30.11.2018 - 11:13 Uhr
MehlmeiselOberpfalz

Außen klein, innen fein

Sie heißen Nordic Fjöll, Lill Stuga oder Mint Drøm, sind nur 10 bis 30 Quadratmeter groß - und dennoch können teilweise bis zu vier Personen in ihnen wohnen: In Mehlmeisel ist eines der ersten Tiny-House-Villages entstanden. Ein Rundgang durch das Dorf im Dorf.

von Elisabeth Schätzler Kontakt Profil

Hier scheint die Welt noch in Ordnung: Ziemlich abgeschieden, mitten im Wald unterhalb des Klausenlifts stehen in einem Kreis angeordnet kleine Häuser, in der Mitte befindet sich ein Grillplatz, das Gemeinschaftshaus dient als wetterfester Treffpunkt für die Bewohner. Am Parkplatz weist ein nicht ganz der Norm entsprechendes Ortsschild auf das kleine Dorf hin, das sich nur wenige Meter dahinter in einer kleinen Senke versteckt. An einer holzvertäfelten Wand hängen die Briefkästen der Bewohner: ganz klassisch in Edelstahl oder auch außergewöhnlich dem Aussehen einer alten Lederschultasche nachempfunden. Jeder individuell - wie eben die kleinen Häuser und deren Bewohner.Jung und alt aus allen Schichten haben sich hier zu einer "Community" - einer Gemeinschaft - zusammengeschlossen. "Es wohnen hier ganz unterschiedliche Leute", erklärt Philipp. Er und seine Freundin Steffi haben vor gut einem Jahr das Tiny-House-Village in Mehlmeisel gegründet. "Raus aus dem Hamsterrad" lautet das Motto des Dorfes. "Alles wird immer schnelllebiger, die Arbeit bestimmt das Leben - da wollen wir dagegen wirken", erklärt Philipp die Idee hinter der Wohngemeinschaft.

Erstes Eigenheim

Philipp und Steffi - in der "Community" wird sich geduzt. Gäste, die das Tiny-House-Village für ein paar Nächte besuchen, gehören genauso zur Gemeinschaft wie die dauerhaften Bewohner. Ein junges Pärchen aus Bonn will einmal in einem der Mikro-Häuser probewohnen. Es überlegt, sich selbst ein solches anzuschaffen. "Wir wollten es uns einmal anschauen und waren für zwei Nächte hier", erzählt sie. Wie es ihnen gefallen hat, will Philipp von den beiden wissen. "Super", lautet die einstimmige Antwort der Bonner. Sie dürfen auch das Haus inspizieren, das Steffi und Philipp gerade bauen.

Für die beiden 24-Jährigen ist es ihr Eigenheim: Noch ist das Bad nicht fertig, das Dach muss noch gedeckt werden. Bis zum Winter wollen es die beiden geschafft haben. Seit einigen Wochen wohnen die zwei gebürtigen Münchener in ihrem eigenen Tiny-House. Es ist ökologisch und nachhaltig gebaut - auch einer der Grundsätze des Tiny-House-Villages: Einen möglichst kleinen Fußabdruck auf der Welt hinterlassen, die von den Menschen mehr und mehr ausgebeutet wird.

Umzug alle zwei Jahre

An den Tiny-Häusern ist eine Anhängerkupplung angebracht. Rein theoretisch könnten die Bewohner ihr Häuschen an einen Pkw-Anhänger kuppeln und damit von Ort zu Ort ziehen. Aber das sei nicht Sinn der Sache, meint Philipp. "Dafür gibt es Wohnwagen." Die Bau- beziehungsweise Zirkuswagen sind ausgelegt für Anhänger mit maximal 25 Kilometern pro Stunde. Andere Mikrohäuser wiederum sind ohne Räder ausgestattet und stehen auf Punktfundamenten, zum "Verladen" sind dafür Kran und Tieflader notwendig. Aber: "Mit einem Tiny-House zieht man höchstens alle zwei Jahre mal um", weiß Philipp.

