04.04.2019 - 14:54 Uhr
NeualbenreuthOberpfalz

Zerrissen zwischen Waldsassen und Eger

Die "Fraisch" ist bis ins 19. Jahrhundert hinein geteilt unter der Herrschaft Österreichs und Bayerns. Das führt zu manchen Kuriositäten.

Gregor Köstler stellte sein Buch „Zwischen Österreich und Bayern. Die Fraisch mit der Simultaneums-Pfarrei Neualbenreuth im 19. Jahrhundert“ vor.
von Externer BeitragProfil

(exb/dt) Der böhmische Dudelsack war bis zum Siegeszug des Akkordeons aus der klassischen Besetzung einer Wirtshausmusik, meistens mit Geige, Kontrabass und Klarinette, bis ins 20. Jahrhundert hinein nicht wegzudenken. Diesseits und jenseits der jetzigen Grenze zur Tschechischen Republik. "Aus heutiger Sicht quasi ein grenzübergreifendes, aus damaliger Sicht wohl vor allem gern gespieltes Instrument", sagt Gregor Köstler. Das Thema "Grenze" zieht sich wie ein roter Faden durch sein jüngst veröffentliches Buch "Zwischen Österreich und Bayern. Die Fraisch mit der Simultaneums-Pfarrei Neualbenreuth im 19. Jahrhundert".

"Kein anderer Titel wäre dafür passender gewesen, um die Mühlen des nationalstaatlichen Abgrenzungsprozesses des 19. Jahrhunderts zu beschreiben, in die das historische Gebiet der sogenannten Fraisch geraten war", erklärt der gebürtige Neualbenreuther. "Eben zwischen Österreich und Bayern." Denn: "So klein die Fraisch auch war, so kurios war ihre Existenz bis zum 24. Juni 1862, ihrem Ende durch den sogenannten ,Wiener Staatsvertrag'." Die Fraisch, das bedeutete eine jährlich wechselnde Hochgerichtsbarkeit zwischen dem Stift Waldsassen und der Stadt Eger mit Neualbenreuth als zentralem Ort. Das Wappen der Marktgemeinde Neualbenreuth ist eine Reminiszenz an diese Verbindung zum Kloster Waldsassen - dargestellt durch den roten Drachen des Geschlechts der Diepoldinger sowie zur Stadt Eger durch das Leistengitter auf rotem Grund.

Karte entdeckt

Bis zum 16. Jahrhundert hatte sich in der Fraisch eine unübersichtliche Gemengelage der rechtlichen Zuständigkeiten ergeben, die von Haus zu Haus, von Bürger zu Bürger variieren konnte. In Verantwortlichkeit standen sich nicht mehr nur das Stift Waldsassen und die Stadt Eger als Korporationen gegenüber, sondern aus historischen Entwicklungen heraus, respektive die Pfalz (in einem Schutzverhältnis mit Waldsassen) sowie die Krone Böhmens (Verpfändung des Egerlands durch Ludwig IV., den Bayern, 1322). Das Buch von Gregor Köstler zeigt auch eine Karte, die "wohl eine der wichtigsten Entdeckungen im Zuge der Recherchen" ist, weil sie auch den Anlass der Entstehung der Fraisch zeigt. "Neben der wunderschönen und detailgetreuen Landschaft zwischen Waldsassen und Eger, ist der am 26. November 1589 auf egerischem Grund ermordete Sattler Jörg Mayerhofer nebst seinem Mörder aus Waldsassen eingezeichnet." Die Karte stammt aus dem Nationalarchiv in Prag.

"Wir stehen also vor folgender Situation: ein von einem Stiftischen ermordeter Handwerker auf egerischem Grund wird von den Waldsassenern von dort weggeholt. Die verqueren Zuständigkeiten müssen bereits zur damaligen Zeit ein sehr ungutes Gefühl bei den Obrigen erzeugt haben." So wurde am 3. Oktober 1591 der als "Fraisch-Rezess" bezeichnete Vertrag geschlossen. Im Zentrum dieser Abmachung stand die Errichtung eines Kondominiums, in dem sich das Stift Waldsassen und die Stadt Eger die Jurisdiktion und die Obergerichtsbarkeit "alternatim, ein Jahr umbs ander, umgewechselt gebrauchen". Die Hochgerichtsbarkeit sollte jährlich wechseln.

