14.02.2021 - 07:59 Uhr
WiesauOberpfalz

Fast immer drangvolle Enge im ehemaligen Wiesauer Schulhaus

Die Alte Schulstraße bekam ihren Namen vom ehemaligen Schulgebäude. Es war nicht das erste Wiesauer Schulhaus, in dem Kinder unterrichtet wurden. Warum immer wieder neu gebaut werden musste, verrät der Blick zurück.

Bereits um das Jahr 1900 mussten der Neubau aufgestockt und die Anzahl der Lehrkräfte nach oben angepasst werden. Das Foto wurde um die 1940er-Jahre aufgenommen.
von Werner RoblProfil

Auf halber Höhe der Alten Schulstraße fällt ein für die historische Wohnsiedlung ungewöhnlich hohes Gebäude auf: die alte Schule. Errichtet wurde es vor über 130 Jahren und war beileibe nicht die erste Schule. So berichtet die Chronik von einem alten „Schulstadel“ am heutigen Kirchplatz. Unterrichtet wurde sogar im Gasthaus "Stadt Wien". Irgendwann und irgendwo auch im Dorf Schönfeld. Vielen Wiesauern noch bekannt ist das längst abgerissene Schulhaus am Kreuzberg, das mehr und mehr drohte, aus allen Nähten zu platzen. Bis Ende der 1970er Jahre war es das Rathaus der Gemeinde.

Infolge der permanent steigenden Schülerzahlen musste in den 1890er Jahren ein neues Schulgebäude her. Der Standortwechsel - weg vom Kreuzberg - war beschlossene Sache, nachdem auch die Grundstücksfrage gelöst worden war. Nahe der Brauerei war ein Grundstück zu haben, das der Wiesauer Franz Johann Thoma der Gemeinde zum Kauf angeboten hatte.

Lokalmalz-Steuer

Schon bei den Planungen der inzwischen dritten Schule beabsichtigte man, auch Wohnmöglichkeiten für die Lehrer zu schaffen. Die spätere Kostenrechnung sah vor, dass sich die Gemeinde Wiesau mit rund 4700 Mark am Gesamtprojekt beteiligen musste. Um den Betrag stemmen zu können, war guter Rat teuer. Mit einer neu eingeführten Lokalmalz-Steuer und einem zusätzlichen Bieraufschlag – die Gesamtsteuerhöhe betrug 50 Pfennig pro Hektoliter - verschaffte man sich Luft. Wie auf den Preisaufschlag reagiert wurde, ist unbekannt. Es darf aber angenommen werden, dass die Maßnahme nicht jedem gefallen hat.

Privater Kreditgeber

Um den beschlossenen Neubau voranzutreiben, musste die Bausumme vorfinanziert werden. Damit wandte man sich nicht – wie man annehmen könnte - an eine Bank. Die Gemeinde beschritt einen anderen Weg und folgte einem privaten Angebot aus Kornthan. Der Geldgeber lockte mit einem jährlichen Zinssatz in Höhe von fünf Prozent. Die vereinbarte Tilgung sollte innerhalb von acht Jahren erfolgen. Besiegelt wurde der Vertrag schließlich mit den Unterschriften beider Parteien.

1892 Einweihung

Mit dem Neubau beauftragte man wenig später den Unternehmer Andreas Hartung. 1892 folgte die Einweihung. Wenige Jahre danach stand Wiesau aber vor einem neuen, zugleich bekannten Schulhaus-Problem: Wieder reichte der Platz vorne und hinten nicht aus. Mit der Errichtung eines weiteren Stockwerkes im Jahr 1901 war die Platzfrage vorerst gelöst. Notwendig wurde jetzt auch ein Treppenhaus, das man der Westfront zufügte. Als zusätzlichen Schritt erhöhte man das Lehrerpersonal von ursprünglich drei auf nunmehr vier Pädagogen.

Doch bereits 1908 stand die Schulhausfrage erneut zur Debatte, um die schon wieder entstandene Enge in den Griff zu bekommen. Eine weitere Aufstockung des Gebäudes oder gar ein Anbau kam diesmal nicht mehr in Frage. Somit war klar: Jetzt musste neu geplant werden. Den künftigen Standort (an der heutigen Schulstraße) empfahl der damalige Pfarrer Jakob Ferstl. Von den bald wieder bevorstehenden Platzproblemen ahnte zu dieser Zeit niemand etwas. Die blieben aber nicht aus. Daher war man später froh, dass man die Klassenzimmer im alten Schulhaus (an der Alten Schulstraße), aber auch andere Räume (zum Beispiel im alten Pfarrheim) nutzen konnte.

„Haus der Musik“

Unterrichtet wird im ehemaligen Schulhaus schon lange nicht mehr. Es war bald wieder zu klein. Von 1964 bis 1984 war das Anwesen Standort der Feuerwehr Wiesau. Daraus wurde später das „Haus der Musik“. Darauf verweist der Gebäude-Schriftzug. Bis zum Umzug ins Fuchsmühler Rathaus war es das Proben-Domizil des Musikvereins Wiesau und Umgebung. Genutzt wird es bis heute vom Wiesauer Kinderchor und der Chorgemeinschaft Erbendorf/Wiesau.

Das ehemalige Schulhaus liegt an einer heute abseits gelegenen und ruhigen Gemeindestraße zwischen der Ottobadstraße beziehungsweise Friedenfelser Straße. Anders als heute herrschte dort vor vielen Jahre ein – für damalige Verhältnisse - starker Durchgangsverkehr. Die alte Schulstraße war einmal die Distriktstraße Friedenfels–Wiesau.

Interessant ist auch die Geschichte des Friedhofs in Wiesau

Wiesau
Hintergrund:

Erinnerungen an einen strengen Pädagogen

Bis heute kennt man die Namen der Lehrkräfte, die in den Wiesauer Schulhäusern die Kinder unterrichteten. An einen erinnert man sich weniger gern. Regelmäßig sorgte der strenge Pädagoge für Aufsehen in den Schul- und Gemeindeprotokollen. Daran erinnert auch eine Anekdote.

  • Scharfer Kritiker: Nach seinem Einzug in die Lehrerwohnung beanstandete er nicht nur Teile der Einrichtung, wie zum Beispiel die Dampfheizung und den Küchenherd. Zudem ärgerte ihn auch das ungeordnete Verlangen nach den stillen Örtchen in der Schule.
  • "Abortordnung": Der Schullehrer – von seinem Vorgesetzten „schlimmer Geist“ genannt – setzte sich an den Schreibtisch und verfasste eine „Abortordnung“. Darin wurden den Schülern einer Klasse lediglich fünf Minuten für den Besuch auf dem stillen Örtchen zugebilligt.
  • Blick in den Ablaufplan: Die Kinder der 6. Klassen besuchen den Abort von 9.45 bis 9.50 Uhr. Die Kinder der 5. Klassen besuchen den Abort von 9.50 bis 9.55 Uhr. Die Kinder der 1. Klassen besuchen den Abort von 9.40 bis 9.45 Uhr. Die Kinder der 2. Klassen besuchen den Abort von 9.45 bis 9.50 Uhr. Die Kinder der 3. Klassen besuchen den Abort von 9.50 bis 9.55 Uhr.

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.