25.03.2021 - 11:44 Uhr
MarktredwitzOberpfalz

Online-Seminar: „Vom Menschen zur Nummer“

Coronabedingt fiel die Exkursion zur Gedenkstätte für die Neuntklässler des OHG Marktredwitz in diesem Jahr aus. Deshalb setzten sie sich virtuell mit dem Häftlingsalltag im KZ Flossenbürg auseinander.

Die Vergleichsbilder von Häftlingen, die deren Leben vor und während der Haft im Konzentrationslager zeigen, machten den Schülern die psychische und physische Belastung deutlich.
von Externer BeitragProfil

Die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus ist im Lehrplan der neunten Jahrgangsstufe am Otto-Hahn-Gymnasium (OHG) in Marktredwitz fest verankert – mit einer Exkursion zu einer Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus. Wohin ein solcher Ausflug gehen soll, ergibt sich für das OHG aus der räumlichen Nähe: zur KZ-Gedenkstätte in Flossenbürg. Schon seit einigen Jahren können die Schülerinnen und Schüler dort am Programm des „Aktivierten Rundgangs“ teilnehmen, bei dem sie sich in Arbeitsgruppen auf spezielle Aspekte der KZ-Geschichte vorbereiten, die sie den Mitschülern dann vor Ort präsentieren.

Diese Gestaltung der Exkursion wurde in den zurückliegenden Jahren zu einem festen Bestandteil der historischen Bildung am OHG. Doch die Corona-Pandemie verhinderte in diesem Jahr das gewohnte Programm: Der Bustransfer nach Flossenbürg und die Gruppenführungen hätten ein Infektionsrisiko dargestellt. Die Gedenkstätte ist für Besucher geschlossen oder nur sehr eingeschränkt zugänglich, schreibt das Gymnasium in einer Mitteilung.

Für alle Schulen kostenlos

Auf der Suche nach neuen Konzepten kam ein Angebot der Gedenkstätte wie gerufen: ein Webinar, also ein Online-Seminar, über den Häftlingsalltag im KZ Flossenbürg. Dafür habe man eigens neues didaktisches Material erarbeitet, so Lisa Herbst und Johannes Lauer von der Bildungsabteilung der Gedenkstätte, die ihr Programm allen Schulen kostenlos anbieten.

Der Titel „Vom Menschen zur Nummer“ verdeutlicht schon einen inhaltlichen Schwerpunkt der 90-minütigen Webinare: den Verlust von Einzigartigkeit und Unterscheidbarkeit in der KZ-Haft. Den Schülern wurden zunächst Fotos von ehemaligen KZ-Häftlingen aus der Zeit vor ihrer Haft präsentiert. Die abgebildeten jungen Männer erscheinen förmlich-zurückhaltend oder lässig und selbstbewusst – so individuell wie heutige Jugendliche. Die Neuntklässler sahen dann einen kurzen Film über die Geschichte des Konzentrationslagers. Daraufhin wurden ihnen noch einmal die bereits bekannten jungen Männer präsentiert – nun aber ergänzt durch Fotos aus der Zeit während oder nach ihrer KZ-Haft. Den Jugendlichen wurde deutlich, dass den Menschen kaum mehr als Erinnerungen aus ihrer Zeit vor dem KZ geblieben sind.

Anschließend setzten sich die Schüler mit verschiedenen Aspekten des Häftlingsalltags auseinander. Dazu wurden sie in Gruppen mehreren virtuellen Räumen zugeteilt, wo sie für 20 Minuten ihr jeweiliges Thema besprechen konnten. Die dabei verwendeten Arbeitsblätter der Gedenkstätte stellten immer ein zentrales Bild in den Mittelpunkt der Gruppenarbeit. Es handelte sich um Zeichnungen von Häftlingen, die typische Situationen aus dem KZ-Alltag zeigen: die Misshandlungen nach der Ankunft im Lager, die Enge in der Häftlingsbaracke, die verzweifelte Suche nach Essbarem, die zerstörerische Wirkung der Zwangsarbeit sowie die Hinrichtungen beim täglichen Appell.

Zeitzeugenbericht

Am Ende jedes Webinars stand die Frage: Wie konnte man als Gefangener die KZ-Haft psychisch überstehen? Zur Veranschaulichung diente eine Szene in einer Häftlingsbaracke zum Thema „Hygiene“. Ein Zeitzeugenbericht von Marie-Thérèse Fainstein verdeutlichte, wie wichtig das regelmäßige Waschen des Körpers und der Kleidung war, um etwas Selbstwertgefühl zu bewahren.

Die Resonanz der Jugendlichen spricht für sich: „Erschreckend, dass mit Menschen so etwas Schlimmes gemacht wurde“, meinte eine Schülerin zum Schicksal der KZ-Häftlinge. Was das Webinar selbst angeht, sind sich die meisten Neuntklässler einig: „Gut, dass es trotz Corona stattgefunden hat.“ Sie betonten aber, dass die Webinare einen Besuch der KZ-Gedenkstätte nicht ersetzen. Mehrmals äußerten sie deshalb den Wunsch, die Exkursion nach Flossenbürg irgendwann nachzuholen, damit sie sich die Überreste des Konzentrationslagers und die Ausstellungen vor Ort direkt ansehen können.

Hier ein weiterer Bericht zum Otto-Hahn-Gymnasium

Marktredwitz

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