Moosbach
17.09.2019 - 16:23 Uhr

Unbeirrt, unangepasst und streitbar

Hans Bodensteiner war ein Politiker der ersten Stunde nach 1945. Heute kennt ihn kaum noch jemand, doch wegen seines Muts und seiner frühen sozial- und außenpolitischen Einsichten verdient er es, sich an ihn zu erinnern.

Hans Bodensteiner aus Rückersrieth war nach dem Zweiten Weltkrieg der erste Landrat im Landkreis Neustadt. Bild: gi
Hans Bodensteiner aus Rückersrieth war nach dem Zweiten Weltkrieg der erste Landrat im Landkreis Neustadt.

Hans Bodensteiner wurde am 18. November 1912 in Rückersrieth als Sohn der Gastwirt- und Bauerneheleute Karl und Anna Bodensteiner geboren. Als Student der Rechtswissenschaften und der Volkswirtschaft in Würzburg stieß er auf die Frage nach einer gerechten Wirtschaftsordnung, die ihn nicht mehr losließ.

Als bekennender Katholik war er überzeugt, dass der Nationalsozialismus nur eine vorübergehende Erscheinung bleiben würde. Mehrfach geriet er in Konflikt mit den NS-Vertretern, weil er als „Bauernbursche“ direkt und ehrlich seine Meinung sagte. Vor allem bei einer von ihm handschriftlich verfasstem Beschwerde 1940 an den Reichsinnenminister gegen die Auflösung seiner Heimatgemeinde Rückersrieth. Prompt kam die Eingabe aus Berlin an das Landratsamt Vohenstrauß mit der Weisung zurück, den Briefschreiber festzustellen und gegen ihn im Hinblick auf das „Heimtückegesetz“ zu ermitteln. Der damalige Ortsgruppenleiter und Gemeindeschreiber von Tröbes gab zu Protokoll, dass es sich um Hans Bodensteiner handle, der schon als Gegner der NSDAP bekannt sei und bei einer Wahl sogar das leere Couvert abgegeben habe. Nur mit Müh und Not entkam Hans Bodensteiner Schlimmerem.

Nach der Zeit am humanistischen Gymnasium übernahm ihn zunächst die Reichsbahn in den Verwaltungsdienst. Dem anschließenden Studium folgten 1939/40 die Staatsexamen in Jura und Volkswirtschaft. Aufgrund seiner Aufmüpfigkeit gehörte zu den Ersten, die in den Zweiten Weltkrieg ziehen und ihn bis zum bitteren Ende miterleben mussten. Er beschwerte sich mehrfach bei Vorgesetzten über „Grausamkeiten deutscher Offiziere“ an der Ostfront und lehnte es deshalb ab, Offizier zu werden. Im November 1944 entging der wegen Wehrkraftzersetzung in Untersuchungshaft sitzende Bodensteiner nur durch glückliche Zufälle dem Volksgerichtshof. Vorher hatte er im Kessel von Stalingrad seine Meinung über den Krieg gegenüber Kameraden lautstark kundgetan.

Nach dem Krieg in die Heimat zurückgekehrt, schloss sich Bodensteiner der CSU an. Nach der Entlassung aus britischer Kriegsgefangenschaft im Herbst 1945 übernahm er die Leitung des Wirtschaftsamts und der Sparkasse in Vohenstrauß. Dort wurde er auch Vorsitzender der Entnazifizierungs-Spruchkammer. Von 1946 bis 1949 war er schließlich Landrat im Kreis Neustadt. In diesem Amt kümmerte er sich besonders um die Probleme des Zonenrandgebiets. Er fand auch deutliche Worte gegen die amerikanische Besatzungsmacht, wenn sie nationalsozialistisches Unrecht, wie die Enteignung von Land, nicht rückgängig machte.

1949 wurde er im Wahlkreis Tirschenreuth in den ersten Bundestag gewählt. Bodensteiner war zunächst von der Person des Kanzlers Adenauer sehr beeindruckt. 1950 folgte aber schon das Zerwürfnis mit Adenauer wegen dessen Aufrüstungspläne und Anbindung an den Westen. Er kämpfte gegen die Isolation der Sowjetunion. 1952 musste Bodensteiner wegen seiner konträren Ansichten vor der CSU-Landesgruppe „Abbitte“ leisten. Und das ausgerechnet am selben Tag, als seine Frau Klara (geborene Ach) bei der Geburt des ältesten Sohnes eine Gehirnembolie erlitt und seitdem sprachlich und körperlich behindert blieb. Das „Enfant terrible“ Bodensteiner widerrief jedoch sein von der Partei erzwungenes Bekenntnis, kündigte ihr die Mitgliedschaft und gründete mit dem späteren Bundespräsidenten Gustav Heinemann die „Gesamtdeutsche Volkspartei“, die 1953 an der Fünf-Prozent-Klausel scheiterte.

Fast täglich in den Schlagzeilen (Bonner Abendpost: „Ketzerischer Bodensteiner draußen vor der CDU-Tür“ oder Die Welt „Bodensteiner gemaßregelt“) und „Misstrauen wächst - CSU droht Bodensteiner Ausschluss an“ (Westdeutsche Neue Presse), zog er sich 1954 resigniert aus der Politik zurück. Der ehemalige Landrat wurde, um unabhängig zu bleiben, Landwirt. In dem kleinen Rheinstädtchen Unkel baute er jahrelang unter schwierigen Umständen Gemüse und Früchte an. Seine Frau führte trotz ihrer Behinderung den bäuerlichen Haushalt und zog die drei Kinder groß. Bodensteiner richtete immer wieder kritische private und offene Briefe an die Obrigkeit. Antworten gab es kaum, ihn befriedigende nie. Die meisten Menschen hätten sich eines Tages irgendwie mit ihrer Umwelt arrangiert. Das tat Bodensteiner nicht. Am 8. April 1995 starb er in Königswinter im Alter von 82 Jahren.

Bei der ersten Bundestagswahl 1949 schaffte Hans Bodensteiner den Einzug in den Bundestag. Bild: gi
Bei der ersten Bundestagswahl 1949 schaffte Hans Bodensteiner den Einzug in den Bundestag.
 
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