14.07.2020 - 12:55 Uhr
MarktredwitzOberpfalz

Hautarzt in Marktredwitz gibt Kassenzulassung ab

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Dr. Klaus Kilian hört nach 26 Jahren als Kassenarzt auf, weil er sich bevormundet fühlt. Da keiner die Marktredwitzer Praxis übernimmt, behandeln nun zwei Hautärzte nur noch privat.

Die Entscheidung, die Praxis künftig ohne kassenärztliche Zulassung weiterzuführen, haben Dr. Klaus Kilian und seine Frau Petra Kilian, die sich um das Patientenmanagement kümmert, „nach vielen Nächten mit viel Ringen“ getroffen. „Aber wir haben leider keine andere Lösung gefunden.“
von Autor FPHProfil

Von Brigitte Gschwendtner

Über ein Vierteljahrhundert hat der Dermatologe und Allergologe Dr. Klaus Kilian Patienten in Marktredwitz geholfen, zunächst zwei Jahre lang zusammen mit seiner Vorgängerin Dr. Christel Koch. 1996 übernahm er die Praxis in der Bahnhofstraße, nach einigen Jahren stieg Ulrich Begemann ein, seitdem läuft das Ganze als Gemeinschaftspraxis.

Doch nun haben beide Hautärzte zum 1. Juli ihre Zulassung zurückgegeben. gibt es im Landkreis Wunsiedel keinen einzigen Dermatologen mehr, obwohl der Versorgungsplan der kassenärztlichen Vereinigung (KV) hier zweieinhalb Sitze vorsieht. Die halbe Stelle ist sogar schon seit zehn Jahren vakant, seit der Selber Hautarzt Dr. Radek Pavlicek ohne einen Nachfolger aufhörte. Wie Kilian und Begemann aktuell in Marktredwitz, fand Pavilcek damals schon niemanden in Selb, der gesetzlich Versicherte weiter behandeln wollte.

„Bitter“ nennt Kilian diese Fakten und betont: Er habe seine Zulassung nicht zurückgegeben, weil er künftig mit Privatpatienten mehr Geld verdienen wolle, wie ihm unterstellt worden sei. „Es geht nicht um die Kohle, sondern um die Bestimmungen der KV.“ Die Gebührenordnungen der privaten und gesetzlichen Krankenkassen glichen sich im Laufe der Jahrzehnte immer weiter an; der Vergütungs-Unterschied sei nicht mehr groß. „Ich bin hochzufrieden mit den kassenärztlichen Einnahmen. Ich will mich nicht bereichern.“

Was Kilian jedoch nicht akzeptieren möchte: Die KV nehme zunehmend Einfluss auf die ärztliche Arbeitsweise. Übel aufgestoßen war dem Mediziner zum Beispiel der politisch verordnete Zwangsanschluss aller Kassenärzte an die Telematik-Infrastruktur. Aus Datenschutzgründen wollte der Hautarzt seinen Patienten nicht zumuten, dass alle Erkrankungen für jeden Arzt sichtbar auf der Versicherungskarte gespeichert werden. Deshalb verweigerte Kilian die Telematik-Umrüstung, prompt musste er Strafe zahlen.

Noch mehr belastet Kilian, dass er sich bei der KV seit 15 Jahren immer wieder für die Zahl seiner Gewebeproben rechtfertigen muss. Der Landkreis Wunsiedel sei nun mal der mit den ältesten Einwohnern Bayerns, etliche Patienten hätten gleich mehrere Tumor-verdächtige Hautveränderungen, argumentiert Kilian. Deshalb müsse er öfter als andere Kollegen Hautkrebs-Risiken abklären. Doch die KV zwinge Kilian wieder und wieder in Wirtschaftlichkeits-Prüfungen. Mehrfach sei ihm mit Regress gedroht worden, weil er Richtziffern überschritt. Zeitaufwendig müsse der Arzt jedes Mal sein Vorgehen begründen.

So, jetzt langt’s. Wenn ihr nicht wollt, dass ich meine Arbeit mache, mache ich nicht mehr mit.

Dr. Klaus Kilian

„Zwei Mitarbeiterinnen suchen wochenlang alle Befunde heraus, bevor ich dann die Widersprüche schreibe.“ Nach einen halben Jahr würden die Prüfverfahren meist eingestellt, aber wenige Monate später habe er das nächste am Hals. Denn seine Praxisbesonderheit aufgrund der überalterten Bevölkerung werde nur teilweise anerkannt. Als Kilian sich Anfang des Jahres erneut einer „Auffälligkeitsprüfung“ unterziehen sollte, beschloss er: „So, jetzt langt’s. Wenn ihr nicht wollt, dass ich meine Arbeit mache, mache ich nicht mehr mit.“ Statt Gesprächen auf Augenhöhe laute das Motto der KV: „Wir bestimmen, du machst“, klagt Kilian: „Ich fühle mich in meiner ärztlichen Therapie-Freiheit stark angegriffen.“

Zudem merkte der Hautarzt, dass er mit fortschreitendem Alter die täglichen Belastungen selbst schwerer wegsteckte. „Irgendwann sieht man kein Land mehr.“ Die Marktredwitzer Praxis sei überfüllt, die Wartezeiten lang, die Beschwerden darüber umfangreich und die Suche nach qualifiziertem, motiviertem Personal schwierig.

