24.10.2021 - 07:00 Uhr
Schwarzenbach bei PressathOberpfalz

Dorfladen Schwarzenbach: Wie ein Lebensmittelgeschäft eine Gemeinde heilte

Vor zehn Jahren, heißt es, war Schwarzenbach bei Pressath am Ende. Die Bewohner waren unzufrieden. Ein Dorfladen brachte der Gemeinde die Kehrtwende. Über Geschäfte auf dem Land, einen mutigen Polizisten und dörflichen Zusammenhalt.

Walter Schäffler ist Geschäftsführer und einer der Gründungsväter des Schwarzenbacher Dorfladens. Im Geschäft gibt es frisches Obst und Gemüse aus der Region.
von Florian Bindl Kontakt Profil

Was dem Örtchen Schwarzenbach bei Pressath gelungen ist, klingt fast märchenhaft. Die Geschichte ist eigentlich zu gut, zu perfekt, um real zu sein. Genau im Zentrum der Gemeinde steht ein unscheinbares Gebäude, ein Anbau mit Holzverkleidung und Flachdach. Vor der Türe stapeln sich etliche Paletten mit Stiefmütterchen und Heidekraut in allen Farben. Wenig deutet darauf hin, dass hier ein Ort ohne Zukunft seine Kehrtwende hingelegt hat. "Dorfladen", die weißen Großbuchstaben an der hölzernen Fassade verraten, was sich drinnen verbirgt.

Schwarzenbach ist klein. Zumindest klein genug, um für einen Supermarkt aus dem Raster zu fallen. Etwas mehr als 1100 Menschen leben hier. Einen Metzger oder Bäcker gab es nie. Kleine Läden, die das Nötigste boten, das schon. Damals, vor vielen Jahren. Aber keiner davon existiert noch. Walter Schäffler, graues Haar, forscher Blick, ein Schwarzenbacher durch und durch, erinnert sich an diese Zeit. Fünf solcher Tante-Emma-Läden habe es zu seiner Kindheit und Jugendzeit in Schwarzenbach gegeben. Treffpunkte im Dorf, nicht nur zum Einkaufen, auch zum Ratschen, zum Tratschen.

"Der Ort war tot"

Weil die Besitzer älter wurden und Konkurrenz von Supermärkten, etwa in Pressath und Weiden, bekamen, verschwanden die Läden einer nach dem anderen. Ende der 2000er stand Schwarzenbach ohne jedes Lebensmittelgeschäft da. "Der Ort war tot, Es hat sich nichts gerührt, wenn die Leute von der Kirche wieder daheim waren", erzählt Schäffler, einer der Gründerväter und jetzt Geschäftsführer des Dorfladens. Die Gemeinschaft im Dorf, glaubt der 59-Jährige, habe in diesen Jahren dramatisch gelitten. "Die Schwarzenbacher waren einfach unzufrieden." Heute sei das ganz anders.

Es ist kalt an diesem Oktobermorgen. Grau, nass, aber vor allem kalt. Betritt man den Schwarzenbacher Dorfladen, klingelt ein Glöckchen. Der Verkaufsraum ist hell, die Regale aus Holz. Ein Bauarbeiter bekommt gerade eine Leberkässemmel von der Heißtheke serviert. Beim kleinen Café-Bereich in der Ecke des Ladens steht ein Tischchen mit Wollsocken. Ein Strickkreis, mehrere Damen aus Schwarzenbach, trifft sich hier jeden Mittwoch und liefert Nachschub. In den Regalen fällt vor allem auf: der Fokus aufs Regionale. Die klassischen Marken gibt es zwar auch. Doch Tees, Gebäck, Wurstwaren, Eier, vieles ist aus der Schwarzenbacher Umgebung. Schwarzenbach ist Vorbild für andere Gemeinden, die sich auch einen Dorfladen wünschen.

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Knapp 50 ehrenamtliche Helfer

Draußen fährt ein Auto heran, parkt neben dem Dorfladen. Eine Frau steigt aus, klemmt sich eine Kiste Blumen unter den Arm und stellt sie vor dem Laden ab. Als ihr Schäffler entgegenkommt, grüßt sie ihn freundlich. Ingrid Schmid zählt zum Team der ehrenamtlichen Helfer im Dorfladen. Sie ist für das Pflanzenangebot verantwortlich. Zweimal pro Woche gibt es frische Blumen. Ob sie auch den Wandel erlebt hat, den Schäffler beschwört? Das neue Schwarzenbach? "Auf jeden Fall", schnauft sie und stellt eine weitere Kiste mit Stiefmütterchen ab. "Ich liebe den Dorfladen, es ist eine Gemeinschaft. Schön, wenn so zusammengeholfen wird." Vieles sei besser geworden im Ort, gerade der Zusammenhalt. Knapp 50 Ehrenamtliche, meist aus Schwarzenbach oder dessen unmittelbarer Umgebung, helfen mit und halten den Laden in Schuss.

