ist das ganz schön viel Müll, der in nur eineinhalb Stunden zusammengetragen wurde. "Aber wir hatten auch schon mehr", lautet die Bilanz der erfahrenen Saubermacher. Die schlichten nahe der Zufahrt auf, was die Gemeinde Kümmersbruck, auf deren Gebiet die Sandgruben liegen, morgen abholt und entsorgt: Etliche prall gefüllt blaue Müllsäcke, drei große Bottiche voll Glasflaschen, eine Picknickdecke, diverse Aufblas-Badebegleiter, denen die Luft ausgegangen ist, sechs große Autoreifen. Die haben die Ehrenamtlichen ganz zum Schluss noch aus dem Wald geholt. Und dazu auch noch fünf Farbeimer. Hier macht sich die nahe B 85 bemerkbar: Kurz anhalten - und weg mit dem Müll.

Manches brandgefährlich

Eine typische und häufige Bade-Hinterlassenschaft ist der Grill samt dazugehörender Pappschachtel, den die Sammler aus dem Gebüsch gezogen haben. Das ist nicht nur wilder Müll. Sondern auch brandgefährlich: Bei Feuer am Badesee, der angesichts der Hitzewelle strohtrockenem Bewuchs umgeben ist, hört der Spaß auf. Vor allem, weil die Feuerwehr im Fall der Fälle nicht durchkommen würde. Weil die Zufahrt zum See trotz absoluten Halteverbots mal wieder zugeparkt ist.

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Info:

Amberg. (eik) Dass der Fischereiverein gerne mit der Angel unterwegs ist, ist klar – aber die Mitglieder stellen sich auch ehrenamtlich in den Dienst der Allgemeinheit, mit unzähligen unbezahlten Arbeitsstunden. Das tun viele Vereine in der Region – ohne dass die Öffentlichkeit davon Notiz nimmt. Zeit, dies zu ändern: Die Redaktion möchte mit einer neuen Serie zeigen, was Vereine noch „nebenbei“ für andere leisten – für Mitbürger, ihre Gemeinde, Kinder, Senioren, Tiere, die Natur... Unter dem Motto „Rent-a-Redakteur“ besucht sie die Redaktion, um dort mit anzupacken. Vereine, die eine helfende Hand brauchen können, melden sich einfach per Mail (redaz[at]oberpfalzmedien[dot]de; bitte Telefonnummer angeben).

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