19.10.2020 - 15:40 Uhr
Neuhaus/WindischeschenbachOberpfalz

Punkt zwölf ist Schluss mit dem Frühschoppen in Neuhaus

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In Neuhaus bei Windischeschenbach schließt vor 50 Jahren ein Wirtshaus. Nach der Messe in St. Agatha gründet sich daraufhin auf der anderen Straßenseite ein Stammtisch. Der existiert immer noch.

Das Gruppenbild zum 50 jährigen Bestehen des Stammtischs im Gasthaus "Zum Waldnaabtal" entstand schon früh im Jahr. Dann bremste die Corona-Pandemie auch die Stammtischbrüder mit ihren Festplänen aus. Unten von links: Ernst Schönberger, die Seniorwirte Sophie und Franz Bäumler, Bernhard Riebl und Felix Frank; Mitte von links: Albert Beer. Manfred Punzmann und Ferdinand Schönberger; hinten von links: Siegfried Windschiegl, Johann Kreinhöfner, Wolfgang Höning, Wirtin Alexandra Bäumler und Hans Franz. Außerdem kommt Robert Beer regelmäßig zum Stammtisch.
von Uwe Ibl Kontakt Profil

Die Feier zum 50-jährigen Bestehen des Stammtischs wurde durch Covid-19 jäh ausgebremst. Klar, man treffe sich auch in dieser Zeit, soweit zulässig Sonntag für Sonntag kurz nach 10 Uhr im Gasthaus "Zum Waldnaabtal" zum Frühschoppen, aber ein Fest wie zum 10., 20., 25., 30. und 40. Bestehen gab es nicht. Also auch kein Vetterl-Trio, keine Blaskapelle und kein Spanferkel. Immerhin spendierte Wirtin Alexandra Bäumler im Herbst ein Essen. Die Stammtischfreunde ehrten Seniorchefin Sophie Bäumler und dankten ihrem Präsidenten Ernst Schönberger mit einem Essengutschein.

Zur Runde gehören derzeit zwölf Männer im Alter zwischen Mitte 50 und Mitte 80. Der Kern entstammt den Jahrgängen 1943, 1944 und 1945. Bemerkenswert: Bis auf Heinrich Windschiegel leben alle noch, die von Anfang an dabei waren. Der ehemalige Müller war als „Kümmerer“ eine der treibenden Kräfte des Stammtischs. Als Nachfolger haben die Mitglieder Ferdinand Schönberger „assa g’schaut“. Das heißt, alle sitzen mit gesenkten Köpfen am Tisch. Auf Kommando gehen die Blicke nach oben und sie schauen den an, für den sie votieren. Durch diese besondere Wahlprozedur wird alljährlich auch der Präsident bestimmt. Von Anfang an wird auf diese Weise Ernst Schönberger „assa g’schaut“.

Die Wurzeln des Stammtischs reichen in die Zeit, als man Ende der 60er Jahre im ehemaligen "Bahler"-Wirtshaus am Tisch neben der Theke zusammengesessen war. Als das Gasthaus 1969 zur Landkirwa schloss, zogen die Gäste mit den "Neuhauser Boum" und Trauerflor zum "Sausewind", dem Gasthaus "Zum Waldnaabtaler". Der baute um und wurde anschließend nach dem Gottesdienst Heimstatt zum Frühschoppen. Dort treffen sich die Stammtischbrüder weiterhin Sonntag für Sonntag. Das ist Pflicht.

Wer an diesem Tag nicht kommt, muss einen zwei Liter fassenden Krug zahlen. Außer am ersten Sonntag im Monat. Da haben die Frühschoppler frei. Die meisten sitzen aber dennoch zusammen, nicht beim „Sausewind“ sondern in der Zoiglstube, die gerade aufhat.

An regulären Stammtischsonntagen hängt Wirtin Alexandra Bäumler die Fahne über den Tisch. „Wenn sie das vergisst, muss sie einen Krug spendieren“, verweist Albert Beer vom Lindenhof auf eine weitere Regel. „Das ist Kult“, freut sich Bäumler über die Stammtischler. „Und sie sind überpünktlich. Punkt 12 Uhr sind sie weg. Wie wenn die Uhr danach schlägt. Das ist wie früher.“ Sie sei glücklich, solange die Runde bei ihr zusammensitze. „Manche Hausgäste sagen, das ist toll. Dass es so etwas noch gibt. Das muss beibehalten werden.“

Weil pünktlich Schluss und somit das Mittagessen mit der Familie gesichert sein, gebe es auch keinen Nach-Frühschoppen-Krach zu Hause. Außerdem seien die Ehefrauen bei den Festen am Himmelfahrtstag mit dabei. Diese gemütlichen Treffs hatte früher Heinrich Windschiegl an der Mühle organisiert, jetzt macht das Hans Franz.

