Georgensgmünd. (ehi) Es dürfte wohl der Alptraum eines jeden Vegetariers sein: Schon den Weg zum Hotelzimmer weisen beschriftete blanke Fleischermesser. Im Zimmer selbst empfängt den Gast eine Pop-Art-Tapete mit schrill-bunten Bratwurst-Abbildungen. Und wer sich nach stressiger Anreise auf das Bett fallen lässt, dem dürfte wohl kaum die über dem Bett baumelnde Bratwurst entgehen. Klar, dass auch die Nackenrolle einer Riesen-Bratwurst gleicht. Und selbst beim Griff zur Toiletten-Seife fühlt man sich an den letzten Besuch eines Bratwurststandes erinnert.
"Träumen unter dem Bratwurst-Himmel" - dazu lädt seit diesem Herbst das wohl erste Bratwursthotel Deutschlands in Georgensgmünd (Landkreis Roth) ein. Eröffnet hat es der fränkische Metzgermeister Claus Böbel. Und dem ist klar, dass sein Haus nicht gerade zur bevorzugten Herberge von Anhängern fleischloser Kost werden dürfte. "Ich mach' das in aller Konsequenz. Polarisierung ist mein Geschäftsmodell. Entweder die Gäste finden das cool oder sie sagen ,Nie wieder'", stellt der 48-jährige Metzgermeister klar. In den ersten Wochen scheint Böbels Konzept aufzugehen: "Ich kann über die Buchungslage nicht klagen", berichtet er.
Bratwurstwanderung
Noch aber kommt er nicht ohne Buchungsportale aus. Und noch sind es häufig Nürnberger Messebesucher, die schlicht eine preiswerte Übernachtung auf dem Land suchen. Künftig aber will Böbel in erster Linie Erlebnishungrige locken, die dem Geheimnis des fränkischen Bratwurstkults auf den Grund gehen wollen - bei einem mehrgängigen Bratwurstmenü, einem Bratwurstseminar oder einer Bratwurstwanderung.
Das Hotel mit sieben Zimmern steht direkt neben Böbels hip gestyltem Metzgerladen, den er in dritter Generation führt. In dem altfränkischen Sandsteingebäude im Ortszentrum hatte die Großmutter noch das Dorfgasthaus betrieben. Der anstehende Sanierungsbedarf hat den verheirateten Vater zweier erwachsener Töchter schließlich im Vorjahr dazu bewogen, aus dem früheren Gasthof ein Bratwursthotel zu machen. 700 000 Euro hat er dafür in das Gebäude investiert.
Wurst an der Rezeption
Dass das Bratwursthotel mehr als nur eine Dorfherberge ist, merkt der Gast schon an der Rezeption: Dort wird er gleich mit dem kompletten Böbel'schen Dosenwurst-Sortiment konfrontiert. Schnell wird klar: Das Hotel ist eine Mischung aus Bratwurstkultstätte und Showroom zur Vermarktung von Böbels hauseigenen Wurst- und Fleischprodukten. Was bei Böbels Kundschaft in aller Welt gerade Trumpf ist, erfährt der Gast beim Gang in die erste Etage: Er steigt mit jeder Stufe einen Platz auf der Top Ten der Umsatzbringer hinauf.
In den Zimmern selbst führen Texte und Abbildungen in die Welt der Bratwurstherstellung ein - samt Hinweisen zur Geschichte des fränkischen Kultgerichts. Hart gesottene Bratwurstfans, die es ganz genau wissen, sollten sich in Zimmer eins einmieten, andere es wohl besser sein lassen: Denn dort hat Böbel drei Beutel mit eingeschweißtem rohen Fleisch und Fett aufhängen lassen - die wichtigsten Zutaten der Bratwurst.
Branchenkenner sehen in der Eröffnung des Bratwursthotels unterdessen nur den vorläufig letzten Schritt einer eher schrillen Marketingstrategie, mit der sich der Metzgermeister und seine Frau Monika seit Jahren gegen das Metzgereiensterben in der Region stemmen. Seit 2007 vermarktet Böbel die Produkte online. Zwei Jahre später begann er eine - wie er es nennt - "Wursterlebniswelt" um das eher sachlichte Produkt Bratwurst zu entwickeln: mit Metzgereiführungen, Bratwurstverkostungen und Wurstworkshops.