Das war schon den Gründern des Dorfladens wichtig. Ein Alleingang sollte es nicht werden. Dass der Ort an etwas krankte, dass etwas fehlte, die Unzufriedenheit wuchs, das war dem Gemeinderat bekannt. Eine Bürgerbefragung sollte klären, wie es weitergeht. Der Rücklauf: sensationell. "Mehr als 90 Prozent", erinnert sich Schäffler. Die Schwarzenbacher wollten einen Dorfladen. Das ehemalige Raiffeisengebäude mitten im Ortskern war perfekt. Die Gemeinde kaufte es der Bank ab und gründete eine Unternehmens-Gesellschaft. 2015 war das. Von da an konnten die Schwarzenbacher sich finanziell am Projekt Dorfladen beteiligen, indem sie sich als stille Gesellschafter einbrachten. In den folgenden Monaten kamen so knapp 37.000 Euro von Bürgern aber auch Vereinen wie der Feuerwehr zusammen. Wer einzahlte, war nicht nur Teil der Gesellschaft, er durfte auch mitreden. Noch weit mehr Geld floss freilich aus verschiedenen Fördertöpfen nach Schwarzenbach. Im Juni 2018 eröffnete der Dorfladen. Ehrenamtlicher Geschäftsführer: Ideengeber Walter Schäffler.

Neues auf Kundenwunsch

Der ehemalige Polizist bleibt bescheiden. "Ich bin dazu gekommen wie die Jungfrau zum Kind. Einen unternehmerischen Hintergrund habe ich jedenfalls nicht." Er dachte sich damals: Mit einem gesunden Menschenverstand wird´s schon klappen. "Genau so war es auch. Wir stehen heute auf stabilen Beinen." Rund 120 Stunden im Monat, so schätzt Schäffler, arbeitet er an dem Projekt. Auch heute noch. Es sei ja nicht damit getan, dass der Laden steht und läuft. "Wir haben das Ohr immer am Kunden. Gibt es etwas, was viele haben wollen und wir nicht anbieten?" Das Interesse an Fertigprodukten habe er zuerst unterschätzt. Außerdem gibt es die Möglichkeit, direkt im Laden Geld abzuheben. Fast wie damals in der Raiffeisenbank. Außen am Gebäude steht eine Fahrrad-Reparaturstation. Alles Wünsche der Schwarzenbacher, die Schäffler und sein Team umgesetzt haben. Während der Pandemie hatte der Laden sogar Kunden aus Weiden, die nicht in überfüllten Supermärkten einkaufen wollten. "Einige kommen auch heute noch bei uns vorbei", sagt Schäffler.

Der Dorfladen schreibt mittlerweile schwarze Zahlen, ernstzunehmende Gewinne gibt es allerdings nicht. "Es ist auch nicht unser Ziel, den Gesellschaftern Gewinne auszuschütten." Vielleicht einmal einen Gutschein, das sei in der Zukunft denkbar. "Wir wollen ja etwas für unseren Ort leisten", die Gewinne seien nebensächlich. Das Allerschönste aber, sagt Schäffler, sei, "dass man Leute im Schwarzenbach kennenlernt, mit denen man vorher nie etwas zu tun hatte". Der Ort steht zusammen, nicht nur nach der Kirche.

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Der Schwarzenbacher Dorfladen befindet sich im ehemaligen Raiffeisenbank-Gebäude im Ortszentrum.
Info:

Schwarzenbach und sein Dorfladen

  • Einwohner Schwarzenbach bei Pressath: 1153 (Stand 2019)
  • Kein Bäcker, kein Metzger bis zur Eröffnung des Dorfladens
  • Erste Überlegungen und Konzepte 2015
  • Gründung einer Unternehmens-Gesellschaft (UG), Schwarzenbacher kaufen Anteile für insgesamt gut 37.000 Euro
  • Finanzielle Förderung durch die Gemeinde und Programme des Bundes und der EU
  • Gemeinde kauft das ehemalige Raiffeisengebäude auf, Aus- und Umbau durch die UG
  • Eröffnung des Dorfladens im Juni 2018
Hintergrund :

Serie: Besondere Menschen und Orte in der Region

Was macht die Oberpfalz so einzigartig? Dieser Frage gehen die Volontäre von Oberpfalz-Medien auf den Grund. Anlässlich des diesjährigen Dreifach-Jubiläums im Medienhaus wollen sie die Vielfalt der Region würdigen. Sie suchen für die Serie "echt. Oberpfalz" nach besonderen Menschen, kreativen Köpfen, bunten Hunden, außergewöhnlichen Vereinen oder verrückten Traditionen, die unsere Heimat so einzigartig machen. Die Volontäre fahren einmal quer durch die Oberpfalz und machen Halt an berühmten und vielleicht nicht so berühmten Orten. Den Auftakt macht die Biodiversitätsgemeinde Tännesberg. Und es sollen noch viele weitere Städte und Gemeinden folgen. Bei Ihnen gibt es auch etwas Besonderes und Einzigartiges in Ihrem Heimatort? Dann schreiben Sie uns an jubi[at]oberpfalzmedien[dot]de. Vielleicht schauen unsere Volontäre auch in Ihrer Heimat vorbei.

 

 

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