03.09.2018 - 19:01 Uhr
Oberpfalz

Missbrauch eines Bildes

Die AfD nutzt das Bild der getöteten Ambergerin Sophia Lösche, um in Chemnitz gegen Flüchtlinge mobil zu machen. Lösches Bruder ist entsetzt, ein Medienanwalt sieht einen Fall für die Justiz.

Prozess
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

"Es ist fürchterlich." Andreas Lösche lässt keinen Zweifel, wie sehr ihn der Missbrauch des Andenkens an seine Schwester trifft. Am Samstag hatte die AfD in Chemnitz zu einem Schweigemarsch aufgerufen. Vorneweg gingen Menschen, die sich Schilder mit Porträtaufnahmen umgeschnallt hatten. Die Bilder zeigten nach Darstellung der Demo-Organisatoren Opfer der sogenannten "Messer-Migration". Flüchtlinge sollen für den Tod der Menschen verantwortlich sein. Auf einem Porträt war etwa das Gesicht Daniel Hs. zu sehen, der vergangenes Wochenende in Chemnitz niedergestochen wurde und dessen Tod die Unruhen in der Stadt ausgelöst hatten. Ein Mann trug aber auch das Bild der Ambergerin Sophia durch die Straßen der sächsischen Stadt.

Ihr Bruder ist deswegen fassungslos. Andererseits hat er in den vergangenen Wochen lernen müssen, dass manche Menschen im Umgang mit seiner toten Schwester vor nichts zurückschrecken. "Sophia ist in den vergangenen Wochen gegen unseren Willen zu einer Person des öffentlichen Lebens gemacht worden", sagt Andreas Lösche nüchtern. Ob er gegen die Verwendung des Bildes vorgehen will, konnte er am Montag noch nicht sagen.

Das von der AfD verwendete Bild stamme aus der Vermisstenanzeige der Polizei. Er habe es damals von der Internetseite der Bamberger SPD kopiert. "Wem die Rechte an dem Bild gehören, war mir egal", sagt Lösche. Damals musste es einfach schnell gehen, außerdem war die Aufnahme geeignet, weil das Gesicht seiner Schwester gut zu erkennen ist.

Der Münchener Medienanwalt Holger Weimann von der Kanzlei Beiten Burkhardt hält die Verwendung für rechtswidrig und verweist auf das Recht am eigenen Bild. "Jedermann kann entscheiden, ob ein Foto von ihm öffentlich gezeigt wird." Nach dem Tod gehe dieses Recht auf die nächsten Verwandten über. Zwar sei das Bild während der Suche nach Sophia oft in den Medien verwendet worden. Das Recht auf Veröffentlichung erlosch allerdings, als die Leiche der Frau gefunden und ein Verdächtiger verhaftet worden war. Weimann geht deshalb davon aus, dass die Familie gegen die Nutzung der Aufnahme vorgehen könnte. "Weil die vorsätzliche Verletzung des Rechts am eigenen Bild auch ein Straftatbestand ist, wäre ein Strafantrag möglich", erklärt Weimann. Die Art der Verwendung bewertet Weimann als "extrem ehrabschneidend", juristische Schritte wären sinnvoll, um künftigen Missbrauch des Bild zu unterbinden.

Unabhängig von juristischen Erwägungen, für Andreas Lösche bleibt der Missbrauch des Bildes vor allem eine moralische Ungeheuerlichkeit. Seine Familie wurde nach dem Tod Sophias mehrere Tage gequält von Kommentaren in sozialen Medien, in denen die 28-Jährige posthum beschimpft, ihr Tod als "gerechte Strafe" für ihre Arbeit in der Flüchtlingshilfe bezeichnet wurde. Andererseits soll sie nun als Ikone der Anti-Flüchtlings-Bewegung herhalten.

Andreas Lösche ist sich sicher, dass seiner Schwester dies zuwider gewesen wäre. Vor allem aber sei Sophia für die Rolle alleine schon deshalb ungeeignet, weil es kein Flüchtling ist, der ihren Tod zu verantworten hat. Der Mann aus Marokko war als Fernfahrer in Deutschland. Andreas Lösche musste in den vergangenen Wochen auf sehr harte Art und Weise lernen, dass solche entscheidenden Details, den Flüchtlings-Hassern völlig egal sind.

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