14.08.2019 - 10:00 Uhr
NeualbenreuthOberpfalz

82 Stufen zur Erinnerung

Der Grenzlandturm in Neualbenreuth gewährt einen Blick in die Geschichte des Grenzkamms. Am Bau vor knapp 60 Jahren sind viele Vertriebene beteiligt. Sie schauen mit dem Fernrohr in die alte Heimat. Inzwischen kommen neue Besucher.

Arthur Sommer, der Vorsitzende der ARGE Grenzlandturm, wünscht sich ein neues Fernrohr. Immerhin, sagt er, sei das alte Fernrohr fast so alt wie der Turm selbst.
von Ulla Britta BaumerProfil

82 Stufen geht es hinauf auf den Grenzlandturm oben auf einer Höhe von 645 Metern über dem Meeresspiegel und über dem Markt Neualbenreuth. In diesem Jahr feiert das Denkmal, das an die Vertreibung der Sudetendeutschen erinnert, seinen 58. Geburtstag. 1961 wurde das imposante Bauwerk aus Holz eingeweiht.

"Am Bau waren viele Vertriebene beteiligt", weiß Arthur Sommer, der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Grenzlandturm und Gedenkstätte e.V.. Diese ARGE, erzählt er, sei von der Sudentendeutschen Landsmannschaft Neualbenreuth gegründet worden. Inzwischen gehören zu den Mitgliedern die Sudentendeutsche Landsmannschaft Bayern, der Oberpfälzer Waldverein, der Markt Neualbenreuth, der Egerer Landtag, der Heimatverband der Marienbader und der Fremdenverkehrsverein.

Sommer ist froh, mit Emil Ristl einen Pächter für die Turm-Gaststätte gefunden zu haben. "Die Leute, die hier heraufwandern, wollen einkehren. Das geht nicht, dass nicht geöffnet ist", sagt er. Emil Ristl ist von Anfang April bis Ende Oktober da (geöffnet ist bis Oktober dienstags und mittwochs von 14 bis 20 Uhr, donnerstags bis sonntags von 10 bis 20 Uhr und an den Feiertagen. Montag ist geschlossen).

Hinter Stacheldraht

14 000 bis 15 000 Turmbesteigungen habe es früher gegeben, so Sommer. Das sei vorbei. Immerhin sind es heute wieder jährlich bis zu 2400 Gäste, die von der 19 Meter hohen Plattform aus die Landschaft bewundern. Früher, so Sommer, seien es die Sudentendeutschen gewesen, die hier in die für sie durch den Stacheldrahtzaun verschlossene Heimat schauten.

"Heute kommen tschechische Wanderer herüber durch die offene Grenze und schauen auch heim", freut sich Sommer über die erfreuliche Kehrtwende der Historie. Das Kleinod nimmt jeden Gast, sobald dieser die Stufen der steilen Holztreppe betritt, für eine Weile mit in vergangene Tage am Grenzkamm des Stiftlands. Von draußen betrachtet wirkt er imposant, im Sonnenlicht spiegelt sich die Kupferblechverkleidung. Diese sei notwendig geworden, weil das Holz marode geworden wäre, sagt Sommer. Wer die Wendeltreppe betritt, muss zuerst die Augen weit öffnen, um sich an die plötzliche Finsternis im Treppenhaus zu gewöhnen. Steil geht es hinauf über die Wendeltreppe aus dunklem Holz. Jede der von vielen Tausend Menschen abgetretenen Stufen erzählt beim Hinaufklettern seine eigene Geschichte. Man möchte wissen, welche Schicksale diese Menschen erfahren mussten, die hier heraufstiegen, noch voller Gram über die Ungerechtigkeiten des Krieges.

Für einen Laien ist in Richtung Tschechien zuerst nur Wald zu erkennen. Eingeweihte kennen jeden Baum, jeden Strauch und jedes Fleckchen drüben, wo einst kleine Dörfer, ein Bahnhof oder ein Weiler zu sehen waren. Alles ist verschwunden, von der Natur gnädig überwuchert. Was geblieben ist, ist der Turm und das traditionelle Turmfest immer am zweiten Sonntag im August, ein wichtiges Kulturgut für die Marktgemeinde und seine Geschichte.

Wie der Turm selbst, dessen Aussichtsplattform plötzlich leicht schwankt. Ein Wanderer mit Rucksack kommt herauf durch den schmalen Einstieg. Er will die herrliche Landschaft durchs offene Fenster betrachten. Arthur Sommer hat einen Schlüssel, sperrt ausnahmsweise auf.

Umsonst gucken

Der Wanderer möchte zum Tillenberg, hat sich 17 Kilometer Wanderweg vorgenommen. Wanderer, Radfahrer, die Urlauber, Familien aus dem Stiftland, die Senioren aus der Nachkriegsgeneration: Das sind die Gäste von heute, die nach 82 Treppen auf 19 Meter Höhe mit geschichtsträchtigem Gedankengut und einem wunderbaren Panorama belohnt werden. Damit das so bleibt, dafür sorgt der Verein. "Ein neues Fernrohr wäre schön", seufzt Arthur Sommer. Aber das würde 5000 Euro kosten. Das alte Teil ist beinahe so alt wie der Turm selbst, antiquarisch.

Einst für 10 Pfennig, heute für 20 Cent darf man damit weiter schauen, als das eigene Auge reicht. "Aber man muss gar nichts mehr reinwerfen", verrät Arthur Sommer schmunzelnd. Die Technik sei ausgehebelt worden, damit die Leute kostenlos gucken können. Nur würden viele trotzdem Geld reinwerfen. Gut so, jeder Cent ist wichtig für den Erhalt des schönen Grenzlandturms und seiner Geschichte.

Der Grenzlandturm Neualbenreuth ist nicht nur eine imposante Erscheinung. Er hat eine interessante Geschichte.
Das Panorama auf 19 Metern Höhe ist ein Traum: Blick auf Neualbenreuth von oben.
Vor dem Turm am Eingang zum großen Gartengelände rund um den Turm ist die Miniatur der ehemaligen Zillen-Schutzhütte aufgebaut. Von ihr stehen nur noch die Grundmauern.
Von dieser Plattform aus kann man das Grenzland rundherum ausgiebig betrachten, erklärt Arthur Sommer.
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