04.05.2020 - 08:30 Uhr
Deutschland und die WeltOberpfalz

Morbide Faszination - Ein Tag in Tschernobyl

Der perfekte Urlaub … davon träumen viele in der Corona-Krise. Mit einem Cocktail am Strand. Facetten einer Metropole entdecken. Wie wäre es mit einem Ausflug zum Atomreaktor in Tschernobyl? Zu extrem? Für Extremtouristen nicht.

Es ist ein Anblick, der einem den Atem stocken lässt. Noch heute finden sich in Tschernobyl zahlreiche Erinnerungen an die Menschen, die die Region nach dem atomaren Unglück verlassen mussten.
von Julia Hammer Kontakt Profil

Von einem Moment auf den anderen blieb die Zeit im urkrainischen Prypjat am 26. April 1986 stehen. Eine unvorstellbare Katastrophe, deren Auswirkungen noch heute zu spüren sind. Während einer Simulation explodierte Reaktor vier des Kernkraftwerkes Tschernobyl um 1.23 Uhr durch einen unkontrollierten Leistungsanstieg. Mehr als 50000 Menschen verloren ihr Zuhause, ließen alles zurück. Tausende starben an den Spätfolgen der Strahlung. Die häufigste Ursache: Schilddrüsenkrebs. Prypjat ist heute eine Geisterstadt. Militärisch überwacht. Und eines der begehrtesten Reiseziele sogenannter Extremtouristen.

Der ausgefallene Trip wird über spezielle Agenturen in Deutschland oder direkt vor Ort in der Ukraine gebucht. Schon die Anreise in das 4300 Quadratmeter große Sperrgebiet ist abenteuerlich und alles andere als komfortabel. Es gibt zwei Möglichkeiten: Busfahrt oder Flug. Wer nicht lange sitzen will, sollte sich für die zweite Variante entscheiden, denn die Fahrt über Berlin Richtung Kiew dauert rund 20 Stunden. Die Flugzeit von München nach Kiew variiert zwischen drei und fünf Stunden. Am Ziel ist man dann aber noch nicht. Prypjat liegt 110 Kilometer von Kiew entfernt. Das bedeutet: Im Hotel einchecken und dann weitere zwei Stunden Fahrt mit einem ukrainischen Bus. Das Gute: Die Sperrzone ist bei Touristen inzwischen so beliebt, dass die öffentlichen Verkehrsmittel regelmäßig fahren. Allerdings müssen diese vorab gebucht werden, da man sich registrieren und eine gültige Zugangsberechtigung besorgen muss, um in die abgesperrte Zone reisen zu dürfen.

Der Übergang zur Sperrzone am Checkpoint Detyatik wird von Militärs bewacht. Bewaffnet. Bei diesem Anblick ist schnell klar: Der Ausflug ist alles andere als Spaß. Er ist gefährlich. Nicht wegen der Männer, sondern immer noch wegen der Strahlung. Neben Geigenzählern, mit denen man selbst testen kann, wie stark die unterschiedlichsten Gegenstände in dem Gebiet verstrahlt sind, teilt der Guide, der die Reisegruppe kurze Zeit später übernimmt, eine Broschüre aus. Regeln. Nicht gerade wenige. „Nichts anfassen. Nicht essen. Nicht trinken. Nicht rauchen. Nichts auf den Boden stellen.“

Und vor allem: „Nichts mitnehmen.“ Nicht nur ein gut gemeinter Ratschlag, wie sich herausstellt. In der Vergangenheit kamen immer wieder Menschen in das Gebiet und plünderten die verlassenen Wohnungen. Die erbeuteten Gegenstände waren – und sind es immer noch – stark verstrahlt. Die Folge: Die Leute erkrankten. Nicht alles ist beunruhigend. Einige Stunden in dem belasteten Gebiet seien für den Körper nicht schädlich – hätten eine ähnliche Belastung wie eine Stunde im Flugzeug.

2011 gaben die ukrainischen Behörden den Bereich um das wohl bekannteste Kernkraftwerk der Welt für den Tourismus frei – 25 Jahre nach der Nuklearkatastrophe. Tausende pilgerten seitdem in die Geisterstadt Prypjat, die direkt neben Tschernobyl angesiedelt ist. Neben der Faszination am düsteren Unbekannten, dem Morbiden, reizt die Extremtouristen vor allem die Unberührtheit der Stadt. Nach der atomaren Katastrophe verließen die Einwohner den Ort von einem Moment auf den anderen, ließen ihr Hab und Gut zurück. Deshalb sieht die Stadt auch heute noch genauso aus wie vor über 30 Jahren. Einblicke in fremde Identitäten. Und diese müssen natürlich festgehalten werden. Deshalb sind die wichtigsten Utensilien für den Ausflug: Kamera, Stativ, Objektive, Speicherkarten und mindestens eine Powerbank – damit der Akku nicht im falschen Moment schlapp macht.

