17.09.2020 - 14:51 Uhr
MarktredwitzOberpfalz

Schleichwege statt Umleitung

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Die Sperrung der Bundesstraße 303 macht "kreativ": Zwischen Wunsiedel und Marktredwitz entdecken findige Fahrer derzeit viele Schleichwege – legal sind allerdings die wenigsten.

"Hier bitte nicht entlang", machen Markus Hanold (links) und Horst Küspert deutlich. Nicht selten landen Autofahrer, die seit der Sperrung der B 303 über Flurbereinigungswege abkürzen wollen, in den Höfen der beiden Tiefenbacher Familien.
von Autor FPHProfil

„Hier landen dauernd Deppen, die es einfach nicht glauben.“ So beschreibt Heinz Wunderlich, was sich gerade vor seiner Haustür in Kleinwendern abspielt. Immer wieder quälten sich Fahrzeuge, teilweise sogar Sattelschlepper, von Leutendorf aus über Forstwege bis ins Archedorf, um dort letztendlich im engen Rund der Dorfmitte steckenzubleiben.

Wie Kleinwendern haben sich auch die beschaulichen Örtchen Thölau und Tiefenbach in Verkehrsknotenpunkte verwandelt. Denn die Bundesstraße 303 ist von Furthammer bis zur Anschlussstelle Marktredwitz-West auf einer Länge von rund neun Kilometern gesperrt.

Zwar sei die Umleitung über die A 93 gut ausgeschildert – doch die Bereitschaft, diese Schilder zu ignorieren, sei groß, berichten Anwohner aller betroffenen Orte. Teilweise tragen die Navis der Verkehrsteilnehmer zusätzlich zum Chaos bei. Manche Navis leiten sogar Lastwagen durch den Wald von Leutendorf nach Kleinwendern. Dennoch riskiert derjenige, der da langfährt, eine Strafe: Denn die Verbotsschilder in Leutendorf sind eindeutig: Fahrzeuge, die über 2,5 Tonnen wiegen, haben auf den Forstwegen nichts verloren.

Vielen sei das völlig egal, sie bretterten trotzdem durch den Wald, berichtet Förster Roland Blumenthaler. Der Wegepflegeverband habe die Strecke inzwischen „toll hergerichtet“. Früher traute sich hier kaum einer entlangzufahren, erinnert sich Blumenthaler. „Nicht nur die Besitzer tiefergelegter Autos mussten fürchten, unten aufzuschleifen.“ Der Weg sei total ausgespült gewesen. Inzwischen sei alles in einem Top-Zustand, fast alle Schlaglöcher seien beseitigt – genau das werde jetzt bedauerlicherweise ausgenutzt.

Die Leute brettern mit zu viel Tempo über den Weg.

Horst Küspert

Dennoch brauche keiner gleich „Schaum vor den Mund zu kriegen“, sagt Blumenthaler. In ein paar Wochen sei die Baustelle auf der Bundesstraße aufgehoben, dann herrsche wieder Ruhe im Wald. „Irgendwann muss die B 303 ja mal gemacht werden. Es geht vorbei“, sagt der Förster. Auch Heinz Wunderlich will keinen Katastrophen-Alarm ausrufen. „Ehrlich gesagt, habe ich mir den Verkehr bei uns in Kleinwendern noch schlimmer vorgestellt.“ Derzeit seien hier rund fünfmal so viele Autos unterwegs wie normalerweise.

Angst um den Hund

Richtig sauer ist hingegen Horst Küspert, Landwirt in Tiefenbach. Denn etliche Autofahrer landen nicht nur auf seinen „rein landwirtschaftlich zu nutzenden Flurbereinigungswegen“, sondern sie düsen sogar direkt durch sein Anwesen. „Die Leute brettern mit zu viel Tempo über den Weg. Dann schaffen sie die 90-Grad-Kurve nicht und schießen mit 70, 80 Stundenkilometern gerade durch bis in unseren und den Hofraum unserer Nachbarn, der Hanolds.“ Seitdem so viel los sei, traue er sich nicht mehr, seinen jungen Hund frei laufen zu lassen, sagt Küspert: „Ich habe Angst um ihn.“

Wenn der Landwirt die Fahrer anhält und darauf hinweist, dass sie illegal auf seinem Privatgrund unterwegs sind, müsse er sich oft noch dumm anreden lassen, ärgert sich der Tiefenbacher. Deshalb blockieren die Familien Küspert und Hanold nun ihre Grundstücks-Durchfahrten mit Hilfe ihrer Traktoren und Mähdrescher.

„Mit aller Gewalt“

Um zusätzlich die Fahrt auf den Flurbereinigungswegen zu erschweren, haben sie hier Fräsgut aufgebracht. Doch noch während ein Lkw die ganze Ladung abkippte, gaben Autofahrer „mit aller Gewalt und allem Unverstand“ Gas, um über die Haufen drüberzukommen. „Die machen sich tatsächlich den Unterboden ihrer nagelneuen Pkws kaputt, nur um sich ein paar Kilometer Umweg zu ersparen“, berichtet Küspert. Schlecht zu sprechen ist der Landwirt auf die Verantwortlichen des Staatlichen Bauamts. Denn bei der Vorbesprechung zur B-303-Baustelle hatte Küspert darum gebeten, den maroden Wirtschaftsweg von Tiefenbach zum Wacker-Stadion vor der Sperrung instand zu setzen, damit die Anwohner diese Verbindung für Fahrten nach Marktredwitz nutzen könnten. Doch der Landwirt bekam zur Antwort, er solle über Wunsiedel und die Autobahn fahren. „Was soll das?“, ärgert sich Küspert. „Wir können hinspucken, müssen aber zehn Kilometer außen rumfahren!“

Viele Klagen über das vermehrte Verkehrsaufkommen hört auch die Bad Alexandersbader Bürgermeisterin Anita Berek. „Mein Handy klingelt ununterbrochen“, erzählt sie. Besonders belastet fühlten sich die Anwohner der Gemeinde-Durchfahrt, also der Markgrafenstraße. Obwohl Schilder an allen Ortseingängen eindeutig den Weg wiesen, würden diese oft ignoriert: Tempo 30 ebenso wie Sackgassen-Hinweise.

Einen weiteren Bericht zur Sperrung der B 303 und zu den Bauarbeiten lesen Sie hier

Marktredwitz

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