"Auf die rechte Seite kommen nächstes Jahr Tiny-Häuser", erklärt er beim Rundgang über das knapp 1700 Quadratmeter große Areal. Derzeit stehen dort noch einige alte Wohnwagen. Auf der linken Hälfte haben sich kreisförmig schon 13 Häuser gruppiert, darunter ein alter Zirkuswagen, ein Bauwagen und sogar ein Haus, das vor Ort aus zwei Teilen zusammengebaut wurde. Etwas Skandinavisches mutet den Mikro-Häusern an - Holzvertäfelung trifft kleine Veranda. Drei Familien haben sich für das kommende Jahr angekündigt: Sie wollen künftig in dem Tiny-House-Village in einem eigenen Mikro-Haus wohnen.

Viel Stauraum

"Wir wollen auch die junge Generation ansprechen", erklären Steffi und Philipp. Soll heißen: Alt und Jung sollen neben- und vor allem miteinander leben und wohnen. Es habe schon Dörfer gegeben, in denen nur Gleichaltrige wohnen, die zusammen alt wurden und starben - und somit auch das Dorf und die "Community".

Auf der Terrasse des Minihauses Nordic Fjöll stehen zwei Stühle und ein kleiner Tisch, bei schönem Wetter hat man von dort aus einen weiten Blick in das Tal und auf Mehlmeisel. Von der Haustüre aus gelangt der Besucher gleich ins Wohnzimmer, dort heißt es erstmal Schuhe ausziehen. Rechts steht eine blaue Couch, auf der sich die Gäste ausruhen können. Ans Wohnzimmer schließt sich eine kleine Küchenzeile an, die beiden "Zimmer" sind durch einen treppenförmigen Raumteiler getrennt, der zugleich auch als Stauraum dient.

Gegenüber der weißen Küche ist das "Esszimmer": Unter dem Fenster ist eine grobe Holzplatte angebracht, an der Übernachtungsgäste auf zwei Stühlen Platz nehmen können. Der Boden ist in Holzoptik gehalten - "weil das schön zur Küchenarbeitsplatte passt", erklärt Philipp und streicht über dieselbe. In den Schüben finden sich noch ein paar Kochzutaten. "Manche Gäste kommen spät an und sind froh, wenn sie dann noch ein paar Nudeln und Tomatensoße machen können", weiß der 24-Jährige. Rechts an die Küche schließt sich das Bad mit Waschbecken, Toilette und Dusche an. Über eine Ecktreppe geht es hinauf in das Loft mit Schlafbereich und "Chill-out-Area".

Die Tiny-House-Szene hat ihren Anfang in Amerika, dort sind auch Steffi und Philipp damit in Kontakt gekommen und waren begeistert - wobei Philipp seiner Freundin schon während seines Auslandsaufenthalts in Neuseeland von den kleinen Häusern erzählt hat. Die hat damals aber nicht angebissen. Erst als sie einen Bericht über das etwas andere Wohnen gesehen hat, war auch sie vom Tiny-House-Virus infiziert.

Noch viel geplant

Seither hat sich viel getan: Innerhalb eines Jahres haben sich die 13 Häuser angesiedelt, die drei Tiny-House-Hotels sind schon auf Monate ausgebucht und weitere potenzielle Dauerbewohner haben sich angemeldet. Ein Hühnerstall und ein Permakultur-Garten sind in Planung, das Gemeinschaftshaus soll ausgebaut werden, damit auch im Winter die "Community" einen wetterfesten Treffpunkt hat.

Weil sich sehr viele Leute für das Dorf interessieren und einfach so trotz Absperrungen zwischen den kleinen Häusern durchschlendern und teilweise sogar durch die Fenster blicken, betont Philipp: "Wir sind hier kein Museum." Doch auch dafür hat das Paar eine Lösung: Beim Tag der offenen Tür und beim Sommerfest haben Interessierte die Möglichkeit, sich im Dorf umzusehen. Weiter wollen sie Führungen anbieten: Bewohner Rolf und sein Hund Elli lotsen nach vorheriger Anmeldung durch das kleine Dorf mit den kleinen Häusern, die zwischen 10 und 30 Quadratmeter groß sind. www.tinyhousevillage.de

Info:

Wer sich einmal im Tiny-House-Village in Mehlmeisel umschauen möchte, sollte sich unbedingt vorher anmelden. Betreiber Philipp betont: „Wir sind kein Museum.“ Bewohner Rolf führt nach Terminvereinbarung durch das Dorf. Anmeldungen unter thvbesichtigung[at]gmail[dot]com

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