Hinter der Marketingstrategie steckt Böbels kühle Einschätzung: Um sich von Supermärkten zu unterscheiden, müsse er "Erlebnisse" schaffen. "Unser Prinzip lautet: Waren erleben statt nur Ware verkaufen. Mit reiner Ware habe ich Probleme gegen die Großen."
Fingerspitzengefühl bei Lebensmitteln
Der Experte für Mittelstandsmarketing Ernst Hartung von der Agentur Grothus van Koten kennt die Probleme von Metzgereibetrieben. Der Diplom-Designer hat selbst schon Marketingkonzepte für einen Wursthersteller entworfen. Die Strategie von Böbel findet er vom Grundsatz richtig: "Prinzipiell ist es gut, Dinge zu tun, durch die man sich von anderen unterscheidet", urteilt Hartung. Trotzdem warnt er: "Es geht hier um Lebensmittel. Und mit dem Thema sollte man mit Fingerspitzengefühl umgehen." Problematisch findet er vor allem das auch in Böbels Hotel häufig anzutreffende Logo: ein stilisiertes Glücksschwein. Solche verharmlosenden Verniedlichungen von Schlachttieren gingen ihm gegen den Strich. "Kunden verlangen hier auch gegenüber Nutztieren mehr Respekt", ist er überzeugt.
Mit großem Interesse beobachtet man auch beim Fleischerverband Bayern Böbels Ideen-Feuerwerk. "Böbel ist zweifellos ein innovativer Kopf", räumt Verbandssprecher Stefan Ulbricht ein. Trotzdem lasse sich sein Konzept nicht so einfach auf andere Metzgereibetriebe übertragen. "Grundsätzlich muss jeder Betrieb selbst entscheiden, was aufgrund seiner Stärke das Beste für ihn ist", betont Ulbricht. So mache der Onlineverkauf von Wurst und Fleischwaren oder gar ein Hotel nicht für jeden Betrieb Sinn. Dass Metzgereien, wollen sie im Wettbewerb etwa mit großen Supermarktketten überleben, ganz eigene Wege müssen, sei klar. "Metzgereien müssen vom Nahversorger zum Spezialitäten-Händler werden", ist der Verbandssprecher überzeugt.
Berlin/München. Der Trend hat sich zwar verlangsamt - ein Ende der Entwicklung ist aber nicht in Sicht: Im Jahr 2016 ist die Zahl der selbstständigen Metzgereien in Deutschland nach Angaben des Deutschen Fleischerverbandes (DFV) um 361 zurückgegangen - im Schnitt gab damit fast täglich ein Metzgereibetrieb auf. Insgesamt gab es am Jahresende 2016 bundesweit noch knapp 12 800 Metzgereibetriebe mit mehr als 21 300 Verkaufsstellen.
Am stärksten betroffen vom Metzgereiensterben war demnach Bayern, gefolgt von Baden-Württemberg und Niedersachsen. Im Vergleich zu anderen Bundesländern ist die Metzgereiendichte in Bayern trotzdem immer noch hoch: 2016 kamen nach der Statistik zufolge im Freistaat auf 100 000 Einwohner noch 42 Fleischerfachgeschäfte. In Baden-Württemberg waren es nur 31, in Niedersachsen sogar nur 20. Im bundesweiten Schnitt sind es 26 pro 100 000 Einwohner.
Die Gründe für die sinkende Zahl der Metzgereibetriebe sind vielfältig. So machten unter anderem Supermärkte und Discounter mit ihren Frischfleisch-Abteilungen immer mehr Metzgern das Leben schwer, urteilt der Fleischerverband. Traditionelle Landmetzgereien litten oft unter der Abwanderung der Bevölkerung in die Städte. Hinzu komme, dass in Deutschland immer weniger Fleisch und Wurst gekauft werde.
Für den Sprecher der Fleischerverbandes Bayern, Stefan Ulbricht, lässt sich aber allein damit die Schließung von Metzgereibetrieben nicht erklären. Viel häufiger, so seine Erfahrung, veranlasse selbstständige Metzger der Mangel an Fachkräften und geeignetem Nachwuchs zur Geschäftsaufgabe. Oft finde sich einfach kein Nachfolger in der Familie, der den Betrieb weiterführen wolle. Und junge Leute habe lange Zeit das schlechte Image des Metzgerberufs abgeschreckt. Zum Glück ändere sich das gerade, beobachtet Ulbricht.
















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