Der Arzt und seine Frau Petra Kilian, die sich um das Praxismanagement und ein angeschlossenes Kosmetik-Institut kümmert, betonen, dass ihnen die Entscheidung „in vielen Nächte mit viel Ringen“ sehr schwergefallen sei. Sie bedauern, keine andere Lösung gefunden zu haben, als der kassenärztlichen Vereinigung den Rücken zu kehren. Denn zum einen seien ihnen die Patienten ans Herz gewachsen, zum anderen verzichteten sie mit der Rückgabe der Zulassung auf viel Geld. Altersvorsorge-Einkünfte durch Teilzeit-Beschäftigung beim Nachfolger fielen ebenso weg wie die Ablöse-Summe aus der Praxis-Übergabe.

Dennoch wollte sich Kilian „nicht mehr bedingungslos den kassenärztlichen Kriterien zweckmäßig, notwendig, wirtschaftlich und ausreichend unterwerfen“, sondern eine individuelle Behandlung anbieten, in die seine Erfahrungen einflössen. Ulrich Begemann entschied sich, diesen Schritt mitzugehen, obwohl er noch jünger ist.

„Zwar verlieren wir jetzt auf einen Schlag 70 Prozent unserer Patienten – aber wir müssen 80 Prozent weniger Verwaltung erledigen und haben 90 Prozent weniger Ärger“, sagt Kilian: „Die Kraft, die ich habe, kann ich jetzt an meine Patienten weitergeben.“

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Die vergebliche Suche nach einem Nachfolger

Ohne Erfolg hat der 61 Jahre alte Dermatologe Dr. Klaus Kilian, der kürzer treten wollte, selbst nach einem Nachfolger gesucht: „Niemand wollte bleiben“, obwohl etliche Assistenzärzte in der Marktredwitzer Praxis beschäftigt gewesen seien. Dauerhaft mochte sich jedoch keiner „den Stress und die viele Arbeit“ antun.

So misslang Kilians Plan, in der Praxis selbst nur noch einen halben kassenärztlichen Sitz zu belegen, während ein Nachfolger und Ulrich Begemann die zwei vollen Zulassungen behalten. „Unsere große Facharzt-Praxis mit Top-Dematologie und Großstadt-tauglichem technischen Niveau hätte das hergegeben. Wir haben riesigen Zulauf“, sagt Kilian. In Spitzenzeiten behandelten Begemann und Kilian bis zu 3800 Patienten und beschäftigten 15 Mitarbeiter. Weil die Arbeitsanforderungen immer komplexer wurden, reduzierten die Mediziner langsam auf den heutigen Stand von rund 2800 Patienten. Dennoch betrug die Wartezeit für einen Termin immer noch vier Monate. Dies werde sich weiter zuspitzen, prophezeiht Kilian.

„Eigentlich wollte ich in der Praxis in den kommenden Jahren nur noch schwierige Fälle übernehmen und als Senior-Partner mit Rat und Tat zur Seite stehen“, sagt Kilian. Doch es fand sich kein Junior-Partner. Ein junger Hautarzt hatte Kilian und Begemann schon fest zugesagt, in die Praxis einzusteigen. Doch dann lernte er eine Frau kennen, die in ihrer Heimat bleiben wollte, statt ins Fichtelgebirge umzuziehen.

Dabei könne ein Dermatologe, der sich hier niederlasse, ein gutes Einkommen erzielen, betont Kilian. Marktredwitz sei eine aufstrebende Stadt. „Und die Gegend hat Geld.“

Er selbst sei „schweren Herzens“ 1994 aus Würzburg ins Fichtelgebirge gekommen – ohne es bereut zu haben. Kilian betont, er fühle sich wohl hier. „Ich habe tolle und zuverlässige Patienten, mit denen ich vertrauensvoll arbeiten konnte.“ Doch jüngere Mediziner wollten sich das Arbeitspensum in einer Praxis nicht antun. „Sie suchen eine andere Work-Life-Balance.“ Kilian betont, dass alle Patienten nach dem KV-Ausstieg weiter in die Praxis in der Bahnhofstraße kommen dürften – allerdings als Selbstzahler. Nicht jeder könne oder wolle sich das leisten, räumt der Dermatologe ein und fügt hinzu: „Ich wünsche der Region rasch geeignete und kompetente kassenärztliche Nachfolger.“

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