Hohe Gerichtsbarkeit

Auch mit der Herkunft des Wortes "Fraisch" beschäftigt sich Gregor Köstler. Für den Fraischbezirk sei vor allem die Bedeutung als "Gerichtsbezirk" relevant, in dem "die Gerichtsbarkeit über Leben und Tod, die peinliche Gerichtsbarkeit, Halsgerichtsbarkeit, der Blutbann, das Obergericht", sprich: die hohe Gerichtsbarkeit "in Criminalsachen" oder "hohe Fraisch" verhandelt wird. Die Neualbenreuther "Fraisch" hatte diese Bezeichnung allerdings nicht exklusiv. Im mittelalterlich- und frühneuzeitlichen juristischen Sprachduktus stellte es eine gängige Wendung in Vertrags- und Urkundentexten für Gebiete und Territorien dar, in denen die hohe Gerichtsbarkeit, die "fraisch", ausgeübt wurde. Exklusiv und zu einem Kuriosum wird es seit dem 19. Jahrhundert. Für den Landstrich scheint sich das Wort als Alleinstellungsmerkmal verselbständigt zu haben. "Damit war nämlich nicht mehr nur irgendeine, sondern explizit diese ,Fraisch' gemeint."

Im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts haben sich die rechtlichen Zuständigkeiten immer weiter nach oben bewegt. "Aber für die Bürger war es so wie immer: bei hochrichterlichen Problemen entweder nach Eger oder nach Waldsassen wenden." Bereits seit dem Ende des 18. Jahrhunderts bemühten sich die betroffenen Behörden durch Anrufung der obersten Stellen wiederholt um eine Bereinigung der überkommenen Herrschaftsstrukturen in und um Neualbenreuth. "Das Fraisch-Territorium war grenzüberschneidend und stand ganz einfach im direkten Interessenskonflikt zweier Nationalstaaten." Zusammen mit der Abtrennung des Egerer Dekanats von der Diözese Regensburg, wozu auch die Pfarrei Neualbenreuth gehörte, bedurfte es als letzter Rest so gearteter frühneuzeitlicher Herrschaftsverhältnisse einer Sonderregelung. "Diesbezügliche Versuche eine einheitliche Grenze zwischen Bayern und Österreich zu ziehen, scheiterten trotz immer stärker werdender Bemühungen seit Beginn des 19. Jahrhunderts." Eine definitive Grenze konnte erst zum 20. Juli 1846 endgültig festgelegt werden.

Der sogenannte Wiener Staatsvertrages vom 24. Juni 1862, quasi das Schlussdokument der Fraisch bildet einen wesentlichen Teil des Buches. "Doch warum war erst 1862 Schluss? Satte 16 Jahre nachdem doch eigentlich alles geklärt schien." Stichwort: Simultaneums-Pfarrei. "Es mischten nämlich nicht nur die beiden Staaten Bayern und Österreich in ihrem Abgrenzungswillen kräftig mit, sondern die katholische Kirche." "Simultaneum" beschreibt in seiner kirchenrechtlichen Bedeutung die parallele Existenz zweier oder mehrerer Konfessionen innerhalb eines Staates und deren Duldung. "Zweier oder mehrerer Konfessionen. Und nicht zweier katholischer, was strengstens verboten war." Aber genau diese Situation stellte sich in der Fraisch-Pfarrei und führte zu kuriosen Situationen. "Stellen Sie sich vor, sie sind bayerischer Pfarrprovisor in der Fraisch-Pfarrei Neualbenreuth und zuständig für die Seelsorge der bayerischen Schäfchen. Ein Provisor? Genau, Sie sind kein ganzer Pfarrer, denn davon konnte es ja nur einen am Ort geben, einen Platzhirschen, sozusagen. Und der war leider Österreicher, da das Patronatsrecht der Stadt Eger oblag."

Kein Schlüssel zur Kirche

Der österreichische Pfarrer durfte den Pfarrhof bewohnen und bezog ein volles Pfarrergehalt. Der Provisor war auf Almosen angewiesen und hatte nicht einmal die Schlüssel zur Neualbenreuther Kirche. "Und jetzt kommen Sie und wollen mit den bayerischen Katholiken die Heilige Messe feiern. Sie haben also ein Problem. Wer also glaubt, dass es bei zwei katholischen Geistlichen an einem Ort nur um die Sache, also den Glauben, gehe: weit gefehlt."

Grenze spielt in der Arbeit in vielfältiger Weise eine große Rolle und soll zum Lesen, auch zwischen den Zeilen, anregen. "Nicht nur weil es um Grenzziehung, um Abgrenzung und um eine Kategorisierung in ein ,Wir' und ,Ihr' geht, ist diese Thematik so interessant", sagt Gregor Köstler. "Auch weil sie eine ganz besondere Aktualität besitzt und Grenzen in den Köpfen von heutigen Menschen fester Bestandteil des Denkens zu sein scheint, die immer erst überwunden werden müssen, um Ziele zu erreichen."

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