21.02.2021 - 09:30 Uhr
MarktredwitzOberpfalz

Früheres Marktredwitzer "Armenhäuserl" vor ungewisser Zukunft

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Einst Armenhaus, dann Krankenhaus, später Malschule: Das historische Gebäude an der Kösseine in Marktredwitz steht seit Jahren leer und verfällt zusehends. Wie es weitergeht, ist unklar.

Der künstlerisch gestaltete Sockelbereich erinnert noch an die von Zoula Fürst ins Leben gerufene Malschule. Darüber bröckelt der Putz.
von Autor FPHProfil

Der Kösseinebach plätschert, Fußgänger spazieren auf dem Wallenstein-Radweg, der Verkehr auf der nahen Leopold- und Fikentscherstraße rollt. Und das ehemalige Marktredwitzer Armenhaus, vor einigen Jahren noch als Domizil für eine Malschule genutzt, steht verloren und wie in einen Dornröschenschlaf versunken da: Die Haustür und die Fenster im Erdgeschoss mit Holz verschlagen, der Putz bröckelt – nur die künstlerisch gestalteten Fliesen und die Reliefs am Sockel erinnern noch an bessere Zeiten.

Die Zukunft des geschichtsträchtigen Hauses, das sich im Besitz der Stadt Marktredwitz befindet, ist höchst ungewiss. „Aktuell stehen keine Entscheidungen zur weiteren Vorgehensweise an“, teilt Claudia Hiergeist, Leiterin der Pressestelle bei der Stadt, auf Anfrage mit. Offenbar ist auch der Abriss des Gebäudes, das seit Jahren leer steht und keinen Denkmalschutz genießt, nicht mehr auszuschließen.

„Leider ist das Armenhäuserl, das seit 2013 nicht mehr genutzt und seit vielen, vielen Jahren nicht mehr bewohnt wurde, in einem sehr baufälligen Zustand“, bedauert Hiergeist. So dürfe das Haus auch nicht mehr betreten werden, da die Decken nicht mehr tragfähig seien. „Seit geraumer Zeit ist das Objekt notgesichert und hat aufgrund des langen Leerstands und der Belastung durch Schmutz, Feuchtigkeit und Streusalz sowie der Lage im Überschwemmungsgebiet erhebliche Schäden davongetragen.“ An eine Vermietung sei da nicht mehr zu denken.

Mehrmals erweitert

Es sieht also nicht allzu gut aus für das ehemalige Armenhaus. Dabei sind mit dem Gebäude viele Geschichten aus dem alten Redwitz und der Marktredwitzer Historie verbunden. Stadtarchivarin Edith Kalbskopf hat im Archiv recherchiert und Interessantes zutage gefördert. Demnach ist das Haus seit dem 17. Jahrhundert belegt. Damals, gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges, der auch für die Menschen in der Region viele Leiden und Entbehrungen mit sich brachte, ließ der Magistrat unter der Leitung des Bürgermeisters Georg Leopold ein eigenes Domizil für die armen Leute im damaligen Redwitz errichten. Im Lauf der Zeit wurde es mehrmals erweitert. In seiner Substanz dürfte es jedenfalls eines der ältesten Bauwerke in der Stadt sein.

Georg Leopold vermerkt den Bau des Armenhauses auch in seiner Chronik. Durch seine Beschreibung wird Kalbskopf zufolge deutlich, dass die Armen und die Kranken in einem Atemzug genannt werden und das Armenhaus gleichzeitig auch die Funktion eines Krankenhauses für Arme und weniger Gutsituierte erfüllen musste. Besser gestellte Bürger oder auch Hausbesitzer wurden zu jenen Zeiten im Krankheitsfall zu Hause durch Angehörige und Dienstboten gepflegt.

Kurze Blütezeit

Vor einigen Jahrzehnten wurde das Haus noch für private Wohnzwecke genutzt. Eine kurze Blütezeit erlebte es, als 1998 die Künstlerin Zoula Fürst darin eine Malschule etablierte. Nach Fürsts Umzug 2011 nach Berlin übernahm der aus den Niederlanden stammende Künstler Robin Seur die Malschule. 2013 jedoch wechselte er damit in den Winkel in Marktredwitz. Derzeit ruht die Malschule. Sie soll allerdings im Markt wiederbelebt werden. Was aber aus dem Armenhaus werden wird: Das steht in den Sternen.

Betreten verboten: Das ehemalige Armenhaus ist stark baufällig. Was aus ihm werden wird, ist unklar.

Das Haus für die Armen ist mit der Zahl der Bedürftigen gewachsen. Klagen über den schlechten Bauzustand gab es bereits früher. Belegt ist das Haus, das früher vor den Toren des Marktes an der Kösseine lag, seit dem Jahr 1648, informiert Edith Kalbskopf.

