08.04.2020 - 13:05 Uhr
NabburgOberpfalz

Gärtnereien in der Coronakrise

Weitermachen, obwohl die Coronakrise zu neunzig Prozent Umsatzeinbuße führt. Für Gärtnereien im Kreis Schwandorf ist das schmerzlicher Alltag. Gärtnermeister Erich Ritschel verrät, warum er dennoch auf einen Lichtschweif am Horizont hofft.

Weil Pflanzen auch jetzt wachsen, arbeitet Gärtnermeister Erich Ritschel weiter wie immer. Er überlegt mit einer Baumschule zusammen, einen Podcast für Kunden rund ums Thema Garten zu starten.
von Wolfgang Ruppert Kontakt Profil

Wenn Gärtnermeister Erich Ritschel von seinen Pflanzen spricht, nennt er sie "meine Kinder". Von diesen Kindern gibt es gerade 185 000 Stück in seinen Gewächshäusern. "Die müssten eigentlich zeitnah in gute Hände kommen", sagt Ritschel.

Das Problem: Die Coronakrise lähmt das alltägliche Leben, und saisonale Pflanzen lassen sich nicht für später einlagern. Ritschel: "Irgendwann nach Ostern will dieses Produkt keiner mehr." Der Gärtnermeister hat zwar Pflanzen wie Zitronen- und Olivenbäume, von denen er hofft, dass er sie später noch an den Mann bringen kann. Für alle Pflanzen, die saisonal gerade da sind, sieht er aber schwarz. "Die werden wir wegwerfen müssen." Konkret bedeutet das einen Verderb von zwischen 10 000 bis 15 000 Pflanzen, die die Gärtnereimitarbeiter sprichwörtlich für die Tonne aufgezogen haben. Nicht anders sieht es bei Ulla Baumer aus Oberviechtach aus. Auch in ihrem Gartencenter mussten Pflanzen im "fünfstelligen Bereich" aussortiert werden. Oft lese sie in sozialen Netzwerken, Gärtnereien sollten die Pflanzen doch lieber verschenken. Baumer: "Das können wir aber weder finanziell noch zeitlich stemmen." Dafür gebe es zum einen personelle Gründe, zum anderen liefen im Hintergrund trotz der Krise die Vorbereitungen für die Sommerprodukte auf Hochtouren. In der Schwandorfer Gärtnerei Irrgang mussten ebenfalls "massenweise Pflanzen" in den Müll wandern, erklärt Sandra Irrgang.

Gärtner sind keine Landwirte. Wir spielen bei der Landesregierung keine Rolle, weil wir keine Lobby haben.

Erich Ritschel, Gärtnermeister aus Nabburg

Erich Ritschel, Gärtnermeister aus Nabburg

Neunzig Prozent weniger Umsatz

Mit einem kleinen "Rumpfteam", wie er es nennt, fährt Ritschel nach wie vor Bestellungen zu den Kunden. Ein Tropfen auf dem heißen Stein, wie es scheint. Nur zehn Prozent Umsatz von dem, was er normalerweise in dieser Jahreszeit einnehmen würde, bleibt derzeit noch übrig. "Das Kosten-Leistungsverhältnis ist eine Katastrophe. Ein Mann, ein Auto, in einer halben Stunde 20 Euro Umsatz", klagt der Gärtnerei-Chef. Im Gartencenter Baumer herrscht dieselbe Situation. "Wir können gar nicht alle Bestellungen ausliefern", sagt Baumer. Da ist man pro Bestellung eine halbe Stunde unterwegs für einen Bon von rund 21 Euro." Gerade jetzt vor Ostern wollten viele Menschen ihre Gräber anpflanzen.

Und auch mit dem Ausliefer-Geschäft ist es so eine Sache. Jeden Morgen steht Ritschel in der Ungewissheit auf, ob er es überhaupt noch machen kann. "Ständig bekommen wir neue Infos, was wir noch machen dürfen und was nicht. Es ist eine Katastrophe." Die Gärnterei Irrgang in Schwandorf hat ebenfalls einen Lieferservice, das reguläre Geschäft auffangen kann der aber nicht, sagt Irragang. "Es ist aber besser als nichts. Wir haben damit alle Hände voll zu tun."

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Schwandorf

Mehr Gemüse anbieten

Auch Baumer ärgert sich über die vielen, ihrer Ansicht nach teils sinnlosen Regelungen aus München. Zum Beispiel dürfen Gärtnereien, bei denen auf mehr als 50 Prozent der Verkaufsfläche Lebensmittel angeboten werden, den kompletten Laden öffnen und auch das restliche Sortiment mit verkaufen. Wer weniger als die Hälfte mit Salatpflanzen und Co. bestückt, muss alle Nicht-Lebensmittelbereiche absperren. Ganz eindeutig ist diese Regelung aber nicht. Baumer erhöht nun zwar den Lebensmittelanteil in ihrem Geschäft, ob das aber bedeutet, dass sie bald wieder aufmachen darf, kann sie mit letzter Gewissheit selbst nicht sagen. Die Gärtnerei Irrgang hat aufgrund dieser Bestimmungen seit Samstag den Lebensmittelpflanzen-Bereich wieder offen. "Es ist manchmal schwer zu erklären, warum die Leute nicht auch gleich Blumen mitnehmen können", sagt Irrgang. Die meisten Kunden seien aber glücklich, dass sie überhaupt dort einkaufen können.

Kein Impulsgeschäft

Zurück in Nabburg: Das große Problem sei nicht die ausbleibende Kundschaft, sondern, dass die Leute grade nicht in die Gewächshäuser gehen und sich umschauen können. "Wir haben keine Onlineplattform, auf der sich die Kunden durch die Produkte klicken können", sagt Ritschel. Was gerade fehlt, sind Impulskäufer. Das sind Kunden die während dem Einkauf noch auf andere Produkte stoßen.

Zwar würden die Gärtner vom Bayerischen Gärtnereiverband, der ständig in Kontakt mit der Regierung stehe, unterstützt, mehr öffentliches Bewusstsein für die Lage der Gärtner schaffe das aber nicht. "Gärtner sind keine Landwirte. Wir spielen bei der Landesregierung keine Rolle, weil wir keine Lobby haben", sagt der Gärtnermeister.

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Eschenbach

Krise als Chance?

Die Probleme lassen sich nicht leugnen. Grund, dem Pessimismus zu verfallen, ist das für Ritschel dennoch nicht. Ritschel: "Meine Weisung ist, keine Pflanze wird verloren gegeben. Man darf die Hoffnung nicht aufgeben."

Unternehmen und Menschen in der Region können laut Ritschel vielleicht sogar aus der aktuellen Lage lernen. "Es gibt keine Krise ohne Weiterentwicklung." Weil die digitale Welt großen Einfluss auf das Konsum- und Kaufverhalten junger Menschen habe, brauche es Plattformen für die Region und ihre Produzenten. Gleichzeitig hofft Ritschel, dass Verbraucher demütiger werden. Weil sie momentan so gut wie gar nicht zu haben sind, wünscht er sich, dass Menschen "den regionalen Produkten wieder eine Chance geben, auch wenn sie etwas teurer sind".

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Weiden in der Oberpfalz
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