23.04.2021 - 19:42 Uhr
NabburgOberpfalz

Alpakas streicheln die Seele: Therapie zwischen Burg Wernberg und Weide

Diesen Artikel lesen Sie mit
Alle Informationen zu OnetzPlus

Alpaka-"Chefin" Anna-Lena und ihre Herde halten Corona-Abstand: 1,50 Meter. Distanz ist den Tieren angeboren. Wer sie respektiert, erntet Vertrauen. Ramona Völkl-Simbeck setzt die Seelenstreichler in der Burg-Klinik zur Therapie ein.

Ramona Völkl-Simbeck aus Nabburg hat sich der tiergestützten Therapie mit Alpakas verschrieben.
von Claudia Völkl Kontakt Profil

"Das Buffet ist angerichtet", lacht Ramona Völkl-Simbeck. Frisches Heu liegt auf den gedeckten Futtertischen. Helena, Lissy, Feli, Anna-Lena, Mare, Bali und Anna-Bella schmeckt es. Kurt, der ungestüme, liebeshungrige Mann in der Frauenrunde, musste aus nachvollziehbaren Gründen den Harem verlassen. Ramona Völkl-Simbeck und ihr Mann Wolfgang haben die Alpakas in einem Unterstand am Ortsrand von Perschen untergebracht. Die 39-Jährige Sporttherapeutin behandelte bisher Sportverletzungen, Beweglichkeitsstörungen, Rückenprobleme. Seit dem Jahr 2019 hat sich der berufliche Schwerpunkt zur Vincera-Klinik auf Burg Wernberg verlagert. Und nicht nur das.

Ramona Völkl-Simbeck und ihr Mann sind begeisterte Handballer. Als sie ihre Bayernliga-Laufbahn beendeten, war beiden klar: Ein neues Hobby muss her. Schnell waren Kontakte zu einer Züchterin in Schwarzach bei Deggendorf geknüpft. Den Handball-Exkollegen hat Ramona Völkl-Simbeck noch scherzhaft per WhatsApp angekündigt, "dass wir jetzt unsere eigene Damenmannschaft gründen. Dann haben wir ein Bild mit unseren Alpakas geschickt".

Heu, Gras und Futterrüben

Es sind besondere Tiere, und die meisten haben auch ihr Päckchen zu tragen. Helena ist fast blind, Feli ist fehlgeprägt, da sie mit der Flasche aufgezogen wurde: Sie kann nicht zwischen Mensch und Alpaka unterscheiden. Mare hat ein schiefes Kiefer und Anna-Lena eine Blasenanomalie. Doch die Therapeutin wollte sich gerade um die Tiere kümmern, die sonst niemand haben will. Am Ortsrand von Perschen wurde eine 4000 Quadratmeter große Fläche gepachtet. Hier haben die Tiere ihre Weide und ihren Stall. Ramona und ihr Mann eigneten sich viel Fachwissen an: Gefüttert wird mit Heu, Gras und Futterrüben. Mikroorganismen schützen vor Parasiten. Das Ehepaar hat die Alpakas gut über den ersten Oberpfälzer Winter gebracht.

Ramona Völkl-Simbeck weiß, wie wohltuend die Gesellschaft der Alpakas auf Menschen wirkt. Sie ist fest überzeugt von der Wirkung tiergestützter Therapien und schlug das Modell den Geschäftsführern der Vincera-Klinik auf Burg Wernberg vor. Hier rannte sie offene Türen ein. Am Morgen fährt die Therapeutin ihren Patienten von Wernberg nach Perschen, um mit ihnen gemeinsam die Tiere zu versorgen. Nachmittags wird einfach Zeit mit den Tieren verbracht: "Wir gehen viel spazieren", erzählt Ramona Völkl-Simbeck. Klingt fast zu simpel, was steckt dahinter?

Die Nabburgerin holt etwas aus. "Es geht um Patienten mit Traumata, Angst- und Persönlichkeitsstörungen, Depressionen oder Burnout. Sie kommen aus ganz Deutschland in die Privatklinik." Internas über die Klinik, der zur Eröffnung auch Skisprunglegende Sven Hannawald einen Besuch abstattete, sind von der 39-Jährigen nicht zu erfahren. Diskretion ist oberstes Gebot.

Keine Schmusetiere

Ramona Völkl-Simbeck sieht in den Besuchen bei den Alpakas ein hilfreiches Pendant zu den Gesprächstherapien, da die Patienten in eine völlig andere Welt eintauchen können. Dort gehobenes Burg-Ambiente, hier Stallluft, der Duft von Heu und Strohballen als Sitzgelegenheit. Die sieben Alpakas sehen irgendwie lustig aus, sie sind freundlich und neugierig. Doch eigentlich sind es die großen dunklen Augen, die Menschen vereinnahmen: "Delfine der Weide werden die Alpakas auch genannt", erzählt Ramona Völkl-Simbeck.

Es sind keine Schmusetiere. "Alpakas sind Fluchttiere. Sie haben Angst vor allem und jedem. Man muss langsam, behutsam und leise mit ihnen umgehen", weiß die Therapeutin. Eine Parallele zu den Patienten. Und sie können bei den Tieren "sein wie sie sind. Keiner stellt Ansprüche. Die Schutzhülle fällt ab. Verschlossene Menschen öffnen sich". Das beobachtet die 39-Jährige, die derzeit eine Fortbildung in tiergestützter Therapie macht, bei Angstpatienten oder Menschen, die Nähe nicht zulassen können. "Hier, im geschützten Raum kann ihnen nichts passieren, es wird nichts erwartet". Andererseits zeigen Tiere ganz offen, wo Grenzen sind, wo Abstand gewahrt werden muss. Patienten spüren, dass auch sie ihren Mitmenschen Grenzen aufzeigen müssen, statt in der Angst, anzuecken, zu verharren.

Mut und Zutrauen

"Die Alpakas können den Menschen so viel geben", betont Ramona Völkl-Simbeck. Das beginnt ganz banal beim Stall ausmisten und Füttern. Das ist gut für Patienten, denen es aus einer Depression heraus schwer fällt, in den Tag zu starten. Das Umsorgen der Tiere macht Freude, zeigt, dass es schön sein kann, Verantwortung zu übernehmen." Mut und Zutrauen entwickeln sich langsam wieder, auch die Erkenntnis, dass nichts mit Druck funktioniert. "Das Feedback der Patienten ist bisher durch die Bank gut", erzählt Ramona Völkl-Simbeck. "Einige wären gerne noch geblieben, bis Feli ihr Baby bekommt".

Sie bedauert, dass die Therapie von den Krankenkassen in Deutschland nicht anerkannt wird. Die Österreicher sind da weiter. Wobei Ramona Völkl-Simbeck auch einschränkt, dass sie nicht mehr als vier Patienten gleichzeitig zu den Alpakas mitnehmen kann. Zu viel Mensch tut ihnen nicht gut. Doch derzeit stimmt die Balance auf der Weide. Die Tiere sind inzwischen die Lieblinge der Spaziergänger geworden, die ein waches Auge auf die Alpakas haben: Auf Tiere, die Menschen Kraft fürs Leben geben können.

Die Vincera-Klinik auf Burg Wernberg

Wernberg-Köblitz

Wegen ihrer dunklen Augen werden Alpakas auch Delfine der Weide genannt.

Ramona Völkl-Simbeck

Ramona Völkl-Simbeck

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.