29.05.2020 - 12:05 Uhr
Lennesrieth bei WaldthurnOberpfalz

Alter Brauch pausiert: Pfingstschwanz kommt ungeschoren davon

Lärm ist oftmals störend. Es gibt aber ein Dorf, in dem alljährlich an einem Nachmittag das wilde Geschrei von jungen, kräftigen Männern zum freudigen Ritual gehört. Nur heuer herrscht Stille in Lennesrieth.

Die Pfingstschwanzfahrer 2019 bei ihrer Gauditour durch Lennesrieth.
von Franz VölklProfil

"Pfingstschwanz, Oarschdorm, bist heit Nacht ins Bett eigfrorn. Warst eiher aufgestandn, was das a niat worn. Oier und Schmolz hein mer gern, Kraut und Fleisch essmer gern. Alleluja, Alleluja, da Pfingstschwanz is dou“, erschallt es seit mehr als 150 Jahren alljährlich am Pfingstmontag in Lennesrieth, Marktgemeinde Waldthurn. In diesem Jahr wird an diesem Tag eine ungewohnte Ruhe herrschen, Der berühmte Lennesriether Pfingstschwanz darf nicht von Haus zu Haus ziehen. „Wir dürfen und wollen hinsichtlich der Coronakrise in diesem Jahr diesen alten Brauch nicht aufrechterhalten, es wäre für alle Beteiligten, ob Pfingstschwanzfahrer, aber auch die vielen Zuschauer zu gefährlich“, erklärte im Vorfeld Alexander Lukas.

Der „Luki“ wie der Mistkarrenfahrer kurz genannt wird, ist seit vielen Jahren der heimliche Vorstand der Lennesriether Pfingstschwanzfahrer, kommt aus dem Nachbardorf Albersrieth und chauffiert seit 22 Jahren den Mistkarren, auf dem der Pfingstschwanz – der faule Sack - durch die Straßen gefahren wird. "Pfingstschwanz" wird, wer an diesem Pfingstmontag als letzter aus den Federn kriecht. Hinter vorgehaltener Hand behauptet man, dass der „Langschlaf“ alljährlich nur ein Aspekt zur Findung des Pfingstschwanzes sei, der andere sei die Tatsache, dass man sich bereits am Frühschoppen – nach dem Flurumgang - ausgiebig beim Dorfwirt berät und diskutiert. Bei diesen feuchtfröhlichen Beratungen engt sich der Kreis der Kandidaten schon ein. Trotzdem wird erst kurz vor Start im Schneinder- oder Äelbauernstodl eine endgültige Entscheidung getroffen.

Dem Spätaufsteher wird ein Erdäpflsack über den Kopf gestülpt, ein Strohring um den Körper geschnürt unter großem Ramasuri wird er auf einen Schubkarren gelegt und unter Juchzen, Musikklängen und Goiselschnalzen von Haus zu Haus geschoben. Vor jedem Haus kippt der Luki den „Langschläfer im Jutesack“ ab, und dieser tanzt zu den Klängen des Schifferklaviers wie der Lump am Steckerl.

Während des Schautanzes rufen die Begleiter ihren Pfingstschwanzspruch. Obendrein wird das tanzende Opfer mit Wasser begossen oder von Kindern mit der Wasserpistole angespritzt.

„Ein echter Kerl der Region muss einmal im Leben beim Pfingstschwanzfahren dabei gewesen sein“, so der Leitspruch der Männerschaft. An diesem Ritual beteiligen sich nicht nur einheimische Junggesellen, auch Burschen aus den umliegenden Ortschaften stehen am Pfingstmontagnachmittag mit Lederhosen, kariertem Hemd, Hut, Flederwisch und Goiseln parat.

Bewaffnet sind die jungen Burschen mit einem Buckelkorb für die Eier, einer Pfanne für das Schmalz und einer großen Geldkasse. Lukas kann sich dieses Jahr ausruhen und für nächstes Jahr neue Kräfte für die Mistkarrenfahrt sammeln. Denn er hat eine durchaus verantwortungsvolle Aufgabe die ihn auch den Schweiß ins Gesicht treibt. So geht es in halsbrecherischer Fahrt, angefeuert von der Dorfbevölkerung, mit dem mit Birken geschmückten Mistkarren durchs ganze Dorf und in jeder Kurve hat der Wagen eine beängstigende "Schlagseite". Ausgeliehen wird der „mistige Karren“ vom Lennesriether Stefflbauern Hans, ein Mann, der das kulturelle Leben in seinem Heimatdorf in- und auswendig kennt. Auch die traditionelle Flurprozession am Pfingstmontagvormittag, von Lennesrieth nach Waldthurn, bei dem die jungen Männer jedes Jahr dabei sind, fällt Corona zum Opfer.

Besucher des Spektakels spendierten in den vergangenen Jahrzehnten immer einige Euro, damit sich die Truppe samt Pfingstschwanz anschließend aktiv erholen und im Dorfwirtshaus „Zur grünen Linde“ einkehren konnte.

Viele vom Treiben ausgesperrte, weil verheirateten „älteren Säcke“ beobachten das Treiben sehr kritisch. Sie erklären Kind und Frau voller Stolz, dass das Familienoberhaupt früher auch schon mal einer dieser strammen Pfundskerln war. Aus erziehungstechnischen Gründen verschweigen aber die Väter ihren Kindern, dass man bei den „ersten Trinkübungen“ beim Dorfwirt schon mal an einem Bier genippt habe.

Am Pfingstmontag des kommenden Jahres hofft der heute noch nichts von seiner Rolle ahnende Pfingstschwanz 2021, dass sich einige Dorffrauen trotz dieser Zwangspause 2020 wieder daran erinnern, mit dem springenden, juchzenden und nassen „Irgendjemand“ Erbarmen haben und ihn mit warmen Wasser begießen.

Nötig hat der arme Tropf es allemal, nicht immer herrschen an Pfingsten sommerliche Temperaturen. Außer einer Badehose ist der Pfingstschwanz einzig und allein mit dem triefenden Jutesack bekleidet.

Klar im Nachteil sind diejenigen Jungburschen, die bis zum nächsten Pfingsten 2021 in den Hafen der Ehe einfahren – für sie ist in diesem Jahr das letzte Pfingstschwanzfahren der Corona-Pandemie zum Opfer gefallen.

Lebensfreude und Brauchtum pur sind am Pfingstmontag 2021 hoffentlich wieder in Lennesrieth zu sehen – „Alleluja, Alleluja, da Pfingstschwanz is dann hoffentlich wieder dou!“

In diesem Jahr werden die Pfingstschwanzutensilien nicht benutzt.
In diesem Jahr wird der Lennesriether Pfingstschwanz nicht unterwegs sein. Im Bild der "Faule Sack 2019".
Mistkarrenchauffeur Alexander "Luki" Lukas in Aktion ( 2006).
Die Pfingstschwanzfahrer 2019.
Eine Wasserdusche für den Pfingstschwanz Anfang der 70er Jahre am Äelbauernhof in Lennesrieth.
Die Pfingstschwanzfahrer 1975 in Regensburg.

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