29.06.2020 - 14:07 Uhr
MarktredwitzOberpfalz

„Vüarstäiha“ vertraut auf die Jugend

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Die Vertreibung aus dem Egerland jährt sich zum 75. Mal. Günther Wohlrab ist in der Egerländer Gmoi aktiv. Die Geschichte seiner Familie gleicht der Millionen anderer.

Günther Wohlrab vor dem Egerland-Brunnen, der für die Egerländer eine wertvolle Erinnerung an die Kultur ihrer Heimat ist.
von Autor FPHProfil

7. Juni 1946: Die deutschstämmigen Franz Wohlrab, 45 Jahre alt, und seine Ehefrau Katharina werden aus Falkenau (Sokolov) vertrieben. In zwei Koffer haben sie in aller Eile das eingepackt, was ihnen am wichtigsten erscheint: Dokumente, etwas zum Anziehen und persönliche Erinnerungsstücke. Es ist ihnen gestattet, 15 Kilogramm Gepäck mitzunehmen, mehr nicht. Alles andere, auch das Geld, die Sparbücher und ihren Schmuck müssen sie zurücklassen. Sie wissen: Das ist für immer verloren.

Über eine Zwischenstation in Eger (Cheb) geht es in die Lager Wiesau und Dachau. Die vorläufige Endstation ist Schongau im Allgäu. Von dort werden die Familien im ganzen Landkreis verteilt. Franz und Katharina Wohlrab kommen in die Gemeinde Reichling. Dort stirbt er am 10. Januar 1955.

So wie Franz und Katharina Wohlrab erging es am Ende des Zweiten Weltkrieges und in den Jahren danach Hunderttausenden Familien im Sudetenland. Insgesamt wurden bis 1947 etwa 2,9 Millionen Personen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur deutschen Bevölkerung pauschal zu Staatsfeinden erklärt und ausgebürgert. Insgesamt mussten zwölf bis 14 Millionen Deutsche aus den deutschen Ostgebieten und aus Ostmittel-, Ost- und Südosteuropa während und nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges von 1945 bis 1950 fliehen oder sind vertrieben worden. Das war eine Folge der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und der Kriegsverbrechen in diesen Gebieten. Verschiedenen Schätzungen zufolge lag die Zahl der Toten durch Flucht und Vertreibung bei 500 000 bis zwei Millionen.

Zunächst war die Vertreibung aus dem Sudetenland wenig organisiert. Ab Anfang 1946 führten die Potsdamer Konferenz und die internationale Kontrolle dazu, dass die von tschechoslowakischer Seite auch Umsiedlung oder Zwangsaussiedlung genannte Vertreibung in wesentlich geordneterer Form vor sich ging. Dennoch kam es auch danach zu zahlreichen Verbrechen an der deutschen Zivilbevölkerung und sehr vielen Todesfällen in den Internierungslagern und Gefängnissen.

Aufgrund eines Dekretes des Exil-Präsidenten Beneš wurde ein großer Teil des gesamten beweglichen und unbeweglichen Vermögens der deutschen Einwohner entschädigungslos konfisziert und unter staatliche Verwaltung gestellt. Auch das öffentliche und kirchliche deutsche Eigentum in diesen Gebieten wurde enteignet.

Um die Täter nicht vor Gericht stellen zu müssen, wurde in der Provisorischen Nationalversammlung am 8. Mai 1946 ein Straffreiheitsgesetz für im „Freiheitskampf“ zwischen September 1938 und Oktober 1945 begangene Straftaten beschlossen. Das Beneš-Dekret 115/46 erklärte Handlungen „im Kampfe zur Wiedergewinnung der Freiheit“ oder jene, „die eine gerechte Vergeltung für Taten der Okkupanten oder ihrer Helfershelfer zum Ziel hatte“, für nicht widerrechtlich.

Und wie ging es mit der Familie Wohlrab weiter? Der Sohn, ebenfalls namens Franz Wohlrab, war zum Zeitpunkt der Vertreibung seiner Eltern in russischer, später in amerikanischer Gefangenschaft. Nach seiner Entlassung fand er seine Eltern wieder. In Dillingen lernte er seine spätere Frau Frieda kennen, sie heirateten 1951 in Augsburg. Im Jahr 1954 kam Sohn Günther zur Welt als eines von insgesamt fünf Kindern. In der Familie wurde wenig über die Vertreibung gesprochen. Aber für Günther war das schon bald sehr interessant; bereits mit 16 Jahren befasste er sich mit der Geschichte seiner Familie und mit der Kultur des Egerlands. Mit 25 Jahren war er in der Sudetendeutschen Landsmannschaft und in der Egerländer Gmoi Augsburg aktiv.

Beruflich kam Günther Wohlrab viel in Deutschland herum. Seit 1995 lebt er in Marktredwitz. Seine Egerländer Heimat hat ihn zeitlebens nicht wieder losgelassen, im Gegenteil: Er ist Vüarstäiha der Egerländer Gmoi in Marktredwitz, Bundesschreiwa und stellvertretender Bundesvüarstäiha des Bundes der Eghalanda Gmoin, er führt im „Bund der Deutschen – Landschaft Egerland“ die Ortsgruppe Falkenau an, ist Kreisvorsitzender des Bundes der Vertriebenen sowie Vorsitzender der Kreisgruppe Wunsiedel der Sudetendeutschen Landsmannschaft.

Viel Verantwortung in verschiedenen Vereinen und Organisationen bedeutet auch viel Arbeit. „Ich möchte nicht nur die Erinnerung an die Egerländer Heimat bewahren. Ich möchte auch Verbindungen über die Grenze hinweg wiederherstellen. Dabei geht es mir um die vielen Heimatvertriebenen, aber auch um die Heimatverbliebenen. Denn sie haben alte Lieder, Geschichten und unsere Mundart noch viel stärker bewahrt, als wir das konnten“, sagt er.

Günther Wohlrab kommen weitere Vertreibungen und Fluchtbewegungen in den Sinn. Im und nach dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien suchten von 1991 bis 1995 über vier Millionen Einwohner in anderen Teilen des Landes oder im Ausland Zuflucht. „Das war die erste große Vertreibung in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg.“ Die vielen Menschen aus Afrika und dem Nahen Osten, die in der Mehrheit ihr Heil in Europa suchen. „Deren Schicksale sind mit denen von damals sowohl verwandt als auch unterschiedlich“, sagt Wohlrab. „Wir Egerländer bedauern deren Situation.“ Nicht vergessen ist für Günther Wohlrab auch die Situation der Bevölkerung damals in den Besatzungszonen. Sie musste die Vertriebenen in ihre Wohnungen aufnehmen, obwohl ihre eigene Situation oft sehr schlecht war.

Die Anfangsworte des Egerländer-Marsches „Eghalanda halts enk zamm“, also „Egerländer, haltet zusammen“, zitiert Wohlrab auf die Frage nach der Zukunft der Egerländer. Großes Vertrauen hat er dabei in die Egerländer Jugend, die im süddeutschen Raum stark organisiert ist.

Seit 2005 ist in Marktredwitz ein Egerland-Brunnen installiert:

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Bei der Bundeskulturtagung in Marktredwitz treffen sich regelmäßig Heimatvertriebene aus vielen Orten:

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