Nichts als Stille

Das Erste, was auffällt, wenn man den Bus in Prypjat verlässt, ist die Stille. Lediglich das Rauschen des Windes ist zu hören. Gespenstisch. Unreal. Vor allem vor der imposanten Stadt-Kulisse. Was zurück geblieben ist, sind Beton, Schrott und einige persönliche Gegenstände. In Tschernobyl ist der Mensch in den vergangenen Jahrzehnten zur Randfigur geworden. Dadurch blüht die Natur auf – die sich das zurückholt, was ihr der Mensch vorher genommen hatte. Wurzeln von Bäumen durchbrechen den Asphalt, Äste bohren sich durch Hauswände und Dachstühle. Grün inmitten tödlicher Strahlung. Vor einem erstreckt sich der weitläufige Leninplatz. Einst gesellschaftlicher Mittelpunkt voll Trubel, lachender Kinder und angeregten Begegnungen ist er heute menschenleer. Gleichzeitig wirkt die Stadt, als kämen jeden Moment tausende Bewohner aus den klotzartigen, grauen Mehrfamilienhäusern, um sich auf eine der Parkbänke zu setzen oder in das 26 Meter hohe weinrote Riesenrad mit den gelben Gondeln zu steigen. Das Fahrgeschäft gilt heute als eines der Wahrzeichen der Stadt. Daneben verrotten Auto- scooter, in denen sich noch Kinder und Jugendliche kurz vor dem Unglück vergnügten. Direkt am Leninplatz steht noch heute das verfallene Gebäude, das einst einen der exklusivsten Supermärkte in der ganzen UdSSR beherbergte. Im Inneren verrosten Einkaufswagen. Auch der ehemalige Kassenbereich ist noch gut zu erkennen. Er ist umringt von umgekippten Regalen, in denen vor drei Jahrzehnten Lebensmittel und das eine oder andere der begehrten westlichen Produkte angeboten wurden. Frei bewegen kann man sich in dem Laden nicht. Zu groß ist die Einsturz- und Verletzungsgefahr. Deshalb: schnell einige Fotos schießen. Und weiter geht’s – in Richtung Kulturpalast „Energetik“ im Herzen von Prypjat.

Auch das ehemalige Hallenbad kann von Extremtouristen in Pripyat besichtigt werden.

Bis vor einigen Jahren durften Extremtouristen noch einen Blick in die Privatwohnungen werfen – bis die Regierung den Zugang 2012 zu allen Häusern sperrte. Die Begründung: Die Gefahr eines Einsturzes sei zu groß. Nur noch wenige Gebäude stehen den geführten Touren zur Verfügung – wie das Multifunktionsgebäude, das einst ein Kino, ein Theater, einen Boxring und eine Sporthalle beherbergte. Nur noch wenig erinnert dort an die großen Wettkämpfe, die einst bestritten wurden. Der gelb-rote Bodenbelag löst sich großflächig. Eine dicke Staubschicht überzieht den Untergrund. Noch immer steht das rot-weiße Fußballtor an einer der gelben Linien. Die Tribünen, auf der begeisterte Eltern ihren Kindern bei den Spielen zugejubelt haben, sind morsch. In der Luft liegt eine Mischung aus altem Gummi und verwesendem Holz. Auch im Schwimmbad „Azur“, dass sich ebenfalls im Kulturpalast befand, blättert die Farbe von den Wänden. Von der Hallendecke hängen Fetzen der gelblichen Isolierung. Automatisch steigt einem beim Anblick des überraschend gut erhaltenen Fünf-Meter-Sprungturms und der weiß-schwarzen Hallenbadfließen, die zum Teil mit Graffiti beschmiert sind, der Geruch von Chlor in die Nase. Natürlich Einbildung. Schon lange ist das Becken trockengelegt. Schon lange zieht hier niemand mehr seine Bahnen. Es ist ein absurdes Bild. Der Verfall des von Menschen erbauten Gebäudes, während die Natur im Hintergrund sprießt und im schönsten Grün erblüht.

Reste der Katastrophe

Einige Meter entfernt stehen ordentlich aufgereiht kleine Holztische und Bänke in einem der Klassenzimmer der Mittelschule. Auf einem der Tische liegt ein Mathematikbuch, das mit einer dicken Staubschicht überzogen ist. Auf dem Nachbartisch ist eine Weltkarte ausgebreitet. Das Papier ist vergilbt, die Schrift kaum noch zu lesen. Über den grauen Boden sind Schulhefte verteilt. Für einen kurzen Moment stockt der Atem. Zwischen all den Blättern liegen zwei Gasmasken. Masken, die an einige der Bewohner kurz nach der Katastrophe verteilt wurden. Unweigerlich drängen sich die Fragen auf, was die Menschen wohl gefühlt haben, als sie von dem großen Unglück erfahren haben. Als ihnen klar wurde, dass sie ihre Heimat für immer verlassen und alles zurücklassen müssen. Unter den rund 50000 Bewohnern lebten 15000 Kinder, als der Kernreaktor vier explodierte.

Ruhe nach dem Sturm. Heute hüllt sich die Stadt Prypjat in Stille. Dort, wo einst tausende Menschen lebten.
Dort, wo Kinder einst Matheformeln und Grammatik lernten, stehen heute nur noch mit Staub bedeckte Tische und Bänke.

