30.10.2019 - 11:22 Uhr
NeualbenreuthOberpfalz

Wenn der Ziegenbock zum Rehbraten wird

Mit einem Zitat von Julius Kober eröffnete Albert Köstler den Abend im Sengerhof in Neualbenreuth vor vielen an der Heimat Interessierten. Sie erlebten einen virtuellen Spaziergang durch den Ort in den 50er Jahren mit lustigen Episoden.

Ein Foto des Hauses Nr. 69 der "Goaßbuack-Marie" aus dem "Häuserbuch der Rosa Jäger".
von Autor ENZProfil

Julius Kober, thüringischer Heimatforscher und Schriftsteller, sah es als Verdienst, "von der Wiege bis zur Bahre, ein ganzes Leben lang um die Heimat und ihre Erkenntnis zu kämpfen". Der Altbürgermeister und Archivbetreuer freute sich, dass ein großes Publikum "trotz Klimawandel und bevorstehendem Weltuntergang", so Köstler, seinem Vortrag aus dem Häuserbuch der ehemaligen Schulleiterin Rosa Jäger aus den 1950er Jahren zuhörte. Alle vorgestellten Anwesen waren ehemals böhmische Hausanwesen, wie es einem Vergleich zur Baupflicht an den Kirchen- und Schulgebäuden zu Neualbenreuth vom 28. April 1874 zu entnehmen ist.

Ausgehend vom "Balnigl", die "Obere Dorfstraße" hinunter, die Mitte der 50er Jahre noch nicht geteert war, führte der virtuelle Spaziergang am "Oberen Bummelgarten" mit dem "Kesslsimer-Teich" vorbei zum "Gungabauern-Hof".

Großfeuer kurz vor Heiligabend

Dabei wurde ein Großfeuer von 1962 wieder lebendig, das einen Tag vor Heiligabend ausbrach und dem ein Großteil des Gungabauernhofes zum Opfer fiel. Es war bitterkalt, das Löschwasser gefror zu einer geschlossenen spiegelglatten Eisfläche im Hof und auf der Straße. Einige der anwesenden Zuhörer waren damals als junge Feuerwehrmänner im Einsatz und riefen die Dramatik dieses Abends wieder anschaulich in Erinnerung. Über das "Mauerer-Anwesen", dessen Wohnhaus vormals noch einen Fachwerkgiebel besaß, ging es zum "Tripfhaisl" der Geschwister Josef und Maria Hebert, im Volksmund "Goaßbuack-Marie" genannt. Sie betreute schon seit 1941 den Gemeinde-Ziegenbock, der vom Ziegenzuchtverband Schwandorf für 85 Reichsmark erworben wurde.

Als in den Jahren 1960/61 dem Wunsche der "Goaßbuack-Marie" auf Nutzung eines nahe liegenden Angers für ihre Ziegenhaltung von der Gemeinde nicht nachgekommen wurde, berichtet der damalige Bürgermeister Ludwig Fischer dem Gemeinderat laut Protokoll, dass "heute in der Mittagsstunde Frl. Marie Hebert, die bisherige Bockhalterin, den für die Gemeinde dort stationierten Ziegenbock in den Hof seines Anwesens gebracht habe und nach einer kurzen Bemerkung davon geeilt sei." Der Grund hierfür sei bekannt. Der Ziegenbock hatte längst über die Zeit Dienst geleistet und, so der Bürgermeister, wäre reif zum Verkauf, wozu er ermächtigt wurde.

Ziegenbock nach Konnersreuth

Lauthalses Lachen brach aus, als ein Zuhörer ausrief: "Und ich weiß auch, wie es mit dem Ziegenbock weiterging! Er wurde einem Viehhändler aus Grün bei Konnersreuth verkauft, der den Ziegenbock nach dem Schlachten dem Männergesangverein Konnersreuth als ,Rehbraten' servierte!" Es dauerte eine Weile, bis unter den Zuhörern kurzzeitig Ruhe einkehrte - bis der anwesende Bäckermeister Siegfried Stähli einen Vorfall mit einer vom Gemeinde-Ziegenbock der "Goaßbuack-Marie" während der Gemeinderatssitzung frisch gedeckten Ziege schilderte.

Sein Vater Melchior Stähli und der Besitzer der Ziege, Lorenz Scharnagl aus Altmugl waren im Gemeinderat. Damals ohne Fahrzeug, hat der Altmugler den Stähli Melchior gebeten, ihn nach der Sitzung nach Hause zu fahren. Nach Zustieg des Altmuglers deutete dieser an, er hätte noch einen "Fahrgast" zum Mitnehmen. Kurzerhand wurde die Ziege von Hebert Marie abgeholt, in den Opel Olympia, Baujahr 1938, mit vereinten Kräften auf dem Rücksitz platziert und nach Altmugl gefahren. Der virtuelle Spaziergang ging dann weiter: Vorbei am "Bärnhaisl" und dem Mitte des 19. Jahrhunderts noch existierenden Wohnstallhaus des Peter Forster, Hausname "Peterl", auf dem später der "Irrgang-Stodl" stand, zum "Zeidler-Huaf" von Georg Ruderer (jetzt Michael Weber) zum "Grillngeiger-Huaf", der erstaunlicherweise ehedem dem Freiherrn Notthaft von Weißenstein in Friedenfels lehenbar war, und der vor einem Neubau ein stattliches Fachwerk zeigte. Heute wird der Hof von Erwin und Heidi Löw bewirtschaftet.

Symbolische Einkehr

Weiter führte der Ortsspaziergang am "Gouglhuaf" (heute Weber/Riedl) mit dem aus Holz gebauten Nebenhaus, in dem auch eine Familie wohnte, vorbei zum "Flaucher" (Schels), "Geigerbartl" (Frank) zum "Howerer" (Summer). Am Ende des Vortrags wurde symbolisch im ehemaligen Gasthaus "Zum Till'n" beim "Siegamund" von Lorenz Sporrer eingekehrt. Das historische Foto weckte Erinnerungen an dort Erlebtes - die legendären Singstunden des Männergesangvereins oder das "Fosnataagrobm" am Faschingsdienstag. Der Wirt, Lorenz Sporrer hatte in Neualbenreuth den ersten Bulldog, einen Röhr, 15 PS. Nach seinen eigenen Angaben hatte dieser einen täglichen Dieselverbrauch von 6 Liter.

Nach knapp zwei Stunden führte der Spaziergang durch längst vergangene Zeiten zurück in die Gegenwart, und die Teilnehmer plauderten und disputierten nach altem Brauch noch geraume Zeit über das Erfahrene und spendeten reichlich Beifall.

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