Einen Einblick in sein reiches Berufsleben gab der Schreinermeister und untermauerte seine Ausführungen mit vielen Anschauungsobjekten. Unterstützt wurde er dabei von seinem Enkel Max, der bereits in der dritten Generation in diesem Beruf tätig ist. Der Referent wusste auch noch vieles aus früheren Zeiten in Mitterteich zu berichten.
Otto Weiß erinnerte an seine Geburt und an die Hebammen, die in Mitterteich tätig waren. Aber obwohl er bei seiner Geburt dabei war, könne er sich nicht mehr genau erinnern, begann er seinen launigen Vortrag. Für ihn sei es selbstverständlich gewesen, Ministrant und Mitglied bei den Pfadfindern zu werden. Auch als Sternsinger war er unterwegs. "Beim Dreikönigsbesuch musste immer der ,Neger' ausgelost werden, weil es so viele Interessenten gab."
Viel Praxis und Fachbücher
Nach der Bundeswehrzeit begann Weiß seine Schreinerlehre. Er war in verschiedenen Betrieben mit Hauptrichtung Möbel- und Innenausbau tätig. Sein Wissen beruhe nicht nur auf der Berufspraxis. Er habe sich auch eine ansehnliche Bibliothek an Fachbüchern über das Handwerk zugelegt. Immer wieder stelle er fest, dass in den neueren Fachbüchern viele Unwahrheiten geschrieben stünden. Durch den Verlust vieler Handwerksmeister in den Weltkriegen sei viel Wissen verloren gegangen, bedauerte Weiß. Mehr als 284 Handwerksberufe seien heute nicht mehr vorhanden. Der Referent erinnerte daran, dass der Schneider deshalb im Schneidersitz auf dem Tisch sitze, damit der Stoff nicht auf den Fußboden falle. Der Schuster habe stets auf einem Dreibein gesessen, da diese Sitzgelegenheit nicht wackle. "Wenn einer in die Lehre gehen wollte, wurde zunächst angefragt, wieviel Lehrgeld bezahlt werden muss." Später sei ein Lehrling mit 80 bis 100 Reichsmark entlohnt worden. Schlafen und Essen seien frei gewesen. Er selbst habe als Lehrling im ersten Jahr sechs Mark pro Woche verdient.
Leben auf der Walz
Weiß ging auf den Brauch der Walz ein, der in unserer Zeit nur noch wenig ausgeübt werde. Großer Wert sei auf die Zunftkleidung gelegt worden, die genauen Vorschriften zu entsprechen hatte. So werden in bestimmten Berufen beispielsweise die Knöpfe an der Kleidung mit besonderen Stichen angenäht, erzählte Weiß. Der Kaminkehrer habe ebenfalls besondere Knöpfe und so viele an der Kleidung wie die Woche Tage.
Die Burschen auf der Walz hätten ein hartes Leben gehabt. Übernachtet wurde meist in Herbergen. Auch in Mitterteich habe es eine solche Stätte gegeben. Aus dem Herbergsbuch, das regelmäßig von der Polizei kontrolliert wurde, war zu ersehen, dass die Burschen aus vielen Gegenden Deutschlands kamen. Hatte sich einer etwas zuschulden kommen lassen, sei dies vor der Meisterinnung verhandelt worden. Wurde er verurteilt, wurde ihm der Ring aus dem linken Ohr gerissen. Daher, so Weiß, kommt der Ausspruch "Schlitzohr".
Anhand seiner Schaustücke ging Weiß auf Handwerkstechniken wie das Maserieren von Holz ein. Dies übernahm meist der Meister selbst, wobei er niemand zusehen ließ. Doch er habe den Meister durchs Fenster beobachtet und so doch einiges mitbekommen, verriet Weiß. Auch einen "Möbelkatalog" aus der damaligen Zeit stellte er vor. Hier konnte sich der Kunde sein Möbel nach Lust und Laune zusammenstellen, ob ein Schrank beispielsweise mit Schubladen oder Türen, mit runden oder eckigen Füßen ausgestattet ist. Schließlich zeigte er den Besuchern einen "Faulenzer" und blickte in ratlose Gesichter. In diesem in Handarbeit gefertigten Buch standen die gängigen Maße und Multiplikationen schon vorgerechnet. Viel Staunen verursachte zum Abschluss die Betätigung eines Ellipsen-Zirkels. Arbeitskreisvorsitzender Werner Männer bedankte sich für den hervorragenden Vortrag mit der neuen Sonderbriefmarke Dr. Stingl und einem Geschenk.













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