31.07.2020 - 11:25 Uhr
MehlmeiselOberpfalz

"Miameissla Hulzschouch": Geschnitzte Sohlen mit viel Geschichte

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Historische Belege zeigen, dass in Mehlmeisel schon vor über 500 Jahren Holzschuhe geschnitzt wurden. Das Handwerk war lange Teil der Alltagskultur der Fichtelgebirgsgemeinde. Die Schuhe wurden sogar bis nach Ungarn verkauft.

Die genagelten Schuhe der Familie Besold.
von Gisela KuhbandnerProfil
Evi (links) und Luisa betrachten Holzschuhe aus Mehlmeisel. Sie können sich kaum vorstellen, wie man auf einer so harten Sohle laufen kann.

"Mehlmeiseler konnten sich nicht anschleichen, weil immer die Holzschuhe klapperten", zitiert Altbürgermeister und Vorsitzender des örtlichen Fremdenverkehrs- und Ortsverschönerungsvereins Günter Pöllmann aus einem örtlich bekannten Sprichwort.

Erinnerungsträchtiges Kunstwerk

Nach der Idee des Vereins hat Thomas Müllinger aus Fichtelberg vor einigen Jahren aus einem Fichtenstamm mit der Motorsäge einen überdimensionalen Holzschuh gefertigt: Ein erinnerungsträchtiges Kunstwerk, das zu Mehlmeisel passe. "Denn die Bevölkerung lebte früher vom, aus und mit dem Wald", sagt Günther Pöllmann.

Wie schon seit einigen Jahren, ist dieser "Hulzschouch" heuer wieder ein Blickfang in der Hütte gegenüber des Rathauses, ergänzt mit Leiterwägelchen, Schwingel samt Brennholz und weiteren historischen Utensilien. Die Tradition, in der Fichtelgebirgsgemeinde "Hulzschouch" zu schnitzen, ist über 500 Jahre alt" informiert Hobby-Heimatforscher und Chronist Josef Wiche, denn "am Dienstag nach Simons und Jude Apostolorum" im Jahr 1498 genehmigte Kurfürst Philipp I. schriftlich, dass die Bewohner Mehlmeisels ohne Entrichtung von Waldzins "zu gewerbiger Hantirung Holcz hawen als zu Holczschuhen erarbeiten furter verkauffen nach ihrer Notdurfft". Das ist ein Textauszug aus der sogenannten "Abrede zu Heilbronn" zwischen der Kurzpfalz und den Hirschberger Lehensherren von Mehlmeisel (Original im Staatsarchiv Amberg).

Früher war "a Miameissla Hulzschouch" oftmals ein nicht böse gemeinter Spitz- oder Spottname für Einheimische. Längst aber hat diese ortstypische Handarbeit eine bemerkenswerte Renaissance erlebt. So diente der Holzschuh bei der 725-Jahr-Feier von Mehlmeisel vor 12 Jahren in Kleinformat als "Pflasterzoll". "Viele haben sich damals ihre Holzschuhe selber gemacht, aber manche geschickte Handwerker, meist auch Schwingelmacher, verdienten sich damit ein Zubrot", erzählt Altbürgermeister Pöllmann. "Sie haben sie in die Städte - sogar bis nach Ungarn - verkauft oder schickten ihre Frauen damit auf den Handel."

Viele haben sich damals ihre Holzschuhe selber gemacht, aber manche geschickte Handwerker, meist auch Schwingelmacher, verdienten sich damit ein Zubrot.

Altbürgermeister Günther Pöllmann

Und Josef Wiche berichtet aus Erzählungen der Altvorderen: "Der Rietscher-Toni von Mehlmeisel (geboren 1846) ging alljährlich im Herbst mit einem Trupp Holzhauer zu Fuß in den Bayerischen Wald oder in die Wälder bei Nittenau. Auf dem Rücken trug er ein Bündel der notwendigsten Habseligkeiten, darunter auch seine Lederschuhe. Diese Schuhe zog er ganz bewusst auf dem weiten Weg nicht an, um sie zu schonen.

Stattdessen ging er barfuß oder er trug auf schlechten Strecken Holzschuhe, die er in seiner Schwinglmacher-Werkstatt selbst hergestellt hat: Die Sohle schnitzte er nach einer Schablone auf seiner Schnitzbank. Darauf nagelte er den Lederriemen zum Halt der Füße mit den Nägelköpfen seitlich an. Wenn er nach tagelanger Wanderung im Holzhauerlager ankam, waren seine Holzsohlen kaputt und er nagelte die alten Lederriemen auf die nächsten Sohlen. Die Lederriemen konnte er immer wieder verwenden, während die Holzsohlen oft gewechselt werden mussten." Auch in der Festschrift "700 Jahre Mehlmeisel" von 1983 ist über die Holzschuhe nachzulesen: Die "besseren Leit" trugen Holzschuhe mit ledernen Kappen, die Holzschuhe der "gwenlichen Leit" hatten nur einen Lederriemen.

Luchs-Nachwuchs im Wildpark Mehlmeisel

Mehlmeisel

Zu Fuß im Bayerischen Wald

Die Kinder nagelten unter die Holzschuhe im Winter Drähte, um besser "heixeln" zu können. Sie bekamen erst zur Erstkommunion lederne Schuhe, im Sommer gingen sie barfuß. In den heißen Glashütten wurden damals immer Holzschuhe getragen. Dank der Naturmaterialien schwitzten die Arbeiter nicht und bekamen somit auch keine Fußkrankheiten. "Und Hulzschouch wärmten doppelt", weiß Pöllmann von den Altvorderen: am Fuß und später nach Einschüren der kaputten Sohle am Ofen. Wer sich die "Miameissla Hulzschouch" ansehen möchte, kann die Exponate noch bis in den Herbst begutachten.

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Lederschuhe erst zur Kommunion

Ein großer Holzschuh steht in der Hütte gegenüber vom Rathaus in Mehlmeisel. Die geschnitzten Schuhe werden in der Fichtelgebirgsgemeinde schon seit über 500 Jahren gefertigt.
Paterlmacher Michael Prechtl „Moserers-Michl“. Es ist das bislang älteste Foto (um 1910) mit der Abbildung von Mehlmeisler Holzschuhen.
Porträt des 1846 geborenen Rietscher-Toni, Anton Pscherer.
Holzschuhe im Kleinformat als "Pflasterzoll" bei der 725-Jahrfeier von Mehlmeisel.
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