07.04.2021 - 14:57 Uhr
MantelOberpfalz

Junger Helfer im Corona-Einsatz: Tränen für verstorbene Senioren

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Als er ankommt, fährt gerade der Bestatter ab. Bei einem Noteinsatz in einem Seniorenheim erlebt Johannes Puckschamel aus Mantel bedrückende Szenen. Und doch zieht der 25-Jährige viel Positives aus seinen Erfahrungen.

Ein Corona-Einsatz in einem Pflegeheim beeindruckte Johannes Puckschamel.
von Ralph Gammanick Kontakt Profil

Wie in vielen anderen Senioreneinrichtungen gab es auch in Saalow (Brandenburg) einen Corona-Ausbruch. Viele Bewohner erkrankten, auch ein Großteil des Stammpersonals fiel aus. Deshalb rief der Kreisverband Fläming-Spreewald e.V. des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) den Krisenfall aus, damit die Versorgung der BewohnerInnen durch haupt- und ehrenamtliche Unterstützung sichergestellt werden konnte. Einer der Helfer stammt aus dem Landkreis Neustadt: Johannes Puckschamel, 25 Jahre, aufgewachsen in Mantel. Für Oberpfalz-Medien schildert er seine Erfahrungen beim ungewohnten Einsatz. Zunächst vier Tage im Januar, dann nochmals zwei im März half er in Saalow aus. Hier sein Bericht:

Weiden will Corona-Modellstadt werden

Weiden in der Oberpfalz

Eigentlich absolviere ich gerade meine Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger im Krankenhaus in Treuenbrietzen (Kreis Potsdam-Mittelmark/ Brandenburg). Als ehrenamtliche Einsatzkraft beim DRK-Ortsverband Jüterbog (Landkreis Teltow-Fläming/ Brandenburg) war für mich sofort klar, dass ich helfen und unterstützen wollte. Damit hieß es für mich, unter der Woche meiner Ausbildung nachzugehen und am Wochenende in der Einrichtung auszuhelfen.

Abfahrende Leichenwagen

So machte ich mich dann am 23. Januar auf den Weg nach Saalow – ohne genau zu wissen, was auf mich zukommen würde. Das Erste, was ich bei meiner Ankunft zu sehen bekam, war das abfahrende Fahrzeug des Bestatters. Nachdem ich wie jeder andere Mitarbeiter vor dem Dienstbeginn meinen Corona-Test absolvieren musste, wurden mir meine Aufgaben für die kommenden Tage erklärt. Hier bekam ich schon mal einen ersten Eindruck, wie psychisch und physisch hart die Arbeit sein würde.

An diesem Tag waren bis zu diesem Zeitpunkt bereits zwei Todesfälle zu beklagen. Mir wurde schnell klar, wie prekär die Mitarbeitersituation tatsächlich war. Zwei Drittel der Belegschaft war zu diesem Zeitpunkt bereits krankgeschrieben. Der verbleibende Rest der Mannschaft hat zum Teil Doppelschichten gearbeitet, damit die Versorgung der Bewohner gewährleistet werden konnte – und das immerzu in Ganzkörperschutzanzügen mit FFP-2-Maske und Schutzbrille. Und dennoch wurde auf einen liebevollen Umgang geachtet.

Letztes Abendmahl für Bewohnerin

Ich wurde für die Tage im Januar immer dem Wohnbereich 1 zugeteilt. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich etwa 10 Personen Corona-positiv in Quarantäne. Einige davon waren in einem sehr schlechten Zustand. Einer Bewohnerin durfte ich an meinem zweiten Einsatztag, im Auftrag ihres Pfarrers, das letzte Abendmahl reichen. Dies war für mich ein ganz besonderer Moment. Leider musste ich miterleben, wie abgeschottet und isoliert die Bewohner von den Angehörigen diese schwierige Zeit durchleben mussten. Man hat zwar immer wieder versucht, durch kleine Spielrunden und Gespräche die BewohnerInnen etwas aufzuheitern, aber man merkte jedem die angespannte Gesamtsituation deutlich an.

Der traurigste Moment war an meinem letzten Einsatztag im Januar. Gleich nach Dienstantritt musste ich erfahren, dass drei an Corona erkrankte Bewohner sehr überraschend kurz hintereinander verstorben waren. Meine Aufgabe bestand darin, mit der Fachkraft die Verstorbenen an das Bestattungsinstitut zu übergeben. Ich musste damals gegen die Tränen ankämpfen, da ich in den wenigen Stunden beide Bewohner sehr liebgewonnen hatte.

Endlich wirken Impfungen

In meinen letzten beiden Tagen im März unterstützte ich die Kollegen bei den Neuaufnahmen auf dem Wohnbereich 2. Erfreulicherweise gab es zu diesem Zeitpunkt keine neuen Corona-Fälle mehr. Die Impfungen der älteren Bevölkerung in den vergangenen Wochen schienen endlich zu wirken.

Als kleines Resümee kann ich nur sagen, dass ich vor den Kollegen in der Seniorenbetreuung meinen Hut ziehe: wie toll sie diese Krise gemeistert haben, trotz der großen Belastungen durchhielten und dabei immer versuchten die Bewohner bestmöglich zu versorgen. Zu guter Letzt will ich mich bei allen MitarbeiterInnen des Seniorenwohnheims und allen KameradInnen des DRK für die großartige Zusammenarbeit bedanken. Dank gilt auch meinen Eltern in Bayern, die mich mit Reden und Zuhören unterstützten. Es war eine schöne aber teilweise auch eine traurige Zeit. Aber es war definitiv eine wichtige Lebenserfahrung, die mir aufzeigte, wie wichtig das Ehrenamt und Zusammenhalt in solchen Krisen sind.

Corona-Infektionen in Seniorenheimen

Weiden in der Oberpfalz
Ein Corona-Einsatz in einem Pflegeheim beeindruckte Johannes Puckschamel.
Zur Person:

Johannes Puckschamel

  • Geboren am 1995 in Neustadt, aufgewachsen in Mantel
  • Mittlere Reife 2015 am Augustinus-Gymnasium
  • Beitritt zum BRK-Kreisverband Weiden/ Neustadt 2015, Sanitäts- und
    Betreuungsdienstgrundausbildung
  • Tätigkeit in Berlin als Security im Eventbereich 2015 bis 2019
  • Ab 2015 verschiedene Mitgliedschaften in Rot-Kreuz-Kreisverbänden sowie im Katastrophenschutz des DRK
  • Aktuell Mitglied im Katastrophenschutz des DRK SEE BHP 25 des Landkreises Teltow-Fläming und der Medical Task Force 17 (MTF 17)
  • Seit Oktober 2019 Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger im Johanniter Krankenhaus in Treuenbrietzen

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