03.03.2021 - 09:03 Uhr
TännesbergOberpfalz

Nahversorgung in Tännesberg: Irchenrieth und Schwarzenbach als Vorbilder?

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Eine gute Versorgung mit Lebensmitteln ist für eine Gemeinde unschätzbar wichtig. Tännesberg im Landkreis Neustadt/WN ringt seit Jahren um eine sinnige Lösung. Zwei kleine Orte könnten als Vorbilder dienen – aber auch abschrecken.

Rita Spranger betreibt einen kleinen Lebensmittelladen in Irchenrieth, Seitdem sich im Ort ein Discounter angesiedelt hat ist es „ein ständiger Kampf“.
von Florian Bindl Kontakt Profil

In der Gemeinde Tännesberg, im äußersten Südosten des Landkreises Neustadt, gab es jahrzehntelang zwei Lebensmittelläden. Keine Supermärkte, sondern kleine, heimelige Geschäfte, ohne die das Ortsleben nicht vorstellbar war. "Gresmo" und Grötsch" verhießen nicht nur Einkaufen, sie waren Treffpunkte der dörflichen Gemeinschaft. Heute gibt es beide Läden nicht mehr. Die Kunden waren weniger geworden, viele Stammkäufer verstorben. Im "Grötsch" ist mittlerweile eine Galerie eingezogen, die Verkaufsräume beim "Gresmo" stehen leer.

Seit Jahren ringen die Tännesberger deshalb um eine neue Möglichkeit, am Ort einkaufen zu können. Zwei Metzger und zwei Bäcker gibt es, eine Tankstelle mit Snacks auch. "Aber wenn es um Drogerieartikel oder bestimmte Lebensmittel geht, da haben wir momentan nichts", gibt Bürgermeister Ludwig Gürtler unumwunden zu. Eine Möglichkeit der Nahversorgung sei "unheimlich wichtig", das weiß er. Mit dem Versprechen, hier etwas voranzubringen, haben die Tännesberger ihn 2020 zum Bürgermeister gewählt.

Ideen gibt es viele. Die Tankstelle erweitern? Vorstellbar, aber passt das ins Konzept des Shops? Einen Dorfladen wie in den Nachbarorten Gleiritsch oder Trausnitz? Vielleicht, aber dafür braucht es viel Engagement aus der Bevölkerung. Einen Discounter anlocken? Für Gürtler schwer vorstellbar. Wie Tännesberg ging und geht es einigen Orten im Landkreis. Zwei Orte, Schwarzenbach bei Pressath und die Gemeinde Irchenrieth, haben das große Los gezogen. Auf jeweils eigene Art.

Regionales aus dem Dorfladen

Schwarzenbach war noch schlechter dran als Tännesberg. Das letzte Lebensmittelgeschäft sperrte vor über zehn Jahren zu, Metzger oder Bäcker hat es in der Gemeinde mit gut 1000 Einwohnern nie gegeben. "Wenn man früher durch Schwarzenbach gefahren ist", sagt Walter Schäffler, "da war alles leer. Heute rührt sich wieder was." Den Aufschwung gebracht hat ein Dorfladen, den Schäffler seit der Eröffnung 2018 leitet. In den 2010er-Jahren sei die Unzufriedenheit immer größer geworden, die Stimmen, die einen neuen Nahversorger forderten, immer lauter. Eine Bürgerbefragung ergab: Das Interesse an einem Dorfladen ist da. Regionale, gesunde Produkte in einem Gebäude mitten im Ortskern, das wär´s.

Der Schwarzenbacher Dorfladen im Portrait

Schwarzenbach bei Pressath

Die Entscheidung fiel auf das ehemalige Bank-Gebäude. Über eine eigene Unternehmens-Gesellschaft ließ sich der Umbau finanzieren. Über hundert Schwarzenbacher beteiligten sich als stille Gesellschafter. Freistaat, Bund und EU förderten das Projekt. Heute ist auf den Hinweisschildern des Ortes direkt unter dem Bürgerhaus der Dorfladen gelistet. Das Sortiment des kleinen Ladens ist gewaltig. "Für den Tagesbedarf ist alles zu haben", sagt Schäffler stolz. Ein kleiner Supermarkt mit Fokus auf Regionalität ist entstanden.

Und noch viel mehr: "Der Zusammenhalt im Ort ist gewachsen. Es sind Bevölkerungsgruppen zusammengekommen, die vorher nichts miteinander zu tun hatten." Auch durch ehrenamtliche Hilfe: Liefern, Blumen gießen, putzen, aufräumen, all das machen die Schwarzenbacher selbst, unentgeltlich. "Ohne dieses Engagement hätten wir keinen Dorfladen", betont Schäffler. Während der Corona-Pandemie profitiert Schwarzenbach sogar zusätzlich. Viele Kunden kämen aus dem weiteren Umland, weil sie nicht in die großen Einkaufszentren gehen wollten.