Verschiedene Legate und Stiftungen wohlhabender und sozial gesinnter Redwitzer Bürger sorgten dafür, dass die Armen zu besonderen Anlässen (meist den kirchlichen Festen) kleine Geldbeträge, Kleidungsstücke oder Lebensmittel erhielten. Ein Bericht des Amtsbürgermeisters Andreas Kutzer an den Egerer Rat aus dem Jahr 1713 schilderte, dass „die Armut im Markt von Tag zu Tag zunimmt“. Er bat zugleich um die Stundung von Steuern und die Befreiung von Einquartierungen und „Fourage“ (Pferdefutter).

Zusätzliche Stuben

Da sich das Armenhaus auf die Dauer als zu klein erwies und für die Unterbringung der Bedürftigen nicht mehr ausreichte, ließ es die Gemeinde im Jahr 1732 erweitern. Auf das bestehende Gebäude wurde ein weiteres Stockwerk gesetzt mit zwei zusätzlichen Stuben, einer Kammer und einer Küche. 1753 sorgte die Stiftung eines zu Geld gekommenen, inzwischen in Pressburg lebenden Redwitzers dafür, dass alljährlich die Zinsen eines Kapitals in Höhe von 150 Gulden an die Armen verteilt wurden.

Im Jahr 1754 fertigte der Geometer Johann Friedrich Ullmann eine Karte des Marktes Redwitz aus der Vogelperspektive an, in der er die Stadtgrenzen und die Lage der Grenzsteine akribisch festhielt. Auf dieser Karte ist auch erstmals eine Darstellung des Redwitzer Armenhauses zu sehen.

Renovierungsaktion

Im Jahr 1816 wurde Redwitz bayerisch, und viele Bereiche wurden neu geregelt. Das Armenhaus erhielt die Hausnummer 122. In den folgenden Jahrzehnten häuften sich Klagen über den schlechten Bauzustand. 1843 wurden in einer ersten Renovierungsaktion von Maurermeister Wilhelm Rödel die schlimmsten Missstände beseitigt; 1856 wurde das Haus nochmals erweitert, so dass sich nun im Erdgeschoss drei Zimmer, im ersten Stock vier Zimmer und unter dem Dach noch vier Kammern befanden.

Inzwischen waren auch die Anforderungen an das Gesundheitssystem gewachsen. Das Bezirksamt in Wunsiedel untersuchte Krankenpflegeeinrichtungen in den einzelnen Ortschaften und monierte, dass in Redwitz weder ein Krankenhaus noch eine Leichenhalle vorhanden waren. Da die Redwitzer Finanzen einen Neubau nicht zuließen, wurde kurzerhand der erste Stock des Armenhauses umgewidmet und zu „Krankenzimmern“ erklärt. Die „Armenhäusler“ mussten umziehen und fanden zunächst Unterkunft in einem der nahe gelegenen städtischen Hirtenhäuser.

Das Bezirksamt gab sich mit dieser Lösung aber nicht zufrieden. Es erklärte die vorhandenen Räume in jeder Hinsicht für ungenügend und drang weiterhin auf Errichtung eines eigenständigen Krankenhauses, das schließlich 1868 in der Dammstraße (heute Waldershofer Straße) realisiert wurde. Das Armenhaus erhielt seine alte Funktion zurück.

1910 wurden in Redwitz Straßennamen und Hausnummern eingeführt. Das Armenhaus erhielt die Adresse Mühlgasse 3 und lässt sich im Einwohnerverzeichnis aus dem Jahr 1912 unter dieser Anschrift noch als „Städtisches Armenhaus“ nachweisen. Nach dem Zweiten Weltkrieg lautete die Postanschrift W. C. Fikentscherstraße 12, heute Fikentscherstraße 8.

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Wiesau
Hintergrund:

Blick in Chronik

Bürgermeister Georg Leopold, unter dessen Ägide im Jahr 1648 das Armenhaus in Redwitz errichtet wurde, hat dies auch in seiner Chronik erwähnt. Darin heißt es:

  • Dieses Jahr ist mit zwei Stuben das Arme Haus beim Totengräberhaus gebaut worden, das in Notfällen, bei gefährlichen Krankheiten, für kranke Leute bestimmt war.
  • Die Baukosten hat das Gotteshaus und die Stiftung bezahlt, das Bauholz und die Bretter aber hat ein ehrbarer Rath ohne Geld hergegeben.
  • Weiter schreibt Bürgermeister Leopold: Das erste Weib, das hinein genommen worden war, ist die Neidhardtin von Reutlas gewesen, die darin bald gestorben ist; in einem hohen, bei den jetzigen Zeiten fast verwunderlichen Alter von 108 Jahren. Ein ehrbarer Rat allhier hat sie ehrlich begraben lassen.
Auf der sogenannten Ullmann-Karte von 1754 ist das Armenhaus links außerhalb der Stadtmauern von Redwitz zu sehen.

 

 

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