Mitterteich
15.11.2023 - 13:26 Uhr
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Zukunft der Kliniken Nordoberpfalz AG: Hilferuf eines Haus- und Notarztes

Die Kliniken Nordoberpfalz AG steckt wieder in finanziellen Schwierigkeiten. Die aktuelle Situation bereitet Allgemein- und Notfallarzt Dr. Achim Nemsow aus Mitterteich große Sorgen. Er sieht die Zukunft der Patientenversorgung gefährdet.

Drastische Worte fand Dr. Achim Nemsow am Montagabend im Stadtrat Mitterteich zur Lage der Kliniken Nordoberpfalz AG und der allgemeinen Krankenhaus-Situation in Deutschland. "Ich arbeite seit 1999 als Arzt. Damals hatten wir ein gutes Gesundheitssystem, das nun schrittweise gezielt und geplant gegen die Wand gefahren wird", sagte er. Es gehe nur ums Geld, nicht um die Krankheit, nicht um die Genesung und "schon gar nicht um den Menschen".

Einen Tag später ordnete er noch einmal im Gespräch mit Oberpfalz-Medien seine Ausführungen ein, auch mit Blick auf seine eigenen Erfahrungen. Die Berichte über die Zukunft der Kliniken AG verfolge er mit Sorge, sagt er.

Zum Hintergrund: Die Gesellschafter - die Landkreise Tirschenreuth und Neustadt/WN sowie die Stadt Weiden zu je einem Drittel - müssen miteinander noch einmal 52,3 Millionen Euro in den Klinikverbund buttern, um die Kliniken AG über Wasser zu halten. Weiden und Neustadt haben bereits signalisiert, ihren Anteil von jeweils 17,4 Millionen, gestreckt auf den Zeitraum von 2024 bis 2026, zu leisten. Am Freitag folgt das Votum der Kreisräte aus Tirschenreuth. Mit diesem Geld soll nicht nur das erneute Defizit des Klinikverbunds ausgeglichen werden, sondern auch ein Restrukturierungskonzept einhergehen.

Basisversorgung vor Ort

"Offensichtlich ist in der Öffentlichkeit niemandem bewusst, wie dramatisch die Lage schon ist. Mein Praxispersonal telefoniert bereits jetzt mehrere Stunden pro Woche, um Patienten in Kliniken einweisen zu können", gibt der 51-jährige Allgemeinmediziner, der in seiner Praxis in Mitterteich die Verantwortung für acht Mitarbeiter hat, Einblicke. Für ihn ist klar: "Was wir brauchen, ist eine Basisversorgung vor Ort, nicht dieses ständige Gerede von der großen Politik zur Spezialisierung. Es nützt nichts, wenn in einer Klinik nur noch Spezialisten für die linke große Zehe und ein anderer Spezialist für die rechte Zehe da sind. Aber es gibt keinen mehr, wo man einen normalen älteren Patienten mit einer Lungenentzündung hinschicken kann."

Bedingungen immer schlechter

Die Verantwortlichen in den Kliniken nimmt er ausdrücklich in Schutz. Sie würden jetzt schon mehr als Menschenmögliches versuchen. Aber die Daumenschrauben würden immer enger gedreht und die Rahmenbedingungen verschlechterten sich zusehends, mit der Konsequenz, "dass Defizite steigen und steigen". Den Fehler sieht Nemsow darin, dass versucht werde, etwas kalkulierbar zu machen, das man nicht kalkulieren könne: die Gesundheit. Daraus letzten Endes noch Gewinn schlagen zu wollen, ist seiner Meinung nach menschenverachtend. "Die Leute schimpfen zwar über die Ärzte, über die Apotheken, über die Krankenhäuser, protestieren aber nicht. Wenn die Leute nicht auf die Straße gehen, wird sich nichts ändern."

Seiner Meinung nach zielen die Vorgaben des Bundes darauf ab, kleine, regionale Krankenhäuser zu eliminieren. Häuser, die wunderbare und wertvolle Arbeit zum Dienste der Patienten leisteten. "Das wird in keinster Weise honoriert", so der Arzt. Die Träger der Kliniken Nordoberpfalz AG müssten sich letzten Endes die Frage stellen: "Akzeptieren wir die Vorgaben des Bundes und rasieren wir weiter die Krankenhauslandschaft kahl?" Der Notarzt erinnert an die Schließungen der Häuser in Neustadt/WN, Eschenbach, Waldsassen und Vohenstrauß. "Diese waren allesamt gute und beliebte Krankenhäuser, die man kaputt gemacht hat. Genau dies finde ich schrecklich und verwerflich", ärgert sich der CSU-Stadtrat.

Millionen von Euros würden ausgegeben für Straßenbau, Infrastruktur und sonstige defizitäre Einrichtungen, alles ganz selbstverständlich. "Auf Bundesebene gibt es Milliarden von Ausgaben fürs Ausland, ohne große Diskussionen. Aber beim höchsten Gut, dem Menschen und der Gesundheit, wird seit Jahren um jeden Euro gestritten. Das finde ich jämmerlich", spricht er Klartext.

Hoch motivierte Mitarbeiter

Für Nemsow gibt es nur eine Möglichkeit für die Zukunft: "Man nimmt weiter Geld in die Hand, das bestens angelegt ist und stattet die hoch engagierten und hoch motivierten Mitarbeiter der Kliniken langfristig und sicher mit finanziellen Mitteln aus." Damit könnten diese endlich das tun, was sie gerne tun: "Nämlich der Bevölkerung die beste medizinische Versorgung heimatnah zukommen zu lassen." Er habe den Gang an die Öffentlichkeit bewusst gewählt, um die Menschen aus ihrer Lethargie aufzuwecken.

"Die Lage um die Kliniken ist ernst", stellt der Mediziner fest. Ihn sei es auch wichtig, dass das Thema auf die Tagesordnung im Mitterteicher Stadtrat komme. "Warum wird gerade über die Finanzausstattung für die Kliniken diskutiert, während es für andere Bereiche locker sitzt?", fragt Nemsow. Er fordert, dass kein einziges Krankenhausbett reduziert werden darf, da ansonsten die Versorgung der Menschen immer schwieriger werde.

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Info:

Zur Person: Dr. Achim Nemsow

  • Alter: 51 Jahre
  • Beruf: seit 1999 Allgemeinmediziner, seit 2006 mit eigener Praxis in Mitterteich (acht Mitarbeiter)
  • Zusätzliche Aufgaben: seit 2001 Notarzt mit jährlich über hundert Notarzteinsätzen, Kreisfeuerwehrarzt und ehrenamtlich im Kreisfeuerwehrverband tätig
Kommentare

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Angela Frank

Danke Dr. Nemsow für die deutlichen Worte! Endlich spricht mal jemand öffentlich aus wie es ist. Viel zu ruhig hat die Bevölkerung die Schließung der kleinen Krankenhäuser wie Waldsassen hingenommen. Es gäbe viel Verbesserungsbedarf im Gesundheitssystem, aber Herr Lauterbach hat nichts besseres zu tun als Cannabis zu legalisieren. Ich dachte nach den Erfahrungen der letzten Jahre wird die Politik gescheiter, aber es ist hoffnungslos. Es ist höchste Zeit für eine bessere Versorgung im Gesundheitswesen auf die Straße zu gehen. Ich bin dabei!
Angela Frank, Bad Neualbenreuth

16.11.2023
Paul Heinrich Trapp

Meinen Respekt und hohe Zustimmung.
Solche öffentliche Aussagen bräuchten wir viel mehr.
Vielleicht auch mal von einem Politiker mit Verantwortung.
Paul Trapp

15.11.2023
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