29.07.2020 - 17:37 Uhr
Letzau bei TheisseilOberpfalz

Duogynon-Opfer freuen sich über Teilerfolg

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Großbritannien erkennt Leid der Geschädigten im Medikamenten-Skandal offiziell an - Grötsch fordert Entschuldigung von Spahn

Duogynon-Opfer kämpfen seit Jahrzehnten für Anerkennung ihres Leids und für Entschädigung.
von Elisabeth Saller Kontakt Profil

Die Opfer im Duogynon-Skandal um Margret-Rose Pyka blicken nach Großbritannien - und freuen sich über einen kleinen Erfolg. Dort kam nun eine Kommission zu dem Ergebnis, dass bei Schwangeren durch die Arznei Primodos, wie Duogynon in Großbritannien hieß, unwissentlich der Fötus beschädigt wurde. "Vermeidbares Leid hat man ihnen zugefügt", hieß es von der Kommission, sagt Pyka. Sie hat 30 Jahre in Letzau bei Weiden gelebt und kämpft seit 42 Jahren für eine Entschädigung in einem Skandal, der stark an den Contergan-Fall erinnert.

Die britische Kommission fordert vom Pharmaunternehmen Bayer, für die Schädigungen an Föten zu bezahlen, erläutert Pyka das Ergebnis. Hersteller von Duogynon und Primodos war zwar Schering, Bayer hat die Firma in der Zwischenzeit jedoch übernommen. Zudem sollte sich das britische Gesundheitsministerium entschuldigen, was inzwischen geschehen ist.

Schering hatte Duogynon von 1950 bis 1981 in Deutschland als hormonellen Schwangerschaftstest produziert und verkauft. Schon zu Beginn der 1960er Jahre stand das Mittel im Verdacht, schwere Missbildungen an Föten auszulösen. Erst 1981 wurde es vom Markt genommen. Pyka, selbst Mutter einer durch die Arznei geschädigten Tochter, hofft, dass der Fall nun endlich aufgeklärt wird.

38 Bundestagsabgeordndete fordern Kanzlerin zum Handeln auf

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In Deutschland hatten sich im vergangenen Sommer 38 Bundestagsabgeordnete in einem Brief an die Bundesregierung gewandt und um Aufklärung gebeten. Einer der Unterzeichner war Uli Grötsch (SPD) aus Weiden. Die Antwort aus dem Kanzleramt: Man beobachte das Vorgehen in Großbritannien.

"An uns ist ein Verbrechen begangen worden und zwar wissentlich", sagt Pyka, die seit Kurzem in Krefeld lebt und Kontakt zu sechs Duogynon-Opfern in der Oberpfalz pflegt. So sieht es auch Grötsch: "Mir ist unerklärlich, wie die Bundesregierung sich seit Jahrzehnten verhält." Nach der parlamentarischen Sommerpause möchten Abgeordnete eine Initiative starten und das Thema vorantreiben. Sie möchten "die Bundeskanzlerin und die Bundesregierung auffordern, genauso wie in Großbritannien zu verfahren". Grötsch will, dass "das Leid und Unrecht anerkannt ist". Wenn sich Minister Jens Spahn entschuldigt hat, soll es um die Entschädigung gehen.

Gerade prüft Pyka als Vorsitzende einer Opfervereinigung, ob sie gegen die Bundesregierung vorgehen kann. Denn lange bevor Duogynon vom Markt genommen wurde, gab es Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen der Arznei und den Missbildungen. Diese seien Schering und den Behörden bekannt gewesen, so die 70-Jährige. Die Ämter sprechen trotzdem auch heute nur von einem "möglichen Zusammenhang". Pyka, die mit ihren Mitstreitern Nachforschungen angestellt hat, behauptet: "Wir haben den kausalen Nachweis gefunden." Ihr Verein erwägt eine Amtshaftungsklage gegen zwei Ressortleiter im Gesundheitsministerium und im Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte.

Margret-Rose Pyka kämpft seit 42 Jahren für Duogynon-Opfer

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Info:

Duogynon

Das Medikament Duogynon des Pharmaherstellers Schering war von 1950 bis 1981 auf dem Markt, ab 1978 hieß es Cumorit, in Großbritannien Primodos. Ärzte haben es mit zwei Tabletten oder zwei Spritzen als Schwangerschaftstest verabreicht. Wer abtreiben wollte, nahm vier Tabletten. Die heute üblichen Urin-Schwangerschaftstests oder Stäbchentests beruhen auf einem britischen Patent von 1980.

Vier Substanzen waren in den Duogynon-Tabletten enthalten, einer davon ist „der Schädiger“, erläutert Margret-Rose Pyka: Ethinylestradiol. Das soll verhindern, dass die Leber die anderen Stoffe nicht absorbiert. „Das hat Schering auch zugegeben, dass sie das so designt haben“, sagt Pyka, eine betroffene Mutter aus Letzau (Kreis Neustadt/WN).

Ein weiterer Inhaltsstoff war Norethisteronazetat. Stieß dieses auf die Plazenta, hat sie es in Ethinylestradiol umgewandelt. Der Embryo erhielt die 17.000-fache Anzahl der gefährlichen Hormone. Schon 1969 wurde laut Pyka festgestellt, dass die Substanzen die DNA des Embryos verändern und Missbildungen entstehen.

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