08.11.2019 - 16:00 Uhr
MähringOberpfalz

Der Mann aus Mähring, der in Berlin den Mauerfall verschlief

Der Mähringer Uwe-Karsten Mühlenbeck, gebürtiger Berliner und Kreisvorsitzender der Europa-Union im Landkreis, war beim Mauerfall vor 30 Jahren in Berlin und hat das historische Ereignis prompt verschlafen.

Jubelnde Menschen auf der Berliner Mauer am Brandenburger Tor am 10 November 1989.
von Ulla Britta BaumerProfil

Uwe-Karsten Mühlenbeck wohnt heute in Mähring. Damals, am 9. November 1989, war die geteilte Hauptstadt Berlin sein Zuhause. Er ist dort geboren, hat als Fünfjähriger die Bombardierung der Stadt im Zweiten Weltkrieg miterlebt und war auch in Westberlin, als die Mauer fiel.

Der 80-jährige, gebürtige Berliner Uwe Mühlenbeck erinnert sich noch gut an den Mauerfall. Seinen Lebensabend verbringt er in Mähring, wo er ein zweites Mal bei der Grenzöffnung nach Tschechien dabei sein durfte.

Um 5 Uhr geweckt

Von der historischen Nacht hat er gar nichts mitbekommen. Da er immer sehr früh aufstand, ging er auch an diesem Abend zeitig ins Bett. Uwe-Karsten Mühlenbeck hat den Mauerfall schlichtweg verpennt. Der Berliner wurde frühmorgens um 5 Uhr von seinem Radiowecker "friedlich", wie immer, geweckt. Allerdings war es mit dem friedlich dann rasch vorbei", schmunzelt er. In den Nachrichten erfuhr er, dass die Grenze geöffnet worden war. "Ich habe gedacht, mich trifft der Schlag", schildert der Wahl-Mähringer seine ersten Gedanken nach dieser Nachricht.

Das Ereignis änderte Mühlenbecks Arbeitsleben auf einen Schlag. Der Berliner hatte einen Job bei der Betreuungsstelle für DDR-Bürger in Charlottenburg. Was heißt, dass er schon vor der Wende mit den damaligen DDR-Bürgern in engem Kontakt war. "Die haben das sogenannte Begrüßungsgeld ja bereits vor der Grenzöffnung bekommen. Alle, die offiziell ausreisen durften, kamen zu uns aufs Amt, um sich ihre 100 Mark abzuholen", erzählt Mühlenbeck. Das sei kein Vergleich zu dem Tumult gewesen, den er an seiner Arbeitsstätte vorgefunden habe.

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Überfüllten Arbeitsstätte

"Die Kollegen haben um 6 Uhr angerufen. Gut, dass du auf bist. Komm' sofort, haben sie gesagt", erzählt er weiter. Nach drei U-Bahnstationen stand er vor seiner total überfüllten Arbeitsstätte. "Von oben bis unten auf den Treppen und draußen vor der Tür wimmelte es vor DDR-Bürgern", so Mühlenbeck. An ein vernünftiges Arbeiten sei da nicht mehr zu denken gewesen. Zugegangen sei es wie in einem Bienenschwarm. Er habe Rat einholen wollen beim Stellvertretenden Bürgermeister und beim Personalrat. Aber keiner wusste, wie mit der Situation umzugehen sei. Also habe er sich an den Berliner Senat gewandt. Man wisse auch nicht, wie es laufen solle, sei ihm von dort gesagt worden.

"Also haben wir das selbst in die Hand genommen", erzählt er. Mit drei Mann sei er runter in den kleinen Saal im Erdgeschoss. "Wir machten rechts und links die Flügeltüren auf und lotsten die DDR-Bürger rechts rein und links mit dem Begrüßungsgeld raus." Gut fünf Wochen sei das immer so weiter gegangen. "Tag und Nacht", so Mühlenbeck. Auch einige Berliner Banken hätten mitgeholfen. Mit den Vorschriften nahm man es nicht so genau. So hätten zum Beispiel ehemaligen DDR-Offiziere kein Geld bekommen dürfen. Aber bei dem Andrang habe man nicht auf solche Vorschriften achten können. "Es war eine Katastrophe", stöhnt Mühlenbeck heute noch, wenn er an diese Tage zurückdenkt.

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Abzeichen versteckt

Drei Millionen Mark pro Bezirk und pro Monat seien in Berlin in den ersten Monaten ausbezahlt worden, weiß Mühlenbeck. Auch ehemalige Stasi-Mitarbeiter seien vor ihm gestanden. "Ich habe manches Abzeichen versteckt unterm Hemd gesehen." Und er habe viele Schlaumeier getroffen, die doppelt abkassieren wollten. Ein gängiger Trick sei es gewesen, den Stempel im Reisepass wegzukratzen. Über Listen, damals ohne PC, habe man nachkontrollieren müssen, ob schon Begrüßungsgeld geflossen sei. "Ich glaube heute, sehr viele haben sich mehrfach bedienen lassen", vermutet Mühlenbeck.

Der Mauerfall war schließlich auch der Anlass für den Umzug nach Bayern. Seine Mutter wollte dem überfüllten Berlin "entfliehen". Über einen Freund, der ein Haus in der Region hatte, kam er ins Stiftland. "Die Fahrt in die Oberpfalz dauerte 14 Stunden", erinnert er sich. "Überall verstopften Trabis die Straßen." Sauer sei er über jene DDRler gewesen, die zum Zeitpunkt des Mauerfalls nur rumgemotzt hätten. Aber der Großteil habe sich natürlich sehr dankbar und glücklich geäußert über die neue Freiheit. Sein größter Wunsch in diesen Tagen sei es gewesen, endlich frei durchs Brandenburger Tor zu schreiten. "Aber ich hatte einfach keine Zeit. Ich habe nur gearbeitet", seufzt Mühlenbeck über dieses Versäumnis. Als er es endlich geschafft habe, sei am Tor immer noch ein Volkspolizist gestanden zur Ausweiskontrolle. Den habe er ignoriert.

Später erlebte er wenigstens live vor Ort den Fall des Eisernen Vorhangs zu Tschechien in seiner zweiten Heimat Mähring. 1992 zog er ganz hierher. Seither ist Uwe-Karsten Mühlenbeck mit tschechischen Freunden über die Euregio Egrensis und lokale Aktionsgruppen für den Frieden engagiert. Den Kreisvorsitzenden der Europa-Union macht es traurig, wenn er sieht, was die rechte Szene heute, 30 Jahre später, in den Ländern der ehemaligen DDR anrichte. "Ich wünsche mir ein starkes Europa, damit es nie wieder Krieg gibt", sagt der Mann, der den Mauerfall verschlafen hat.

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