14.07.2020 - 08:00 Uhr
Michelfeld bei AuerbachOberpfalz

Handwerker für Menschen mit Behinderung

Handwerker sind nur fürs Grobe? Nein! Auch in der Behindertenhilfe sind sie gefragt.

Ob Stapelkisten oder Herzen mit Gravur – in der Schreinerei entstehen dekorative Holzprodukte. Von links: Joachim Regn, Bereichsleiter Garten, Sebastian Blendinger, Wohngruppe Notburga.
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Maurer, Maler oder Zimmerleute auf einer Baustelle? Das kennt man. Aber in einer Wohnpflegeeinrichtung für Menschen mit Behinderungen? In großen Institutionen der Behindertenhilfe wie Regens Wagner in Michelfeld bei Auerbach arbeiten täglich viele Menschen aus Handwerksberufen für und mit Bewohnern zusammen.

Regens Wagner Michelfeld beschäftigt derzeit 20 Mitarbeitende mit handwerklichem Hintergrund in Voll- und Teilzeit. Vom Fliesenleger über Elektriker bis hin zum Gärtner und Landwirt finden sich fast alle Facetten klassischen Handwerks wieder. Diese sind auch nötig, denn das Regens-Wagner-Gelände umfasst rund 17 Hektar. Neben dem mittelalterlichen Kloster und einigen Wohnhäusern gehören auch ein landwirtschaftlicher Hof, eine Werk- und eine Förderstätte für behinderte Menschen sowie ein Friedhof und eine Parkanlage zur Einrichtung.

Handwerker leiten und lernen bei Regens Wagner Menschen mit Behinderung an, zum Beispiel in der Wäscherei (im Bild Regina Turtschan).

Spezialisten und Allrounder

Bei diesen Dimensionen geht die Arbeit nie aus. Der technische Dienst kümmert sich um die großen und kleinen Instandhaltungen und Reparaturen an Gebäuden und Technik. „Unser Team braucht Allrounder mit ausgeprägten Problemlösungsfähigkeiten“, sagt der technische Leiter Thomas Sammet, selbst Zimmermann und Hochbautechniker. Schreiner fertigen etwa spezielle Möbel nach den Bedürfnissen der Bewohner an, Elektriker reparieren Waschmaschinen und tüfteln schon mal an Lösungen für nicht mehr lieferbare Ersatzteile.

Für Bewohner und Menschen mit Behinderung von außerhalb der Einrichtung bietet die Werkstatt produktive Arbeitsangebote. Sei es, um Filzstifte oder Pumpenteile zu montieren, Stickereien und Näharbeiten anzufertigen oder in der hauseigenen Wäscherei die Wäsche der Bewohner zu reinigen. Lohnarbeit gehört für Menschen mit Behinderung zu einem möglichst selbstbestimmten Leben dazu. Auch hier leiten gelernte Handwerker wie Kfz-Mechaniker und Heizungsbauer die Beschäftigten an.

Das Besondere: Alle Mitarbeiter absolvierten eine anderthalbjährige sonderpädagogische Zusatzausbildung, um besser auf die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung eingehen zu können. „Das Wohl der Beschäftigten und das Arbeitsklima stehen im Vordergrund. Wir haben da sicherlich etwas mehr Leistungsspielraum als ein normaler Betrieb“, sagt Gruppenleiter Jürgen Fischer, ausgebildeter Elektroinstallateur. „Nichtsdestotrotz schaffen wir zum Beispiel bis zu 1000 Stifte am Tag. Tendenz steigend.“

Gartenarbeit und Landwirtschaft

Die Leitung über die grünen Tätigkeiten haben Landwirt Joachim Regn und Landwirtschaftsmeister Christian Genth. Neben einem angestellten Gärtner, einem weiteren Landwirt, zwei Floristinnen und einer Gruppenleitung unterstützen rund 17 Beschäftigte mit Behinderung im Klostergarten und in der Landwirtschaft. Und diese Hilfe ist auch nötig. „Das Außengelände ist so groß, dass wir zu fünft eine Woche zum Rasenmähen brauchen“, sagt Regn.

Darüber hinaus bewirtschaftet das Gartenteam mehrere Blumen- und Gemüsefelder auf dem Gelände sowie eine Schreinerei für Holzarbeiten. Die Erzeugnisse setzt das Team im Hofladen und bayernweit als Katalogware ab. Zum Hof gehören zudem fast 5000 Hühner, eine Kälberaufzucht sowie 100 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche mit Futterpflanzen- und Getreideanbau. „Unsere Beschäftigten stammen meist selbst aus bäuerlichen Familien“, sagt Genth. „Die einfachen, aber anstrengenden Arbeiten bereiten gerade Menschen mit Behinderung sehr viel Freude.“

Thomas Sammet, Zimmermann und Hochbautechniker, Leiter Technischer Dienst bei Renovierungsarbeiten am Aussichtsturm im Park.

Das Handwerk und seine Entwicklung: grundsätzliche Gedanken von Dr. Tobias Hammerl, unter anderem Kulturwissenschaftler und Leiter des Freilandmuseums Neusath-Perschen.

Zivildienst entscheidend

Aber warum nicht in einem normalen Handwerksbetrieb arbeiten? In acht von zehn Fällen lernten die Mitarbeiter Regens Wagner über ihren Zivildienst kennen und sind geblieben. Das bedeutet, viele Mitarbeiter sind seit mindestens zehn Jahren dabei, als der Zivildienst in Deutschland 2011 ausgesetzt wurde. „Zusammenhalt, Klima und Menschen sind gut. Jedem Mitarbeiter macht es Spaß, hier zu arbeiten“, sagt Fischer.

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