Das Zwitschern des Münchner "Vogeljakobs" ist in die Oberpfalz gezogen

Seit 1928 ist der "Vogel-Jakob" eine Attraktion auf dem Münchner Oktoberfest. Mithilfe des kleinsten Instruments der Welt lässt er Amseln, Drosseln, Finke und Stare singen. Wer heute seinen Klängen nachgeht, landet in Meerbodenreuth.

von Uwe Ibl Kontakt Profil

Vogelgezwitscher inmitten der Menschenmassen sorgte auf der Wiesen in München lange Jahre für Verwunderung bei den Besuchern. Wer den Tönen nachging, landete irgendwann am Stand des legendären "Vogel-Jakobs" Lorenz Tresenreiter. Dessen Tochter Inge und ihr Mann Rudolf Hermann führten das Geschäft mit den kleinen Pfeiferln für den Gaumen weiter. Von klein auf verbrachte Elisabeth Glass viel Zeit bei ihrem Onkel Rudi, war für ihn und seine Frau eine Art Kinderersatz. Schon seit den 80er Jahren half die Tirolerin, die aus einem Wirtshaus in Steinberg bei Achenkirch stammt, den beiden bei der Produktion der von Tresenreiter patentierten Ederna-Pfeifen. Ederna steht für Echo der Natur.

Die Bewahrerin des Vogelgezwitschers im Video

Elisabeth heiratete den Altenstädter Grenzpolizisten Valentin Glass, der am Achenpass Dienst tat und den sie 1986 in der Disco kennengelernt hatte. 1992 zogen die beiden nach Meerbodenreuth. Hier produziert und vertreibt sie weiterhin das auch bei Musikern immer noch beliebte Instrument. 2007, dem ersten Jahr nach dem Tod der Tante, verkaufte sie 460 000 Stück. Kunden hat sie auch heute noch in Frankreich, Italien und weltweit. Auf dem Hamburger Fischmarkt ist Jürgen Gessel unter dem Spitznamen „Vogeljackl“ bekannt. Er tritt mit den Meerbodenreuther Vogelflöten auf und vertreibt sie.

Als Membran verwendet sie Haut aus Ochsendarm. Goldschläger legen die beim Ausschlagen zwischen ihre Goldblätter und veredeln sie so, dass sie die richtige Konsistenz für die Pfeiferln hat. Eigentlich ist es ein natürliches Abfallprodukt, dessen Wert die Schwabacher und andere Goldschläger erkannt haben und es teuer verkaufen oder vielmehr verkauften. Problem: Blattgold wird mittlerweile meist zwischen Kunststoffmaterialien ausgeschlagen. Das taugt nicht zur Herstellung des Vogelstimmen-Imitations-Gerätes. "Bis zum 100-jährigen 2028 wird es noch reichen", hofft Elisabeth, genügend der etwa 15 Zentimeter großen Ochsendarmquadrate aus aller Welt zusammengekauft zu haben.

Ein gezackter und vorgebogener Aluring klemmt den Ochsendarmstreifen auf einem halbrunde Stück lebensmittelechter Pappe fest. Um die Lage des Instruments zu beschreiben und die Echtheit des in den 50er Jahren patentierten Ederna-Instruments zu bestätigen trägt jede Flöte eine Prägung mit dem Firmennamen und dem Schriftzug Vogeljakob. Zum Zusammenbau der beiden vorgefertigten Teile mit der Membran brauchen Glass und ihre Helfer in Heimarbeit lediglich eine Schere und eine Zange.

Besonders den Münchnern ist der „Vogeljakob“ Rudolf Hermann auch heute noch ein Begriff, obwohl er bereits 2003 starb. Immer wieder trifft Glass an seinem Grab am Waldfriedhof Leute, die sich an den Sprücheklopfer und seinen Oktoberfeststand vor der Bavaria erinnern. „Für einen Fan habe ich ein Marmeladenglas mit ein paar Pfeiferln am Grab deponiert.“ Die früheren Konkurrenten auf der Wiesn stehen weiterhin als „Münchner Vogelpfeifer“ auf dem Oktoberfest. Auf der Alten Wiesen verkauft Rudi Balloni die Flöten von Glass.

Um Antworten ist Elisabeth Glass nicht verlegen. Doch so schlagfertig wie der Onkel, die Tante und deren Vater auf der Münchner Wiesn, der Auer Dult, dem Cannstatter Wasen, der Michaelis-Kirchweih in Fürth oder anderen großen Volksfesten die Besucher zum Lachen und Kaufen brachten, ist sie nicht. "Auf der Bühne wäre ich schon gerne mal gestanden, aber die Zeit war vorbei", bekennt die Nichte in Erinnerung an die Verwandschaft, die als "Spatz und Spätzin" in den 50er Jahren Erfolge auf den Varietébühnen in München, Düsseldorf, Hamburg, Dänemark, Schweden und Holland feierten.

Die Texte für das Duo stammten zu Beginn noch von Tresenreiter, später von seiner Tochter Inge, die ihre Kostüme alle selbst entwarf und nähte sowie ihrem Mann Rudi. "Die beiden waren Nachtmenschen, haben bis Mittag geschlafen", erinnert sich Glass. "Da geht gar nichts. Es regnet. Wie soll ich die Raten fürs Haus zahlen", erinnert sich Glass an einen Brief des Onkels von einer Dult, bei der das Wetter dem "Vogeljakob" und den anderen Schaustellern gar nicht gewogen war.

Ganz hart sei es für Rudi Hermann gewesen, als er neue Zähne bekam und deswegen nicht mehr gut genug für den Verkauf auf den Volksfesten pfeifen konnte. Das war die Zeit, als er den Stand auf dem Oktoberfest aufgab. Statt auf die Wiesen fuhren Inge und Rudi zur Festzeit nach Italien. Auch in Meerbodenreuth waren sie immer wieder mit dem Wohnmobil zu Besuch. Originalnoten ebenso wie handgeschriebene Witze und Texte hat Glass von den beiden ebenso aufgehoben wie zahlreiche Bilder. Den original Wiesenstand des "Vogeljakobs" übergab sie 2006 dem Münchner Stadtmuseum.

Alkoholverbot auf der Theresienwiese - Countdown zum Anstich der "WirtshausWiesn"

München
Spielanleitung:

Zunge raus, anfeuchten und tirillieren wie ein Zeiserl

Woher der Ton kommt, ist bei den kleine Pfeiferln nicht zu sehen. Deshalb bestellen auch Musiker und Schauspieler die Flöten, die zwischen Gaumen und Zunge kleben. Der Wechsel zwischen Zwitschern und Sprechen ist problemlos möglich.

  • Die Flöte so auf die Zunge legen, dass der Stempel oben und die Rundung hinten ist.
  • Das Vogelpfeiferl muss vor dem Spielen gut durchgefeuchtet sein. Deshalb drei bis fünf Minuten auf der Zunge aufweichen.
  • Dann das Blättchen dicht hinter den Zähnen am Gaumen festkleben.
  • "Scheiße" meint Elisabeth Glass, sei das Wort, mit dem man am einfachsten dem Pfeiferl den ersten Ton entlocken kann.
  • Nach Gebrauch, die Flöte trocknen. So bleibt sie langlebig und immer wieder verwendbar.

Nachahmerprodukte aus China hätten bei weitem nicht die Qualität des Originals, sagt Glass. Sie schwört auf die drei Materialien Pappe, Alu und Ochsendarmhaut. (ui)

Für Sie empfohlen

 

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.