10.07.2019 - 15:56 Uhr
MarktredwitzOberpfalz

Patientendaten immer parat

Patienten und Angehörige äußern die Sorge, dass das Pflegepersonal am Klinikum Fichtelgebirge neuerdings auf Tablets "spielt". Eingeführt wird eine digitale Patientenakte, die viele Vorteile mit sich bringt.

Pflegekraft Simone Markus und Stationsleitung Ramona Pietsch (von links) geben Patientendaten in eines der neuen Tablets ein.
von Externer BeitragProfil

Bis Mitte 2019 sollen an beiden Klinikum-Standorten in Marktredwitz und Selb digitale Visitenwagen und Tablets zum Einsatz kommen, wie aus einer Pressemitteilung hervorgeht. Ziel der Digitalisierungsstrategie ist die mobile Patientenakte. Papier wird dann ausgedient haben.

Wenn Schwester Ramona Pietsch auf der Station S-03 am Standort Selb morgens bei den Patienten Puls, Blutdruck und Temperatur misst, vermerkt sie die Ergebnisse nun in ihrem handlichen Tablet-Rechner. "Unsere Patienten müssen sich noch an den neuen Anblick des tippenden Personals gewöhnen", sagt Manuel Schaumberger. Der gelernte Krankenpfleger und studierte Pflegemanager ist Projektleiter für die Einführung der digitalen Akte. Die aufgenommenen Werte fließen ein in die mobile elektronische Patientenakte. "Alle Patientendaten sind sofort und überall verfügbar - das ist unser Ziel", erklärt Schaumberger.

Pflicht bis 2021

Das Projektteam hat sich im Vorfeld der Entscheidung für einen Anbieter verschiedene Systeme angeschaut und für den Anbieter Advanova entschieden. "Bisher setzen weniger als 20 Prozent der deutschen Kliniken eine elektronische Kurve ein", beschreibt Thomas Schels, Projektmanager bei Advanova aus Erlangen die derzeitige Situation in den deutschen Krankenhäusern. Die Bundesregierung plane, dass die elektronische Akte bis März 2021 Pflicht für alle Krankenhäuser wird.

Für die komplette Umstellung auf die "digitale Akte" waren im Klinikum Fichtelgebirge gut zwei Jahre angesetzt. In das Projekt investiert das Klinikum allein 280 000 Euro für die benötigte Software. Hinzu kommen die Kosten für die Hardware wie Tablets, Visitenwagen und zukünftig auch die Kosten für neue Akkus und Ersatzbeschaffungen. Ein Tablet im täglichen Einsatz hat eine Lebenszeit von lediglich drei bis vier Jahren. Dies alles finanziert das Klinikum bisher aus eigenen Mitteln und den pauschalen Fördermitteln, die jedes Krankenhaus im Freistaat für Investitionen in die gesamte Krankenhaus-Infrastruktur erhält.

Kein eigener Fördertopf

Der von der Bundesregierung geforderten Digitalisierungsoffensive der Krankenhäuser steht bisher kein eigener Fördertopf gegenüber. Geschäftsführer Martin Schmid, gleichzeitig Vorsitzender des Arbeitskreises Oberfränkischer Krankenhausdirektoren, hat deshalb im Frühjahr einen Brief an die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml geschrieben. Der Inhalt wird auch vom bayerischen Städtetag, dem Landkreistag, der Klinik-Kompetenz-Bayern (Genossenschaft kommunaler und freigemeinnütziger Kliniken) und der BKG (Bayerische Krankenhausgesellschaft) mitgetragen.

Er weist daraufhin, dass neben der digitalen Patientenakte weitere Projekte wie die mobile Visite, digitale Archivierung und die digitale Rechnungsbearbeitung von den Krankenhäusern in den nächsten Monaten umgesetzt werden sollen. Er fordert angesichts von Zuschüssen für Digitalisierungsvorhaben in anderen Bereichen auch einen eigenen Fördertopf für die Digitalisierung der Krankenhäuser und warnt vor möglichen Benachteiligungen. "Die jährliche pauschale Förderung beträgt 1,6 Million für unser Klinikum. Davon ist für die IT in diesem Jahr eine Million geblockt." In der Antwort des Ministeriums heißt es, dass die Pauschalfördermittel bereits im letzten Jahr angehoben worden seien. Allen über 400 bayerischen Kliniken stünden derzeit 270 Millionen Euro Pauschalförderung zur Verfügung. Das Ministerium verspricht, dass der Krankenhausfinanzierungsetat über die gesamte Legislaturperiode auf hohem Niveau fortgeführt werden solle.

Neben den Tablets sind die digitalen Visitenwagen auf den Stationen des Klinikum Fichtelgebirge augenfällige Zeichen der Veränderung. Sie sind im Prinzip Rechner und Bildschirm auf Rollen. Die Stromversorgung läuft über Akkus. Ob es sich um die Krankengeschichte, dringend benötigte Laborwerte oder angeforderte Röntgenbilder handelt - die neuen Visitenwagen sind in der Lage, Ärzten und Pflegpersonal die für die Behandlung des Patienten notwendigen Informationen umgehend zur Verfügung zu stellen. Auch externe Partner werden angebunden, etwa das Klinikum Bayreuth mit dem Herzkatheterlabor, die Dialysepraxis im benachbarten Ärztehaus oder Kooperationsärzte wie Orthopäden.

Einfache Erfassung

Wenn sich Chefarzt, Ober- und Assistenzärzte zur täglichen Visite aufmachen, dann können auch dabei Patientendaten schnell und einfach erfasst werden, und zwar direkt am Bett des Patienten. Ein nachträgliches Umtragen medizinischer Daten ist nicht mehr erforderlich, wodurch auch das Risiko von Übertragungsfehlern ausgeschlossen sei. Über das hausinterne Datennetz sind die eingetragenen Daten sofort jeder Pflegefachkraft und jedem Arzt zugänglich.

Bevor die neue Technik zum Einsatz kommt, werden alle Mitarbeiter geschult. Die Verantwortlichen berichten, dass auf mancher Station, auf der die mobile Patientenakte eingeführt werden soll, zunächst auch Vorbehalte gegenüber der neuen Technik hätten abgebaut werden müssen. "Doch nach gewisser Zeit erkennen die Nutzer die Vorteile", sagt Manuel Schaumberger.

Einer dieser Vorteile sei ein komplettes "Patienten-Tagebuch". Alle Daten seien zentral an einer Stelle zusammengefasst, alles sei dokumentiert - von der Dosierung der verabreichten Medikamente über die Pflegedokumentation bis hin zu durchgeführten und anstehenden Untersuchungen. Und muss der Patient nach einer Weile doch wieder ins Krankenhaus zurückkehren, dann helfe die digitale Akte ein weiteres Mal: schnell kann eingesehen werden, welche Diagnosen, Allergien, Medikamente oder Therapien vorausgegangen waren.

Besteht nicht die Gefahr eines allzu gläsernen Patienten? "Für den Umgang mit den erfassten Daten gibt es strenge Auflagen", betont Datenschützerin Jessica Zeidler. Eines taugt nun nicht mehr als Ausrede, wenn etwas nicht geklappt hat: die unleserliche Handschrift, "Markenzeichen" vieler Ärzte.

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