Auf dem Weg zum Aussichtspunkt streunen drei Hunde in einigen Metern Entfernung über die Straße. Wilde Tiere sind hier keine Seltenheit. Hunde, Wölfe, sogar einige Bären. Sie haben in der Sperrzone überlebt – und das über Jahrzehnte. Und plötzlich ragt es düster rund 75 Meter in den Himmel: das stillgelegte Atomkraftwerk Tschernobyl. Ort des Unglücks. Die morbide Legende, die auch Jahrzehnte später noch traurige Berühmtheit genießt. Weiter als 500 Meter darf man sich dem Gebäude nicht nähern. Auch heute ist die Strahlung noch zu hoch. Das symbolisiert der „Sarkopharg“, ein 1986 errichteter Schutzmantel aus Stahlbeton über Reaktor vier, nur zu deutlich. 2016 erneuerten die Behörden die Schutzhülle. Aktuell ist sie 108 Meter hoch und wiegt fast 25000 Tonnen. Die neue Schutzschicht soll für die nächsten 100 Jahre verhindern, dass weiterhin Strahlung austritt. Nicht nur die Menschen im Zentrum von Prypjat verließen ihr Zuhause, um sich vor der Strahlung zu schützen. In der Sperrzone gibt es zahlreiche verlassene Dörfer. Ein kurzer Stopp lohnt sich. Die kleinen Häuschen verborgen in den dichten Wäldern wirken verwunschen. An viele grenzen Scheunen an, in denen die Bewohner Tiere gehalten und ihre eigene kleine Landwirtschaft betrieben haben. Erstaunlich ist, dass etliche der Hütten in einem guten Zustand sind. Intakte Fensterscheiben, ein stabiles Dach, aus dem ein kleiner Kamin ragt. Allerdings sollte man beim Betreten dieser Orte vorsichtig sein, denn die Vegetation speichert viel mehr Strahlung als urbane Gebiete. Innerhalb der ersten zehn Tage nach der Explosion 1986 trat eine Radioaktivität von mehreren Trillionen Becquerel in die Atmosphäre aus. Die Folge: Radioaktiver Niederschlag verstrahlte vor allem das nördliche Gebiet um Tschernobyl und einige Länder Europas. Noch heute sind die Auswirkungen auch in Deutschland zu spüren – vor allem in etlichen Regionen in Südbayern. Immer wieder stoßen Wissenschaftler auf erhöhte Strahlenwerte in den Böden, Wäldern und auch bei Wildtieren. Es geht zurück nach Kiew. Zurück in die wirkliche Welt, die Zivilisation. Das bedrückende Gefühl bleibt. Auch nach der Ankunft im Hotel. Es ist die eine Sache, über eine Tragödie zu lesen. Es ist eine andere, die Spuren der Vergangenheit hautnah zu erleben. Eindrücke, die bleiben. Und eine Reise, die man nicht vergessen wird.

Extremtourismus:

Das Geschäft mit dem Risiko

Es ist das Geschäft mit dem extremen Abenteuer, der Gefahr – oft auch des hautnahen Leids. Seit einigen Jahren boomt Extremtourismus, auch Dark Tourism genannt. Für die einen eine makabere Branche, für die anderen eine einzigartige Möglichkeit, an ihre körperlichen und emotionalen Grenzen zu gehen. Reisebüros und Agenturen, die sich auf diese außergewöhnlichen Trips spezialisiert haben, bieten das Extreme an: von Haitauchen, Himalaya-Expeditionen, Trekking in bislang unerkundeten Höhlen bis hin zu den dunkelsten und gefährlichsten Orten der Welt wie eine Tour durch die Krisengebiete Afghanistans, die Tiefen von Somalia oder auch den Unglücksort Tschernobyl nahe der Stadt Prypjat. Aber worin besteht der Reiz für die Touristen, die nicht einmal vor möglichen Entführungen, tödlichen Abstürzen und lebensbedrohlichen Risiken zurückschrecken? Warum in einem Land Urlaub machen, aus dem andere Menschen wegwollen, weil dort so viel Leid herrscht? Meist buchen Menschen mit höherer Bildung wie Ärzte, Anwälte oder Professoren diese Touren. Personen, denen der Alltag keine Herausforderungen mehr entgegenstellt, die keine Angst vor Jobverlust oder um ihre soziale Existenz haben, sind sich Experten sicher. Diese Menschen suchen den Nervenkitzel im Extremen, der absoluten Individualität, die sie an ihre persönlichen Grenzen bringt. Extremtourismus ist jedoch nicht nur ein elitäres Hobby. Immer mehr Interessierte strömen zu düsteren Orten, Mahnmalen der Vergangenheit, um diesen Nervenkitzel auch ein Mal zu spüren.

Eine alte Gasmaske für Kinder erinnert an das atomare Unglück im ukrainischen Tschernobyl.
Autoscooter, ein Riesenrad - das Volksfest sollte eine glückliche Feier werden. Doch kurz vor der Eröffnung ereignete sich das atomare Unglück.
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