23.07.2020 - 15:57 Uhr
NabburgOberpfalz

Aus Nabburg in die Welt: Vegane Lebensmittel immer beliebter

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Massentierhaltung, Billig-Fleisch, Küken-Schreddern - die Liste an Tierleid ist endlos. So wie es läuft, kann es nicht mehr weitergehen, sagt Michael Schertl, CEO von Absolute Vegan Empire Nabburg - und bietet Alternativen an.

Die Eigenmarke Vantastic Foods hat unter anderem auch vegane Salami und Parmesan im Angebot.
von Anne Sophie Vogl Kontakt Profil

Mit dem Skandal um den Fleischproduzenten Tönnies ist die Debatte um das Tierwohl wieder mehr in die allgemeine Wahrnehmung gerückt. Dabei gibt es Firmen, die sich bereits seit Jahrzehnten mit alternativer Ernährung beschäftigen, wie Absolute Vegan Empire (AVE) aus Nabburg.

Anfang 2015 wurde der Umzug in das neue Hauptquartier angekündigt

Der europaweit größte Versandhandel für vegane Lebensmittel wurde 2001 von Tobias Graf gegründet. Täglich gehen circa 1000 Pakete aus dem Lager in alle Welt. Etwa 60 Prozent bleiben in Deutschland und gehen hauptsächlich in die Großstädte. Der Rest wird nach Großbritannien, Frankreich, Italien aber auch nach China und Afrika geliefert. So geboomt hat es nicht immer – im Gegenteil: 2016 stand AVE kurz vor der Pleite.

2017 ging es langsam bergauf

Vom Nicht-Veganer zum Fan

Die Firma ist schnell gewachsen, dann kam der plötzliche Tod von Gründer Tobias Graf 2014. Gleichzeitig wurde das neue Firmengebäude gebaut, dessen Fertigstellung Graf nicht mehr miterlebte. Dadurch wurde viel Marketingarbeit in den (Sozialen) Medien verpasst. „Man war hier nur am Überleben“, bringt es CEO Michael Schertl auf den Punkt. Die einst drohende Pleite sei mittlerweile kein Thema mehr, verrät er aber mit einem Schmunzeln. Seine Arbeit bei AVE begann am 1. Oktober 2018 als Nicht-Veganer. Das hat sich mit AVE geändert. „So sehr ich am Anfang gedacht habe, ich passe nicht hier rein, umso perfekter passe ich jetzt, weil es authentischer den Menschen gegenüber ist, die nicht vegan sind. Weil ich erklären kann, was das mit mir gemacht hat.“ Der Amberger zählt sich zu den Flexitariern. Er ist also ab und zu auch nicht vegan. Wenn er auswärts isst, bleibt ihm mangels Angebot meist nichts anderes übrig, als eine nicht-vegane Speise zu wählen.

Dass vegan nach Pappe schmecke, sei längst Vergangenheit. Geschmack, der Biss und das Aussehen: Das alles sind wichtige Kriterien beim veganen Essen. Für den 55-jährigen Schertl sei es immer ein besonderer Spaß, „Fleischesser“ von der veganen Alternative zu überzeugen – rein geschmacklich. Belehren oder bekehren wolle er niemanden. „Den erhobenen Finger mag ich gar nicht“, betont er. Er will die Menschen aber zum Probieren animieren. Und so auch von reduziertem Fleischkonsum überzeugen. Denn so wie sich die Situation der Fleischindustrie aktuell zeige, könne es nicht mehr weitergehen, sagt der CEO.

Umweltthemen steigern Nachfrage

Gerade in den vergangenen eineinhalb Jahren sei die Nachfrage gestiegen. Nach Schertls Einschätzung ist das auf immer präsentere Umweltthemen zurückzuführen, wie den Klimawandel und die Massentierhaltung. Auch Skandale wie rund um Tönnies oder Gammelfleisch ermutigen immer mehr Leute dazu, statt Fleisch vegane Ersatzprodukte zu konsumieren. Die sind übrigens so weit wie nur möglich mit pflanzlichen Inhaltsstoffen angereichert. Sicher würden auch mal Geschmacksverstärker verwendet, aber sicher nicht mehr als in der Wurstproduktion, betont Schertl. Angst vor zu viel Chemie müsse man nicht haben, im Gegenteil.

Ein weiterer Faktor war Corona. „Im April und Mai haben sich die Bestellungen verfünffacht. Wir haben etwa 5000 bis 6000 Neukunden dazubekommen.“ Es musste sogar von einem Ein-Schicht-Tag auf zwei Schichten erhöht werden. Viele vegane Produkte sind sehr lange haltbar, weil sie getrocknet sind, wie zum Beispiel Sojagranulat. Diese werden erst daheim eingeweicht. Daraus lässt sich beispielsweise vegane Bolognese-Sauce zubereiten.

Niemandem etwas aufzwingen, aber doch das Bewusstsein für tierfreie Ernährung stärken, das ist die Devise von AVE und Michael Schertl. „Es klingt vielleicht kindisch, aber wir wollen dazu beitragen, die Welt ein bisschen besser zu machen“, sagt der Amberger im Gespräch mit Oberpfalz-Medien.

Jetzt müssten sich nur noch mehr Menschen finden, die den Weg mitgehen, meint er. Schertl ist überzeugt, dass die immer raffinierteren Ersatzprodukte noch viele Fleischesser überzeugen werden. AVE hat das Ziel, das Angebot zu erweitern. Eines der Produkte wird so manchen Oberpfälzer zunächst entsetzt aufstöhnen lassen und im Endeffekt vielleicht doch noch positiv überraschen: Der vegane Leberkas kommt.

Hintergrund:

Großes Jubiläum 2021

Kommendes Jahr begeht AVE seinen 20. Geburtstag. Je nach dem, wie sich die Corona-Situation bis dahin entwickelt hat, soll richtig gefeiert werden. CEO Michael Schertl kann sich zum Beispiel einen Tag der offenen Tür vorstellen, natürlich kommt auch der vegane Foodtruck zum Einsatz. "Ab nächstem Jahr wird es einen Werksverkauf geben", verkündet Schertl. Dann kann man im Store im Erdgeschoss die vegane Warenvielfalt direkt mit nach Hause nehmen. Auch ein Brotzeitverkauf ist angedacht.

Im Blickpunkt:

Warum sind vegane Produkte teurer?

Die vegane Küche wird immer alltagstauglicher als noch vor einigen Jahren. Das Ziel der veganen Produzenten ist, die Produkte in das Zentrum der Gesellschaft zu rücken. Dabei kosten die Waren aber oft um einiges mehr als das nicht-vegane Pendant. „Wenn eine Firma Schokoriegel produziert und zwischendurch eine kleine Auflage an veganen Schokoriegeln müssen die großen Maschinen aufwendig gereinigt werden“, erklärt CEO Michael Schertl von AVE. Das kostet immens viel Geld. Würde die Nachfrage an veganem Essen steigen, könnten es sich die Firmen leisten, größere Mengen vegan zu produzieren und so würde auch der Preis sinken. AVE baut aktuell in Reinsdorf in Sachsen eine eigene Fabrik.

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