17.02.2021 - 11:15 Uhr
MehlmeiselOberpfalz

Klassik für den Luchs und Hardrock für die Wildschweine

Musik im Wildpark Mehlmeisel: Damit sich die Tiere nicht an die derzeitige Ruhe gewöhnen, die wegen Corona auch bei ihnen herrscht, bekommen sie eine für sie außergewöhnliche Art der Unterhaltung.

Musik im Wildpark: Die Wildschweine lieben Hardrock.
von Gisela KuhbandnerProfil

Winterwunderland Wildpark: Der Schnee glitzert. Die Sonne spitzt durch die Bäume. Ein Kaninchen knabbert an den wenigen herausschauenden Grashalmen. Der Schneehase döst vor sich hin. Unempfindlich und unbeeindruckt zeigt sich das Rotwild mit Platzhirsch Hubertus, der sich von niemandem den Rang ablaufen lässt. Dachs und Waschbär halten Winterruhe. Noch bleiben Wildkatzen und Luchse versteckt, während es am Vogelfutterhaus zugeht wie in einem Bienenstock.

Hinten im Gehege bellt Hirtenhündin Aischa, die rund um die Uhr aufpasst, dass nichts reinkommt, was nicht reingehört. Und dazu zählen jetzt leider auch die sonst immer zahlreichen Besucher. „Schade“, bedauert nicht nur Betreiber Eckhard Mickisch, der regelmäßig in Begleitung seines Dackels Hannes im Wildpark vorbeischaut.

Ruhig ist es im Gehege dennoch nicht: Denn die Stille im Lockdown tut den Tieren gar nicht gut. „Deshalb beschallen wir unsere Wildparkbewohner von früh 9 Uhr bis zum späten Nachmittag mit Schlagern, Klassik, Rock und Pop - und das in ziemlicher Lautstärke, um dem Geräuschpegel bei den Führungen ziemlich nahe zu kommen, wie bereits während der Schließungen im vergangenen Jahr", sagt Mickisch, der auch selbst die Idee zu dieser „musikalischen Aktion“ hatte.

Nachwuchs bei den Luchsen?

Da wird manch Winterwanderer, der auf dem angrenzenden Rundweg oder zum „G´witterheisl“ unterwegs ist, die Ohren spitzen, genauso wie die Luchse, und sich wundern, woher die Musik kommt. "Die Luchse stehen jedenfalls voll auf Klassik“, sagt Tobias Lindemann, ausgebildeter Zoo-Wildtierpfleger, der heute Dienst hat und sich mit einem Kollegen abwechselt.

Jetzt versammeln sich Charles, der sich zwar als „Chef“ fühlt, und Diana, die aber das Sagen hat – „fast wie im richtig´n Leb´n“, schmunzelt Tobias - sowie Jungtier Viktor und zwei noch namenlose kleine Luchse am Fressplatz, auf einen Leckerbissen hoffend. „Vielleicht wird Diana uns um den Muttertag herum wieder mit Nachwuchs überraschen?", mutmaßt der Tierpfleger.

Der Wildpark Waldhaus Mehlmeisel ist verwickelt in eine polnische Wiederauswilderung

Neusorg

Bache Waldtraud samt Gefolge, das sich eine dicke Speckschicht zugelegt hat, holt sich jetzt von Tobias Streicheleinheiten. „Bei den Wildschweinen muss es eher scheppern“, hat er schon festgestellt. Hardrock passe da ganz gut. „Und statt des Hundegebells passt zum Beispiel Musik von AC/DC“, sagt Mickisch und ergänzt, dass alle Frequenzen abgedeckt werden müssen.

Das klingt ein bisschen witzig, ist es aber ganz und gar nicht: Denn Sinn und Zweck dieser musikalischen Aktion, die sich schon in der halben Welt herumgesprochen hat, ist die Desensibilisierung der Tiere. "Luchse, Auer- und Rotwild sowie weitere Wildtiere würden scheu werden und wir müssten wieder bei Null anfangen“, weiß der Betreiber. Vertrauen zurückzugewinnen, sei ein langer Prozess, Angst dagegen multipliziere sich sehr schnell.

"Bei den Wildschweinen muss es eher scheppern.“

Tierpfleger Tobias Lindemann über den Musikgeschmack der Wildschweine

„Daher haben wir täglich das komplette Programm wie vor dem Lockdown: Wir füttern zur gleichen Zeit“, sagt Tobias. „Und wir machen täglich auch weiterhin zwei ,Führungen': Geisterführungen über jeweils eine knappe Stunde und tun so, als ob Besucher dabei wären, mit Texten und Bewegungen, so dass die Tiere nicht aus der Übung kommen – und auch wir nicht“, lacht er.

Mit Fremdem vertraut machen

Ob die Tiere die Besucher überhaupt vermissen? "Luchs, Wildkatze und Hirsche wohl kaum. Schon eher die Wildschweine, die gefüttert werden dürfen“, informiert Tobias. Und vor allem die Ziegen und Schafe im Streichelzoo. „Kommt Mädels“, lockt er die Tiere, die sich das – ein Leckerli erwartend - nicht zweimal sagen lassen. Deren Nachwuchs muss sich allerdings erst an Besucher gewöhnen. „Deshalb nehmen wir oft einen Regenschirm oder ein Tuch mit ins Gehege, um sie mit Fremdem vertraut zu machen", sagt der Tierpfleger.

Natürlich bedauert auch Bürgermeister Franz Tauber die andauernde Schließung des Wildparks, obwohl die jährlich steigenden Besucherzahlen im vergangenen Jahr noch besser waren als 2019. Ebenso wie Eckard Mickisch hofft er, Ostern wieder öffnen zu dürfen und dass der Osterhase, bunte Eier verteilend, durch den Wildpark hoppelt. Ein zweites Ostern im Lockdown wäre wohl schwer zu verkraften.

"Deshalb beschallen wir unsere Wildparkbewohner von früh 9 Uhr bis zum späten Nachmittag mit Schlagern, Klassik, Rock und Pop – und das in ziemlicher Lautstärke, um dem Geräuschpegel bei den Führungen ziemlich nahe zu kommen."

Wildpark-Betreiber Eckhard Mickisch über die musikalische Aktion

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