Discounter mit Schattenseite

2015 siedelte sich die Norma in Irchenrieth an

Was in Schwarzenbach mit dem Dorfladen gelang, ist in Irchenrieth die Norma an der B 22. "Mein Meisterstück", sagt Bürgermeister Josef Hammer. "Ich weiß von keiner Gemeinde im Landkreis mit nur 1200 Einwohnern, die einen Discounter bekommen hat." Seit gut fünf Jahren gibt es das Geschäft, auch deshalb, glaubt Hammer, sei die Einwohnerzahl auf mittlerweile 1550 gestiegen. Wie hat er das geschafft? "Da braucht es viele Kanäle, ein Anruf reicht sicher nicht", schmunzelt Hammer. Drei Jahre habe er mit dem Discounter gerungen und "vielleicht ein paar graue Haare bekommen". Am Ende sei er mit 1100 Quadratmetern Verkaufsfläche sogar größer geworden als gedacht. Außerdem lebe die Norma freilich nicht nur von den Irchenriethern. "Es ist ja kein Geheimnis, dass es im Umkreis nichts gibt." Im an den Discounter angrenzenden Kaffeehaus "bekommst du am Sonntag keinen Sitzplatz mehr, alles ausgebucht". Alle seien begeistert.

Nicht ganz. Für Rita Spranger war die Nachricht, eine Norma solle nach Irchenrieth kommen, ein Schock. Sie betreibt einen Dorfladen mit über hundertjähriger Geschichte im Ort. "Im ersten halben Jahr, nachdem die Norma da war, hätten wir gar nicht aufsperren brauchen. Es ist bis jetzt ein Kampf." Sie musste deshalb ihr gesamtes Angebot umstellen. Regional, einfach anders. "Ein Packerl Zucker kauft bei mir nur jemand, wenn er es in der Norma vergessen hat", seufzt sie. Mittlerweile habe es sich etwas eingependelt. Trotzdem betreibt sie nun parallel eine Kindergarten- und Schulkinderbetreuung, kocht Mittagessen. "Der Laden allein kann nicht mehr überleben." Ihre Enttäuschung ist deutlich zu hören. Hammer sagt dazu: "Ich kann doch die Norma nicht ausschließen, nur weil es ein anderes Geschäft schon gibt. Man muss sich eben umstellen."

Unterstützung aus Tirschenreuth

Nördlich des Landkreises, in Tirschenreuth, hat das Amt für ländliche Entwicklung seinen Sitz. Es unterstützt Orte, die eine Dorferneuerung vorantreiben oder eben die Nahversorgung verbessern wollen, finanziell wie organisatorisch. So entstand etwa in Waldthurn ein Dorfladen, in Luhe-Wildenau vergrößert die Metzgerei Tretter mit Zuschüssen des Amtes ihre Verkaufsfläche erheblich.

Was rät Amtsleiter Thomas Gollwitzer Gemeinden, die sich eine bessere Lebensmittelversorgung wünschen? Mit dem Förderprogramm für Kleinstunternehmer lassen sich lokale Ideen realisieren. "Gibt es bereits Konkurrenz im Ort, fördern wir nicht. Wir wollen niemanden aus dem Geschäft drängen", sagt Gollwitzer. Letztendlich gehe es bei der Nahversorgung aber um nicht weniger als Lebensqualität. Vor die Wahl zwischen Discounter oder Dorfladen gestellt, würde Gollwitzer klar für den Dorfladen abstimmen "Er ist auch Treffpunkt und Kommunikationszentrum eines Ortes", sagt er und stützt damit die Position der Schwarzenbacher.

In Tännesberg dauert die Ideenfindung derweil an. Bürgermeister Gürtler kennt all die Argumente pro und contra Discounter. Er weiß um die Vorteile eines Dorfladens. Dennoch wird es Zeit brauchen, bis ein Konzept steht. Auf keinen Fall sollen die vorhandenen Geschäfte ruiniert werden. Einen Discounter ansiedeln, der dann einen eigenen Bäcker mitbringt, das käme nicht in Frage. Sobald die Pandemie es wieder zulasse, solle zumindest ein Bürgerbus organisiert werden, der gerade Senioren zu Metzger und Bäcker im Ort fährt, aber auch etwa nach Oberviechtach in einen Supermarkt. Mehr als eine Zwischenlösung ist das aber nicht. In etwa zwei Jahren hofft Gürtler dann ein Ergebnis der Überlegungen präsentieren zu können. Irchenrieths Bürgermeister, der zufällig aus der Gemeinde Tännesberg stammt, weiß: "Es braucht einen langen Atem und ein gutes Konzept, dann funktioniert das schon."

Hintergrund :

Drei Orte, drei Konzepte für die Nahversorgung

  • Markt Tännesberg
    Einwohner: 1487 (Stand: 2018)
    Lebensmittelgeschäft: nein
    Metzger: 2
    Bäcker: 2
  • Irchenrieth
    Einwohner: 1550
    Lebensmittelgeschäft: Discounter und Dorfladen
    Metzger: 0
    Bäcker: 0
  • Schwarzenbach bei Pressath
    Einwohner: 1152
    Lebensmittelgeschäft: Dorfladen
    Metzger: 0
    Bäcker: 0

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