„In den Anfangsjahren, wenn einer geschlachtet hat, hat er Presssack mitgebracht“, erinnert Manfred Punzmann. „Die Frauen haben geschimpft, dass man den ins Wirtshaus mitnimmt.“ Ernst Schönberger weiß von einem Faschings- oder Kirwastammtisch, der unerwartet länger dauerte als bis 12 Uhr. „Ferdl (Ferdinand Windschiegl) ist plötzlich aufgestanden, nach Hause gegangen und mit Spotzn und Rehbraten wiedergekommen.“ Aber sonst: „Um 12 Uhr ist Schluss. Da wird nicht durchgesoffen“, so Beer.

Überhaupt sei der Alkohol kein Thema bei den Stamtischbrüdern, bestätigt Wirtin Alexandra. "Sie trinken auch mal alkoholfreies Weizen." Noch etwas ist der Runde wichtig: "Neue Stammtischfreunde sind jederzeit erwünscht."

Luigi Colani hat das rote Auto entworfen, auf dem die Stammtischfreunde 1971 eine Runde durch Neuhaus drehten.
Anekdoten und Hintergründe:

Wintersport, Colani und eine Schaufel als Gitarre

  • Die Stammtischfreunde betrieben einige Jahre am Hang hinter der Kurve am Neuhauser Berg einen selbstkonstruierten Skilift am Binnerpoint. Dazu gruben sie eine Autoachse im Boden ein und gossen sie mit Wasser an, das dann festfror. Gezogen wurden die Sportler durch mit Weberknoten verbundene Heuaufzugseile, erinnert sich Ernst Schönberger. Der Antrieb erfolgte über die Zapfwelle eines Traktors. Ein Nachmittag Skivergnügen kostete 50 Pfennig. Für die Sieger der Meisterschaften im Abfahrt und Langlauf gab es Urkunden von der damals noch selbstständigen Gemeinde Neuhaus.
  • Etliche Jahre hat der Stammtisch den Maibaum in Neuhaus aufgestellt. Zur Bewachung erschien Ferdinand Windschiegl als Nachtwächter.
  • Windschiegl fungierte zusammen mit Brigitte Kreinhöfer (Wolf'n-Gitte) vor Jahren als Prinzenpaar des Stammtischs. "Die Kappe vom Ferdl habe ich noch Zuhause", sagt Manfred Schoilmichl.
  • Aus dem Erlös vieler Feste hat der Stammtisch immer wieder Spenden übergeben unter anderem für die Renovierung der Agatha-Kirche.
  • Auf einem roten zweisitzigen Flitzer, für dessen Karosserie aus Glasfaser Stardesigner Luigi Colani verantwortlich zeichnete, fuhren die Stammtischfreunde 1971 durch Neuhaus. Colani übernachtete damals beim "Sausewind", als er mit der Annahütte zusammenarbeitete.
  • Den 40. Geburtstag feierte der Stammtisch mit den Burgsteigmusikanten. Dabei gab der Präsident eine Gitarren-Einlage mit der hölzernen Getreideschaufel.
  • Das Protokollbuch des Stammtischs besteht aus zwei beidseitig eng beschriebenen DinA3-Blättern. Sie stecken in einem Bilderrahmen mit dem jeweils aktuellen Gruppenbild.

Luigi Colanis Beziehung nach Windischeschenbach

Windischeschenbach

Am Stammtisch wird über alles geredet von Politik bis Fußball

Felix Frank

Felix Frank

Zum Stammtisch geht man hin, damit man zusammenhält. Es geht ums Zusammengehörigkeitsgefühl. Früher hat man gesagt, am Stammtisch wird Kommunalpolitik gemacht.

Albert Beer

Albert Beer

Die Tochter sagt immer: Was machst Du denn daheim? Beim Stammtisch komme ich von zu Hause weg und höre Neuigkeiten. Wenn ich Zoigl habe, falle ich aus.

Manfred Punzmann

Manfred Punzmann

Ich gehe zum Stammtisch wegen der Gemütlichkeit und weil dort das neueste diskutiert wird, was in der Stadt los ist.

Bernhard Riebl

Bernhard Riebl

Am Sonntag wird das ausgeredet, was sich in der ganzen Woche in der Stadt ereignet hat. Früher hat man gesagt, was in Windischeschenbach passiert, wird am Stammtisch beredet.

Ernst Schönberger

Ernst Schönberger

Präsident Ernst Schönberger liest in einer der vier Seiten des Protokollbuchs des Frühschoppenstammtischs beim Gasthof "Zum Waldnaabtaler".
Präsidentenwahl. Auf Kommando heben alle Stammtischbrüder den Kopf und schauen seit 50 Jahren auf Ernst Schönberger (Mitte) , der damit "assa g'schaut" ist.
Ernst Schönberger demonstriert den Brauch der Wahl beim Frühschoppenstammtisch.
Bilder holen viele Erinnerungen an gemeinsame Aktionen der Stammtischfreunde hervor.
Gruppenbild aus den ersten Jahren des seit 50 Jahre bestehenden Stammtischs beim "Sausewind".

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