02.11.2021 - 14:31 Uhr
NabburgOberpfalz

Notfall Dorfmitte: Erste Hilfe gegen das Ausbluten der Ortskerne

Wenn im Supermarkt am Ortsrand die heiße Theke eröffnet, dann brechen für den Dorfwirt schwere Zeiten an. Wie viel Stadt verträgt das Land? Wann wird aus einer blühenden Gemeinde eine Schlafsiedlung? Experten suchen nach Antworten.

Trisching zwischen Ländlichkeit und Urbanisierung. An der Autobahnauffahrt vor dem Dorf pulsiert das Leben, ist hier noch Platz für einen gesellschaftlichen Mittelpunkt?
von Uli Piehler Kontakt Profil

Kirche, Wirtshaus, Bäcker, Metzger, dazu ein prächtiger Lindenbaum und darunter ein sprudelnder Brunnen - so sieht das Idealbild eines Dorfplatzes aus. Vielerorts gibt es zwar die äußeren Merkmale eines solchen Ortskerns, nur will nicht so recht Leben einkehren im Zentrum. Die Begegnungen spielen sich vielmehr an der Tankstelle ab, die erst vor kurzem im neuen Gewerbegebiet eröffnet hat. Man trifft sich im Discounter draußen am Ortsrand. Trisching in der Gemeinde Schmidgaden ist so ein Beispiel, wobei der Dorfwirt dort immer noch ein gefragter Anziehungspunkt ist.

"Gerade die heißen Theken in den neuen Supermärkten sind der Wirtshauskiller schlechthin", stellte Dr. Manuel Trummer beim Symposium "Des Ortes Kern. Von der Wiederentdeckung unserer Mitte" im Oberpfälzer Freilandmuseum fest. Trummer lehrt Vergleichende Kulturwissenschaften an der Universität Regensburg, er stammt aus Vilseck (Kreis Amberg-Sulzbach) und beschäftigt sich schon seit vielen Jahren mit dem kulturellen und strukturellen Wandel des ländlichen Raumes.

Keine Untergangsszenarien

In vielen Orten verlagert sich das gesellschaftliche Leben von der Ortsmitte weg, hinaus auf die autogerecht erschlossenen Gewerbegebiete mit Gebäuden in Funktionsbauweise, fernab vom klassischen ländlichen Idyll. "Ich möchte hier keine Untergangsszenarien zeichnen", sagte Trummer. Auch wenn er diese Entwicklung kritisch sehe, gestehe er ein, dass es in Sachen Angebot und Komfort durchaus auch Verbesserungen gebe. Die Gemeinden befänden sich aber auf einem schmalen Grat zwischen Urbanisierung und Verödung. Hier Antworten zu finden, sei eine große Herausforderung.

Der Dorfladen in Schwarzenbach hat die Gemeinde zusammenrücken lassen

"Früher waren die Rollen im Dorf klar verteilt", blickte Trummer auf das Oberpfälzer Landleben vor etwa 50 bis 60 Jahren zurück. "Die meisten Menschen arbeiteten in der Landwirtschaft." Mittlerweile ist das völlig anders. Die dörfliche Gesellschaft hat sich in unterschiedliche Milieus aufgespalten. Weil die Bewohner mobil sind, haben die Einrichtungen, die den Dorfcharakter prägen, vielerorts ihre Funktion verloren. Wie lässt sich dem entgegenwirken? Antworten darauf versuchten bei dem zweitägigen Symposium rund 50 Experten aus der Wissenschaft und allen Bereichen der Heimat- und Kulturpflege Bayerns zu finden.

Paradebeispiel Dorfladen

Das A und O ist der soziale Kontakt. Selbst wenn der Supermarkt schon am Ortsrand steht, kann der Dorfplatz belebt sein - vorausgesetzt, dort finden sich Einrichtungen, die zur Begegnung einladen. In vielen Dörfern ist das immer noch die Kirche, oft flankiert von einem Pfarrheim mit Möglichkeiten zum Austausch, beispielsweise in der Mutter-Kind-Gruppe oder der Pfarrbibliothek. Paradebeispiele für eine gelungene Belebung der Ortskerne sind die Dorfläden, meistens mit integrierter Poststelle und einem angegliedertem Cafe. Natürlich ist dabei immer auch die architektonische Aufwertung der Dorf-Mittelpunkte wichtig, wozu es einen aufgeschlossenen Gemeinderat und eine rege Beteiligung der Bürger braucht.

Trummer spricht von "erfolgreichen Bottom-Up-Prozessen", das heißt von Entwicklungen, die die Dorfbewohner selbst angestoßen haben, sei es durch ihr Engagement in Vereinen oder ihre Beteiligung an Genossenschaftsmodellen, etwa für den Dorfladen. Solch bürgerschaftliches Engagement sollten Kommunen als Geschenk verstehen und entsprechend unterstützen. Maria Rammelmeier kann ein Lied davon singen. Sie betreibt mit ihrer Familie den Kulturstadl Lauterhofen (Kreis Neumarkt). "Die Bürgermeister spielen eine zentrale Rolle", betont sie die Bedeutung der klassischen Entscheidungsträger. "Die Anerkennung durch die Gemeinde ist für die Leute, die unten anschieben, extrem wichtig."

Stadtplaner Bernd Rohloff aus Regensburg präsentierte am ersten Tag des Symposiums ein Beispiel, das Urbanisierung und Ortskern-Aufwertung vereint. Eine Kommune, die er betreut, wollte einen Supermarkt samt all seiner Parkplätze mitten im Dorf haben. "Wir waren wirklich sehr skeptisch", berichtete Rohloff. Mit allen Tricks der Landschaftsarchitektur hat sein Büro versucht, die Fläche für die Autos möglichst wenig zu versiegeln, hat ein "Baumdach" über die Parkplätze geplant, einen Brunnen und einen Spielplatz in das Konzept aufgenommen. Und siehe da: Der Platz um den Discounter ist ein Begegnungsort geworden. Leben ist in den Ortskern zurückgekehrt. Ein Beispiel, über das im Freilandmuseum ausgiebig diskutiert wurde.

Pralles Leben im Ortskern

Trausnitz

Der neue Dorfladen in Schwarzenbach hat die Gemeinde geheilt

Schwarzenbach bei Pressath
Info:

Studie: Schönes Landleben

Dr. Manuel Trummer (Vergleichende Kulturwissenschaft, Universität Regensburg) zitierte aus einer Studie, bei der 50 Hochschulabsolventen aus der Oberpfalz befragt wurden, ob sie sich vorstellen könnten, wieder zurück in ihre Heimat zu ziehen. Die wichtigsten Kriterien:

  • Intakte Umwelt
  • Gesundes Wohnumfeld
  • Lebendiges Vereinsleben
  • Attraktive Gastronomie
  • Netz von Fahrradwegen
  • Gute Breitbandversorgung

"Gerade die heißen Theken in den neuen Supermärkten sind der Wirtshauskiller schlechthin."

Dr. Manuel Trummer

Dr. Manuel Trummer

 

 

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